alice in wonderland

March 7th, 2010

Alice ist wieder da. Die Märchenfabrik Disney hat Tim Burton engagiert, um aus der Lewis-Carroll-Vorlage eine computeranimierte Version zu machen. Alices blaues Kleid aus dem Zeichentrickfilm ist ein bisschen schulterfreier und luftiger geworden - und Alice ein bisschen älter. Aber ihre schrulligen Weggefährten bleiben die gleichen. Die Grinsekatze, die sich ganz nach Belieben in Luft auflöst, der verrückte Hutmacher, der beständig bei Tee sitzt und auf das Auftauchen Alices (Mia Wasikowska) wartet und die beiden streitenden Pummelchen Dideldei und Dideldum. Sie alle verfolgen nur einen Plan: Die weiße Königin (Anne Hathaway) wieder auf den Thron bringen und deren Schwester, die cholerische und mordlustige Herzkönigin(die großartige Helena Bonham Carter) zu stürzen.

Wie es in Märchen so ist, gibt es nur eine Heldin, die diesen Umsturz schaffen kann: Alice. Und wie es in Märchen ebenfalls üblich ist, wendet sich am Ende alles zum Guten. In Tim Burton Manier ist das Wunderland vor allem ein düsterer Ort. Wer die Herrschaft über das Königreich Unterland halten kann, bestimmt vor allem, wer das Jabberwocky kontrollieren kann. Die Figur des urzeitlich aussehenden schwarzen Riesendrachens wurde bereits in einem Gedicht von Lewis Carroll erwähnt. Burton hat sie also nicht erfunden, um seine Geschichte düsterer zu machen. Die meisten Figuren des Wunderlandes entspringen der Vorlage, sie scheinen allerdings viel weniger verrückt und konfus. Der Hutmacher, verkörpert vom kultigen Johnny Depp, der sich selbst allerdings dank Schminke und digitaler Nachbearbeitung überraschend unähnlich sieht, bekommt nur von Zeit zu Zeit einen Anfall von Verrücktheit. Ansonsten ist sie gespielt, um die Schergen der Herzkönigin zu täuschen. Letztere erscheint eher diktatorisch schrullig mit ihrem stets gegenwärtigen “Kopf ab!”-Rufen, ihrem tierischen Personal und dem Neid auf ihre beliebte Schwester.

Burton mischt ein wenig des Flairs aus Herr der Ringe mit den Farben der Disneywelt und der Burton-typischen Atmosphäre. Nach einer halben Stunde ist das alte Bild von Alice und ihrem Wunderland vergessen. Zwar kokketiert der Film damit, eine verrückte Alice und verrückte Unterland-Bewohner zu präsentieren, doch sie wirken gar nicht verrückt. Ob sie es sind, spielt keine Rolle. Der Normalismus, der seit dem 20. Jahrhundert in der westlichen Welt herrscht, wird aufgebrochen. Vielmehr als um die Frage, was normal ist und was nicht, geht es um die Selbstbestimmtheit des Lebens. Alice, die sich in ihrer Welt im England des 19. Jahrhunders weigert, Korsett und Strümpfe zu tragen, ist nicht bereit, den Jabberwocky zu töten, nur weil eine Prophezeihung das voraussagt.

Das Wunderland verkörpert die Fantasie, sei es nun eine Traumwelt oder real. Es ist unwichtig. Denn die Flucht ins Wunderland tritt Alice an, als ihr ein echter, aber ziemlich einfältiger Lord vor versammelter Mannschaft einen Heiratsantrag macht. Mit Hilfe des Hutmachers und seiner Freunde schafft Alice es, wieder an das Unmögliche zu glauben - und auf sich selbst zu vertrauen. Sie befreit zuerst die Bewohner Unterlands und dann sich selbst in der realen Welt. Ein wunderbar buntes Märchen also, das Lewis Carrolls Welt liebenswerter macht und uns allzu Erwachsenen wieder einmal die Fantasie nahebringt - und die Zauberkraft des Kindbleibens.

