Ich bin eine Frau. Wenn ich genau das den Frauen gerade zugerechnete Durchschnittsalter erreichte, hätte ich exakt 42.678.720 Minuten* zu leben. Dann wäre mein Leben um. Rumgebracht habe ich davon schon 10.512.000. Ungefähr.
Was aber macht man nun eigentlich mit 42.678.720 Minuten? Wie kann man sie am Sinnvollsten verbringen? Wissen in sich hineinstopfen, Herumreisen? Gedanken in die Welt tragen? Menschen kennenlernen? Alles ausprobieren? Meditieren? Die Welt retten? Nützliches erfinden? Freude und Glück in die Welt tragen? Wenn Allensbach die Deutschen fragte, wären wahrscheinlich alle diese und noch mehr Antworten dabei. Es ist einfach nicht zu sagen. Kein Philosoph kann sich anmaßen zu sagen: “That’s the point. And nothing else.” Zumindest würde ihr jeder verhöhnen. “Was weißt Du schon von meinem Leben?”
Aber wissen wir es selbst? Verwenden wir unsere 42.678.720 Minuten sinnvoll? Füllen wir sie mit dem, was wir für lebenswert erachtet haben? Wenn wir reisen, um die Welt zu sehen. Was sehen wir dann? Sieht der mehr, der einfach durch Straßen, Wälder und Berge streift, schaut, auch mal stehenbleibt oder sich hinsetzt. Oder der, der durch die selben Straßen, Wälder und Berge streift, aber schnell, schnell, schließlich gibt es soviel zu sehen, soviel zu hören. Man ist ja nicht immer hier. Und die Welt ist groß. Knips. Knips. Knips. Und jeden Tag 300 Fotos. Angesehen werden sie erst zuhause. Eingeklebt und rumgezeigt: Da war ICH. MEINE Fotos. Toll, nicht?! Wirklich so toll? Kann man sich dann nicht einfach einen hervorragenden Bildband kaufen und war genauso da. Hat ebenso viel gesehen, wie durch die Linse der Kamera?
Und was ist mit dem, der den ganzen Literaturkanon gelesen hat. Der alle wichtigen philosophischen Werke von Antike bis Neuzeit durcharbeitete, der zu jedem Thema etwas sagen kann, der Hermeneutik genauso schnell und einleuchtend erklärt wie Abseitsfalle. Hat er seine 42.678.720 Minuten gut genutzt? Oder ist es doch der, der den halben Literaturkanon nicht gelesen hat, weil er Stil, Thema und Sprache der Texte nicht mochte? Der lieber ein Dutzendmal einen nicht gelisteten Roman gelesen hat, aber wie aus der Pistole geschossen sein Lieblingsbuch nennen kann. Der zwar weiß, dass Margaret Thatcher das Softeis erfunden hat, aber nicht, seit wann es eine U-Bahn in Berlin gibt.
Oder der, der wütet und wütet. Und schreibt und schreibt. Ein wahrer Poet. Ein Großer in Worten. Der Welten erfindet und seinen Namen auf Bestsellerlisten wiederfindet. Der alles, was ihm auf dem Herzen liegt, in die Welt rufen kann - und die hört ihm sogar zu. Macht dieser Jemand es richtig? Oder verliert er nicht den Bezug zur Welt? Weil er nur zwischen Recherche und Niederschrift hin- und herschwankt. Und vor lauter Schreiben schon seit einem Jahr seine Mutter nicht mehr gesehen hat. Oder ist es der, der seine Gedanken niederschreibt, wenn sie ihm eben kommen. In der U-Bahn, zwischen zwei Träumen, beim Zähneputzen. Der davon träumt ein Buch zu veröffentlichen - und es vielleicht sogar irgendwann tut. Aber eigentlich für sich selbst schreibt. Weil er ein Leben hat, dass es zu verarbeiten gilt. Und nicht eine Arbeit, die mit der Zeit zu leben beginnt.
Wie lang könnte die Liste sein. Wie lang. Doch sie beantwortet nichts. Wenn man diese Stereotypen den repräsentativen Allensbach-Leuten vorlegte, würde man für jeden Fürsprecher finden. Vielleicht würde sich eine Mehrheit bilden, vielleicht auch nicht. Doch 42.678.720 Minuten wollen gut gefüllt sein. Vielleicht ist es ja eine Mischung aus allem. Aus Gedanken in die Welt tragen und fremde Gedanken aufnehmen. In Leben und anderen beim Leben zusehen. In Nützliches erfinden und Erfindungen entdecken. In Kunst produzieren und Kunst rezipieren. In Glück nehmen und Glück geben. In Weltretten und Schweinsein. Und wichten muss jeder selbst. Mehr und weniger. Oben und unten. Und wenn man Glück hat, kommt ein süßer Kuchen heraus, von dem man jeden Morgen gern ein Stück nimmt. Auch wenn er immer kleiner wird.
Das lässt sich nicht verhindern. Dann sollten wir auch jeden Krümel genießen, damit er nicht umsonst verloren ist. “Dein Herz schlägt einmal weniger mit jedem Schlag”**
_______________________________________________
*Ein deutscher Mann hätte demnach 39.577.680 Minuten zu leben.
** Thomas D.