Genau genommen ist es nur das hundertste Buch, von dem der Verlag verspricht, dass es an die fabelhafte Welt der Amélie erinnere. Wie jeder moderne französische Roman wird auch Anna Gavaldas neustes Werk Zusammen ist man weniger allein mit diesem Ettikett versehen. Französischer Stil ist französischer Stil. Und die Deutschen kennen und lieben eben die kleine Amélie.
Aber Camille Fauque, Franck Lestafier, Philibert de La Durbellière und Omi Paulette Lestafier sollte man auch kennen und lieben lernen. Ein genauso merkwürdiges wie liebenswürdiges Gespann, das durch Zufälle zusammenfindet und eine 300 Quadratmeter große Wohnung beziehen. Philibert war als erster dort. Er ist sozusagen Hausbesetzer nach adliger Art: Wegen Erbstreitigkeiten unter den vielen verarmten Zweigen der de La Durbellières passt er auf, dass der ganze Hausrat vorher nicht wie von Zauberhand verschwindet. Das Housekeeping beherrscht er ganz gut. Besser jedenfalls als das fehlerfreie Sprechen und das Aussuchen gut sitzender Kleidung. Er wirkt ein bisschen flapsig und hat große Mühe, als Camille ihn anspricht.
Camille, das ist, wenn wir beim Vergleich des Verlages bleiben wollen, unsere kleine Amélie. Allerdings in sehr sehr dünn. Und in sehr viel mehr verzweifelt. Sie wohnt in einer zugigen, schlecht beheizbaren Dienstmädchenwohnung im Hinterhof von Philiberts Haus. Sie ist 26 und verbietet sich selbst, das zu tun, was sie am besten kann: Zeichnen. Eines Wintertags holt Philibert sie in seine große Wohnung, damit sie nicht erfriert. Sie bleibt - und legt sich sofort mit einem anderen Bewohner an -
Franck, der unaufhörlich als Koch schuftende Macho. Der gern Motorrad fährt und haufenweise Mädchen abschleppt. Und der jeden Tag sein schlechtes Gewissen mit sich herumschleppt. Weil er seine Oma Paulette nach deren Zusammenbruch in ein Altenheim geschickt hat. Er selbst konnte sich um die 83-Jährige nicht kümmern, sie selbst konnte es auch nicht. An seinem einzigen freien Tag kommt er sie besuchen - und bricht ihnen beiden das Herz.
Drei junge Menschen, die unterschiedlicher kaum sein können. Und sich doch sehr ähnlich sind. Sie sind Gestrandete. Mit einer zerbröselten Kindheit. Mit Eltern, die sie entweder nicht verstanden oder gar nicht erst wollten. Mit Jobs, die sie selbst gern eintauschen würden. Camille arbeitet nachts als Putzfrau, Philibert verkauft Postkarten an einem Museumskiosk und Franck arbeitet viel zu viel und wäre lieber sein eigener Chef. Doch ihre Gemeinsamkeiten stehen ihnen nicht auf der Stirn geschrieben - und so kommt es zunächst nur zu einem: nämlich zu Streit.
Von einem zum anderen wechselt Anna Gavalda beim Erzählen. Kurze Sätze, in viele Absätze gegliedert und mit inneren Dialogen der vier Protagonisten gespickt, geben dem Roman in der Tat eine besondere Lebendigkeit. Camille Fauque ist es allerdings, die der Autorin besonders am Herzen liegt. Bei ihr harrt die Erzählung am längsten aus, sie macht die größte Wandlung durch. Sie ist der Mittelstein in Gavaldas Dominospiel. Nur mit dem umgekehrten Dominoeffekt - wie sie es nennt. Sie wird aufgebaut, verlässt den Grund ihrer Seele und fängt selbst an, sich in fremde Leben einzumischen (Amélie?!) und hinaufzuziehen. Es ist Camilles innere Zerrissenheit, die die Autorin so glaubwürdig darzustellen weiß.
“Du musst ausgehen”, schimpfte sie mit sich.
“Aber ich geh nicht gern aus.”
“Warum nicht?”
“Ich weiß nicht.”
“Hast Du Angst?”
“Ja.”
“Wovor?”
“Ich habe Angst, dass zuviel Bodensatz aufgewirbelt wird. Und außerdem… habe ich auch das Gefühl auszugehen, wenn ich mich in meinem Innern verlaufe. Ich gehe spazieren. Dort ist es ganz schön groß.”
“Machst Du Witze? Es ist winzig klein! Komm schon, Dein Bodensatz riecht schon ranzig.”
Ja, man wünscht sich einen aufgewühlten Camille-Bodensatz. Eine aufgewühlte Camille. Und man bekommt sie natürlich auch. Eine Camille, die ausgeht, die ihren Putzeimer wieder gegen Pinsel und Farben eintauscht, die sich mit sich und der Welt versöhnt. Die wieder normal ist und die sich - natürlich - letztlich auch noch verliebt. Deswegen kann man Gavalda auch kaum böse sein, dass ihr Roman zum Ende hin an Dynamik und Charme etwas verliert. Was bezaubernd poetisch und einfallsreich anfängt, wird zunehmend vorhersehbar. Das Ende einem fulminanten Tele-Novela-Finale gleich. Doch wen kümmert’s? Oft genug hat das Buch nachdenklich gemacht. Hat gezeigt, wie schnell und intensiv sich die Lebensfäden vierer völlig verschiedener Charaktere zu einem untrennbaren Band verbinden können. Zusammen ist man weniger allein. Oder, wie es im französischen Original hieß: “Ensemble, c’est tout”.