Trailer [via youtube]

verblendung

October 25th, 2009

Es sind die Personen, die Verlendung zu einem besonderen Krimi machen. Noomi Rapace legt soviel in einen Blick der Lisbeth Salander, dass sie sie gleichzeitig freilegt und maskiert. Darin spiegelt sich die Mischung aus Verletzung und Härte, die sie immer die Distanz halten lässt zwischen sich und der Welt. Es ist die Introvertiertheit, die ihr nahe liegt, aber der sie so viele Narben und Schmähungen verdankt, dass inzwischen Angriff ihre Verteidigung ist. Sie wehrt sich. Und sie versinkt in den Leben anderer, wenn sie sich in ihre Rechner hackt und akribisch alles sammelt, was auf ihren Festplatten über das Leben der anderen zu finden ist. So trifft Lisbeth Salander schließlich auf Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist). Oder besser gesagt, sie wird gefunden.

Blomkvist ist einer jener vom Aussterben bedrohten Art Journalist, die ihre Ideale über die Jahre retten und nicht in Zynismus ertränken, die sogar für sie ins Gefängnis gehen. Er soll einen Mord aufklären, der 39 Jahre zurück liegt und zu dem es keine Leiche, keinen Tatort und kaum Indizien gibt. Als er nicht weiter kommt, wendet er sich an Lisbeth. Im verschneiten Nirgendwo irgendwo in Schweden umgeben sie sich mit alten Fotos, befragen Tatverdächtige, die allesamt aus der Familie stammen, lassen sich beschießen und beobachten und kommen der Sache immer näher. Dieser Teil der Geschichte ist nichts Besonderes. Derlei Geschichten sind jeden Sonntag im öffentlich-rechtlichen zu sehen. Nicht umsonst wird die Verfilmung der Millenium-Trilogie von Stieg Larsson mit Henning Mankells Wallander-Romanen verglichen.

Nein, es ist die Verbindung mehrerer scheinbar so verschiedener Schicksal, es ist vor allem die Figur der Lisbeth, die den Zuschauer 152 Minuten in den Kinosesseln halten. Wie Schicht um Schicht abgetragen wird bis die Grenzen zwischen Opfer und Täter verschwimmen, bis die aufzuklärende Geschichte in den Hintergrund tritt. Es ist die Distanz, die Lisbeth Salander so faszinierend macht. Distanz, die sie zu ihrer Welt genauso hält wie zum Kinopublikum. Obwohl der Film so viel preisgibt über ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart; obwohl wir sie zu durchschauen meinen, bleibt sie doch immer fremd. Das liegt im Charakter der Figur. Im Blick, in dem die Härte die Verletzungen zu überdecken droht - und es doch nie ganz schafft.

unberechenbar

October 13th, 2009

Nichts ist unberechenbarer als der Finanzsektor! Diese Aussage ist dieser Tage sehr populär. Politiker, Banker - sogar Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann: Alle waren völlig überrascht, dass die als kleine Jubiläumskrise geplante Konjunkturschlappe (”Gedenkknick 80 Jahre Weltwirtschaftskrise”) plötzlich völlig außer Kontrolle gerier. Arbeitsplätze, Automobilzulieferer, ein ausgeglichener Bundeshaushalt - alles von der Krise zerstört.

Es gibt allerdings eine Institution, die diese Unberechenbarkeit noch um Längen schlägt: Das Komitee, das den Literatur-Nobelpreis vergibt. Diesen Ruf hat es sich auch redlich über viele Jahre verdient. Schon Monate vor der Preisvergabe lassen die Juroren tonnenweise Zeitungen aus der ganzen Welt einfliegen. Jeder Schriftsteller, der in einem noch so kleinen Lokalanzeiger als Anwärter für den Nobelpreis genannt wird, ist automatisch aus dem Rennen. Der US-Amerikaner Philipp Roth ist so oft durchgestrichen, dass er auf den Listen für die kommenden 100 Jahre nicht mehr auftauchen wird. So heiß wird er jedes Jahr als Top-Favorit gehandelt - und jedes Jahr mehr, schließlich hatte er es schon im jeweils vergangenen Jahr mehr als verdient.

In diesem Jahr gewann Herta Müller - natürlich eine unberechnete Überraschung. Müller lebt seit 1987 in Berlin. Dort gibt es einen Sportverein, der dieser Tage unberechenbar eingebrochen ist und mit Negativergebnissen die rote Laterne verteidigt. Zeichen von Herta für Hertha: Auch ein Tabellenletzter kann Nobelpreisträger werden. Einen erfolglosen Fußballverein hatte noch nie ein Literatur-Experte auf der Liste.

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Dieser Text durfte bei meinem Arbeitgeber nicht erscheinen. Begründung: Für eine Kolumne ist er zu intelligent, der Leser muss sich viel zu sehr konzentrieren. Da nütze auch die gute Pointe nicht. Jaja, dem Leser drei Minuten Konzentration abzuverlangen, ist wirklich eine ganz schöne Zumutung. Wie schaffen die es dann, ein Buch von Herta Müller zu lesen? Oder den Kommentar zu 90 Minuten Hertha-Kick zu ertragen?

über die welt, die nur in fahrtenbüchern existiert

October 4th, 2009

Seit zwei Jahren lese ich Harald Martenstein nur noch unregelmäßig. Das liegt vor allem daran, dass das ZEITmagazin dem Kolumnisten mehr Platz eingeräumt hat. Er scheint selbst häufig nicht allzu viel mit der neuen Zeilenfreiheit anfangen zu können. Seine Texte erschienen mir beim Lesen immer häufiger weniger rund, weniger auf den Punkt geschrieben. Aber das Missfallen der neueren Texte, es muss irgendwie an mir selbst gelegen haben.

Denn am vergangenen Donnerstag war er hier. Hier in Bielefeld. Nach eigenem Bekunden zum ersten Mal in seinem Leben. Genau wie ich. Es ist, als habe es so sein sollen. Jedenfalls las er die länger gewordenen Kolumnen zur Eröffnung der Bielefelder Literaturtage in der hiesigen Stadtbibliothek - und ich habe mich ausgeschüttet vor Lachen.

Da war  die treffende Analyse der wandelbaren Jugendsprache, die  Sinnhaftigkeit von Umfragen, eine interessante Herangehensweise an das Problem der Sozialdemokraten oder die Entdeckung des Paralleluniversums der Fahrtenbücher. Ich muss gestehen, dass ich viele dieser Kolumnen gelesen, aber selten mehr als den Anflug eines Lächelns heraus gebracht habe. Es muss an diesem Mann liegen, der da mit seinen immer gleich zerzauselten Haaren und seiner immer gleichen kleinen Brille auf dem Podest sitzt und mit samtig-weicher Stimme erzählt, der sich auf das Publikum einlässt, dass an diesem Abend besonders redselig ist (”Was emnid ist in Bielefeld - von Ihnen lernt man ja noch richtig etwas…was soll das jetzt heißen, Bielefeld gibt es gar nicht? Ist das etwas metaphysisches? Verwirren Sie mich doch nicht so!”).

Der ins Nichts zu gucken scheint und vor sich hin schwadroniert bis er gar nicht mehr weiß, worauf er eigentlich hinaus wollte, der  dem Moderator Fragen vorschlägt und dann immer wieder vorliest. All die verlängerten Kolumnen aus der Zeit, neu geordnet in seinen Büchern “Der Titel ist die halbe Miete” und “Männer sind wie Pfirsiche”. Die er glücklicherweise auch eingelesen hat. Damit ich mir wieder regelmäßig meine Portion Martenstein abholen kann. Und wenn alle Kolumnen ausgelesen sind, dann muss ich mir die wöchentlich neu erscheinenden Texte im ZEITmagazin eben wieder vorlesen lassen…muss ich nur noch jemanden, mit einer samtig-weichen Stimme finden.

sunshine cleaning

May 31st, 2009

Bei all den “Tatort”en, die man sich so während seines öffentlich-rechtlichen Fernsehlebens angesehen hat, hat sich wohl kaum jemand gefragt, wer die ganzen Spuren nach lupenreiner Begutachtung eigentlich wieder beseitigt. Zumindest in den USA ist das natürlich ein Job, der “outgesourct” wird. Ein hart umkämpfter Markt, in den Rose (Amy Adams - die einer jungen Nicole Kidman in diesem Film verdammt ähnlich sieht) nach Zureden ihrer Jugendliebe Mac (Steve Zahn) einsteigt.

Ihr Sohn Oscar (Jason Spevack) scheint hoch intelligent zu sein, zumindest eckt er regelmäßig mit Lehrern und Schulleitung an und bestätigt seinem Opa Joe (Alan Arkin), das er sich regelmäßig langweile. Ein PLatz in einer Privatschule muss her. Das Geld dafür will erst verdient werden. Der bisherige Job als angestellte Putzfrau gibt es jedenfalls nicht her. Zusammen mit der ebenfalls immer klammen Schwester Norah (Emily Blunt) baut Rose ihre Tatortreinigungsfirma Sunshine Cleaning auf (”Ich wollte einen positiven Eindruck vermitteln”).

Dabei müssen sich die Geschwister dem verdrängten Selbstmord ihrer eigenen Mutter ebenso stellen wie der ständigen Frustration. Immer wieder feuert Rose sich selbst vor dem Spiegel an: “Ich bin stark, ich bin eine Gewinnerin!” Doch sie muss erkennen, dass sie zuviel geträumt hat in der Vergangenheit. Dass sie für ihre große Liebe Mac nur eine Affäre ist, die Kinder bekommt er mit einer anderen. Dass alle aus ihrem Highschool-Jahrgang etwas geworden zu sein scheinen - und wenn nur Ehefrau eines reichen Schnösels (”Du bist besser als die Rose”).

Doch sie und Norah haben so einige Chancen verpasst. So zeichnet Regisseurin Christine Jeffs ihre Charaktere auch. Gezeichnet sehen sie aus, überarbeitet. Überhaupt nicht hollywoodhochglanzgeschönt. Die eine ist hin und her gerissen zwischen den Versprechungen, die ihr hoffnungsfrohes Teenieleben einst verhieß und ihrem Alltag als alleinerziehende Geringverdienerin. Rose klammert sich an den Resten des einen fest, um das andere besser auszuhalten.

Die andere scheint weder eine Vergangenheit noch eine Gegenwart zu haben. Da gibt es einen Freund, der nur einmal kurz im Film auftaucht. Beim unromantischen Beischlaf. Und da sind die Rückblenden im Kopf, das Spielen mit der Schwester unter dem Rasensprenger. Norah versucht diesen Bildern mit Gras, Brückenklettern und Unangepasstsein zu entgehen.

Erst im Laufe des Films deckt Christine Jeffs die Narben auf, die die ungleichen Schwestern verbinden, über die aber nie gesprochen wird. Am Ende scheinen die beiden Schwestern zu unterschiedlich zu sein, um zusammen zu halten. Oder zu gleich. Die Trümmer verpasster Chancen räumt der Film bis zum Schluss nicht auf. Es gibt kein Happy-End. Konsequenterweise. Nur das Fünkchen Hoffnung, das Rose wieder aufstehen lässt. Wie im richtigen Leben.

duplicity - gemeinsame geheimsache

May 14th, 2009

Eigentlich wollte ich hier ein paar kurze Eindrücke zum Film “Duplicity - Gemeinsame Geheimsache” loswerden. Aber ich lasse kurz meine Begleiterin sprechen:

Hm, naja, wenigstens hat Julia Roberts mitgespielt!

[Katja]

Nur soviel noch von mir: Gucken sollte ihn jeder der völlig verschlungene Plots mag, der prinzipiell schon immer der Meinung war, dass niemandem auf dieser Welt zu trauen ist. Jeder, der “Tatort” viel zu durchsichtig findet und selbst bei britischen Krimis spätestens eine Stunde vorher weiß, wer der Täter war. Jeder, der dem dritten Teil von Fluch der Karibik problemlos folgen konnte, wird sich prächtig amüsieren. (So wie ich.)

Nicht reingehen sollten Leute, die mit Rückblenden ein Problem haben, die nicht glauben können, wieso sich zwei Liebende nicht vertrauen. Niemand, der auf Happy Ends hofft oder findet, dass Filme immer fertige Interpretationen der Welt anbieten müssen (klare Unterscheidung in gut und böse, eine vorgezeichnete Zukunft nach Ende des Films).

Man kann natürlich auch reingehen, weil man Julia Roberts und Clive Owen großartig findet. Denn das sind sie in diesem Hollywood-Streifen definitiv.

vicky wackelt

January 21st, 2009

Vicky Vomit hat ne neue DVD und - wie sich das in Zeiten des Web 2.0 gehört - einen YouTube-Teaser. Der wackelt zwar, aber lustig ist er trotzdem.

selber gucken

007 - ein quantum trost

November 21st, 2008

Was ist eigentlich mit den deutschen Rezensenten los? Was haben sie mich gewarnt. Der Filmvorführer gab "Ein Quantum Trost" gerade einmal zwei von fünf Sternen: Zu wenig Witz, zu wenig Tradition, zu wenig James Bond. Die Süddeutsche Zeitung fand, die Bond-Girls lebten entweder zu kurz oder zu lange, ohne richtige Bond-Girls zu sein. Und von allen Seiten kam die Klage: "Er sagt überhaupt nicht: Mein Name ist Bond, James Bond. Und er trinkt auch keinen Martini." Dazu noch die ewige Leier: Daniel Craig passt nicht in die Verlängerung einer Reihe charismatischer, gutaussehender Gentlemen von Sean Connery über Roger Moore bis Pierce Brosnan.

Ich habe mir den Film trotzdem angesehen. Zum Glück. SO stelle ich mir nämlich einen Geheimagenten vor. Blutig geschlagen, übernächtigt, misstrauisch, voller Hass. Ja sicher, andere Geheimagenten, Paradebeispiel Jason Bourne, können das auch sein und waren es schon. Aber das ist doch kein Kriterium. Dieser Bond entwickelt sich endlich weg von dieser charakterlosen Kühle, die Frauen nehmend und vergessend, wie sie kommend und immer ein makelloser Diener der britischen Krone. Der Bond aus "Ein Quantum Trost" wird als Figur endlich interessant, indem er all die hemmenden Traditionen von Gentlemen-Sein und Martini-Trinken, Frauen sammeln und abgenuddelte Sprüche brabbeln befreit. Und er ist besonders stark, gerade weil Daniel Craig ihn spielt. Musste erst ein Schauspieler kommen, dessen Gesicht Ecken und Kanten hat, damit die Figur 007 Ecken und Kanten bekommt?

Die 103 Minuten sind jedenfalls rasant und unterhaltsam. Das Köpfchen ist gefragt, um all die Personen zuzuordnen, die Freund-Feind-Listen ständig zu aktualisieren und die Ortswechsel unterzubringen. Aber hey, warum nicht mal ein Action-Film, bei dem es nicht nur ballert und kracht - obwohl es das oft genug tut. Schnelle Schnitte bei Verfolgungsfahrten und -jagden auf italienischen Straßen und über italienische Dächer, Verschwörertreffen in der Oper und im Wüstenhotel. Bond bleibt immer hin- und hergerissen zwischen der Jagd auf die geheimnisvolle Gruppe Quantum, von der der MI6 rein gar nichts weiß, die aber überall ist - und seiner persönlichen Jagd nach Antworten und den Mördern seiner geliebten Vesper. Er wird beides schaffen, obwohl sein eigener Geheimdienst ihn wegen der USA im Stich lässt und er nicht viele Verdächtige am Leben lässt. 

Obwohl "Ein Quantum Trost" wenige Stunden nach seinem Vorgänger "Casino Royale" einsetzt, hat Regisseur Marc Forster seinen Protagonisten viel lernen lassen. Die Geheimagententugenden wie Misstrauen, Kaltblütigkeit und Vergessen, die im Vorgänger sehr blass waren, sind plötzlich voll ausgeprägt.

Nur, wenn er sich entgegen seines Auftrags um Camille kümmert, das Bond-Girl, dem 007 nicht mehr abtrotzen wird, als eine Umarmung und einen flüchtigen Kuss, scheint der alte, der weiche Bond noch manchmal auf. Die beiden verbindet der Verlustschmerz und der lodernde Wunsch nach Rache. Sie retten einander das Leben und können sich doch nicht retten aus dem Gefängnis, "das da drin ist", wie Camille sagt und dabei James' Kopf berührt. Olga Kurylenko balanciert ihre Camille dabei so beeindruckend zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke aus, das man sich wünscht, die James-Bond-Macher würden mit noch einer unsäglichen Tradition brechen und Camille auch im 23. Bond-Film auftauchen lassen. Schließlich hätte dieser geschundene und leer gewütete Bond ein Quäntchen Trost verdient.

wall-e

September 29th, 2008

Märchen- und Sagenneuaufgüsse in buntester Zeichentrickfilmgestalt war gestern. Das brauchen die Macher aus der Disney-Traumfabrik nicht mehr. Ihre Animationsfilme bestechen durch intelligente neue Geschichten mit Superhelden, Clownsfischen, Ratten und - Robotern. Zunächst klingt die Geschichte alles andere als liebenswert: Der kleine Schrottroboter Wall-E rollt seit 700 Jahren auf einem ebenso zerstörten wie verlassenen Planeten herum, sortiert Müll und stapelt ihn zu festgepressten Würfelhochhäusern auf. Sein einziger Freund ist eine unzerstörbare Schabe. Er rattert so über eine Landschaft, die nur dank der Architekturruinen irgendwie an unsere Erde erinnert und hebt Glühlampen und Feuerzeuge, Zauberwürfel und Büstenhalter auf - obwohl er nie so genau weiß, wofür der Kram eigentlich gut sein soll.

Wall-E spricht nicht. Guckt höchstens mal mehr oder weniger erfreut und erweckt trotzdem schon nach wenigen Minuten die Sympathien. Wie er da so werkelt und sortiert, wie er versucht, den Menschen auf seinem Fernsehschirm tanzend nachzueifern oder wie er ganz sentimental wird, wenn er sich Liebesszenen ansieht. Regisseur Andrew Stanton zeichnet seinen Protagonisten so liebenswert, so menschelnd in seiner Einsamkeit, dass schon nach wenigen Minuten vergessen ist, dass Wall-E eigentlich nur ein Müllroboter, eine vom Mensch geschaffene Intelligenz ist. Auch wenn die alten Hauptdarsteller, die Tiere, im neusten Disney-Pixar-Abenteuer durch Roboter ersetzt werden, bleibt der Fabelcharakter erhalten.

Wall-E verliebt sich in die strahlend-weiße Sonde Eve, verlässt für sie Arbeit und Planet und wirbelt auf dem Raumschiff mit den letzten lebenden Menschen alles durcheinander. Einige Menschen rüttelt er aus ihrer konsumgesteuerten, gesättigten und völlig fremdbestimmten Existenz, er rettet die angeblich fehlerhaften Roboterexistenzen und zettelt eine Revolte an. Alles ungewollt. Er ist der Außenseiter, wie es schon die Ratte "Remy" im vergangenen Disney-Abenteuer "Ratatouille" war, aber er verändert die Gesellschaft, in dem er einfach seine Ziele verfolgt.

Düstere Science-Fiction-Szenarien von der Regentschaft der Maschinen über ihre Schöpfer mögen Pate für diese 98 Minuten intelligente Unterhaltung gestanden haben. Vielleicht auch der UN-Klimaschutzbericht und die Kämpfer gegen die globale Erwärmung. Doch deren Pessimismus wurde durchbrochen durch die Kraft, die schon die alten Märchen immer gut enden ließ. Denn auch im Jahr 2700 scheint das Wünschen noch zu helfen und ein kleiner schrottiger Roboter trotzt nicht nur Tod und Intrige, sondern vereint den sich erholenden Planeten und die schlauer gewordene Menschheit. Zumindest im Moment des Happy-Ends.

Angucken. Auch und erst recht als "Erwachsener". Denn Disney ist schon lange nicht mehr Kinderkram, sondern originelle Unterhaltung. Erster Beweis via youtube. Sehr süße Mini-Trailer gibt's ja auch noch haufenweise dazu.

Und das von mir sehr geschätzte Dia-Blog mochte Wall-E auch sehr gern. Was bei den üblichen Dia-Blog-Verrissen mindestens doppelt wiegt.

nachtröpfelnde premiere in weimar: die ganz neuen leiden des jungen werther

September 12th, 2008

Stefan Konarske (Werther) und Aaron Hildebrand (Wilhelm) verzogen sich nach der Filmvorführung erstmal unter die Laterne gleich neben dem Goethe-und-Schiller-Denkmal. Die meisten Otto-Normalverbraucher-Premierengäste strömten zeitnah in die laue Sommernacht. Premierenfeier? Nein danke. Die Crew, die Prominenz, die Journalisten und ein paar Weimarer zogen ins Foyer des Deutschen Nationaltheaters um - und auf den wundervollen Theaterbalkon.

Jazzmusik, Häppchen, Sekt und zu lautes Lachen. Vermischt mit Zigarettenrauch. Yvonne Catterfeld hat ihre zwei Freundinnen dabei und plauscht mit Hannah Herzsprung, die im vorgestellten Film die Lotte spielt. Schneewittchengleich - die Haut weiß wie Schnee, die Lippen rot wie Blut und das Haar schwarz wie Ebenholz. Doch heute sieht sie wieder ganz normal aus, schlägt die Beine übereinander, die Haare sind wieder braun und zusammengebunden. 

So ist das also, wenn Regisseur Uwe Janson und Produzent Oliver Czeslik ihren Film im glanzvollen Rahmen vorstellen wollen. Einen Film, den jeder drei Tage vorher schon auf arte sehen konnte. Mit besserem Ton und dem gleichen mulmigen Gefühl. Dieser Werther, der hat nichts mehr von Goethes Protagonisten. Er ist in die heutige Welt geschossen und versteht seinen Leidensgenossen von vor 200 Jahren nicht mehr.

Denn im Gegensatz zum Romanvorbild bekommt er seine Lotte, er bekommt sie, weil er all die schönen Dinge, die an Willhelm geschrieben worden sind, diesmal direkt an seine Liebste richtet. "Er fängt mich ein mit seinen Worten", verrät sie ihrer Freundin. Und sie bleibt bei ihm, schickt ihren Fast-Verlobten Albert (im Übrigen ein sehr unsympathisch-harter Typ) weg. Aber Werther leidet unter ganz anderen Dingen. Er leidet an der kalten Welt, die Glamour und Wärme vorspielt und nur Einsamkeit zu geben hat. "Wie können Menschen einander so wenig sein", murmelt er, nachdem er Lotte gerade in den Armen hielt. "Ich habe gemacht, nicht gelebt - und Du hast es geglaubt!" Und dann erschießt er sich, vor ihren Augen, trotz ihres Protests. Weil man gehen soll, wenn es am Schönsten ist. Weil die Ernüchterung furchtbar ist, wenn man das bekommt, was man wollte und der Weltschmerz trotzdem nicht weniger wird.

Werther ist nicht mehr ein verzweifelt Liebender, sondern ein verzweifelt Hassender. Geboren aus dem Albtraum des Älterwerdens und der romantischen Verklärung des Jungseins. Das ist nicht Werther - und das ist nicht schön anzusehen. Die Kulisse schon. Jagdhaus Gabelbach, in dem ich selbst mehrfach meinen Winterurlaub verbrachte. Im verschneiten Thüriner Wald, der so frei atmen lässt. Aber auch das Licht des Films ist kalt, immer wieder die hektische Kameraführung, die Bilder verschwimmen, verlieren ihre Schärfe. Dazu tolle Musik von Miss Kenichi, stumme Bilder und immer wieder die Monologe Werthers. Das ist der Kompromiss, wenn ein Briefroman irgendwie halbwegs authentisch adaptiert werden soll. Es ist, mal wieder, nicht geglückt.

Die Schauspieler überzeugen. Auch Firtz Roth, der die erfundene Figur des Onkel Bernd verkörpert, der ständig "Fick Dich!" sagt und im Spiel tot umfällt, bis er einmal wirklich nicht mehr aufsteht. Er ist nicht nur unnötig, mal abgesehen von den paar flachen Witzen, er zieht die Handlung in die anstrengend in die Länge. Überhaupt lenkt soviel von der Liebesgeschichte ab, die Goethe einst erzählen wollte. Und die schön war, so wie sie war. Und die auch in der Neuzeit erzählt schön hätte werden können.  

Dass zu zwei Dritteln besetzte Nationaltheater jubelte und johlte indes. Vor allem die Schüler, die gezwungenermaßen hier waren - und doch Spaß hatten. Vielleicht mag ich einfach die Vorlage zu sehr, um mich auf diese Adaption einzulassen. Obwohl Plenzdorfs neuere Leiden auch gefielen. Wer lieber guckt, als liest, der schaue sich den Thüringer Augenzeugen zur gestrigen Premierenfeier an, die genau genommen keine Premiere war.