persepolis

December 5th, 2007

Marjane Satrapi ist sechs und hat nur zwei Wünsche: Sich die Beine rasieren können und Prophetin werden. Während sie mit ihrer Oma die wichtigsten Regeln diskutiert, die sie als Prophetin einführen will, wird der Schah gestürzt und die Islamische Revolution fällt über Iran her. Marjanes Heimatland. Die freiheitsliebenden Eltern sind zunächst froh, dass der Schah weg ist. "Ich wusste es, jetzt wird alles gut", ruft der Vater. 

Doch gut wird überhaupt nichts. Die Regeln werden verschärft, überall sind Revolutionsgarden und überwachen, ob das Kopftuch auch ja tief genug hängt. Anouch, Marjanes Onkel und bekennender Kommunist, wird, kaum aus dem Gefängnis frei gekommen, wieder eingesperrt. Er hat immer so tolle und abenteuerliche Geschichten erzählt, Marjane ist die letzte und einzige, die ihn nochmal besuchen darf. 

In der Schule begehrt sie auf, widerspricht den gebetsmühlenartigen Beteuerungen der Lehrer, das alles besser und freier geworden sei. Sie hört Iron Maiden, deren CDs sie in einer dunklen Ecke von unauffälligen Männern kaufen muss, und schreibt sich "Punk's not ded" auf ihre Jacke. Doch dann beginnt der Krieg mit dem Irak und Marjanes Eltern beschließen, dass ihre Tochter in Europa besser aufgehoben ist.

Marjane Satrapi, so heißt nicht nur die Protagonistin im Zeichentrick-Film "Persepolis", sondern auch die Autorin desselben. Die 38-Jährige lebt heute in Paris und hat ihre Kindheitserinnerungen schon in Comics festgehalten. Im ZEIT-Interview sagt sie, dass die Film-Marjane an ihr angelehnt ist, aber auch an anderen Personen. Dass sie Daten und Orte geändert hat. Es geht ihr ums Erleben. Darum, wie sich Dinge beim Leben angefühlt haben. Das muss nicht identisch sein mit dem, was gemeinhin für Realität gehalten wird. Read the rest of this entry »

das glück der anderen

November 23rd, 2007

Autor Balthazar Balsan hatte einmal alles: Eine reizende kleine und vor allem intakte Familie, Plätze auf allen wichtigen Bestsellerlisten, reihenweise Affären und den Glauben, ein guter Schriftsteller zu sein. Jetzt hat er vor allem eins: einen Selbstmordversuch hinter sich und keinen Ort, zu dem er gehen kann. Sein größter Erzfeind Pims hat nicht nur sein neustes Buch so lächerlich gemacht, dass alle französischen Medien seinen literarischen Tod voraussagen. Nein, er hat ihm auch noch die Frau ausgespannt. Als er völlig planlos durch Frankreich fährt, erinnert er sich an den Brief, den er bei einer Autogrammstunde zugesteckt bekam.  Und er sucht die Urherberin der anrührenden Zeilen, die ihm erklärt, dass seine Bücher ihr das Leben retteten. Read the rest of this entry »

jeux d’entfant [liebe mich, wenn du dich traust]

April 19th, 2007

0.35 Uhr, ARD. Welch beschämdender Sendeplatz für meinen Lieblingsfilm. Aber immerhin kam er überhaupt im Fernsehen. “Liebe mich, wenn Du Dich traust”. Ein französisches Märchen der Extraklasse. Die Deutschen würden wohl am ehesten sagen: Der Film erinnerte mich an die fabelhafte Welt der Amélie. Genau genommen erinnert er aber nur an den neuen französischen Film. Fiktion und Realität mischen sich bei dieser Reise durch zwei Leben, auf der ewigen Gratwanderung zwischen Glück und Verzweiflung.

Wir lernen Julien (Guillaume Canet) und Sophie (die wirklich bezaubernde Marion Cotillard) im zarten Grundschulalter kennen. Sophie Kowalski wird immer wieder von ihren Mitschülern gehänselt und gepiesackt. Juliens Mutter ist schwer krank und schenkt ihm eines Tages eine Spieldose. Und mit eben jener Dose fängt alles an.

Es ist zunächst ein Spiel unter Kindern. Die Dose wird zwischen beiden hin und her getauscht, doch nur, wenn die gestellte Aufgabe erfüllt wird. Beide landen regelmäßig beim Direktor, bekommen Schläge von den Eltern und drakonische Strafen. Schließlich werden die beiden sogar in verschiedene Klassen verbannt. Ihrem Spiel tut das keinen Abbruch. Es geht Jahre um Jahre. Auf einmal sind aus den Kindern Jugendliche geworden. Und aus der Freundschaft, wie sollte es anders sein, Liebe. Doch keiner der beiden will sich das so recht eingestehen. Als sie sich schließlich küssen, weiß keiner von beiden mehr, ob es Spiel oder Realität ist.

Der Kuss provoziert Streit, die richtigen Worte werden nicht gefunden und die beiden verlieren sich, bevor sie sich recht gefunden haben. Erlegen sich auf, sich ein Jahr lang nicht zu sehen, dann wieder nicht sehen, dann wieder nicht. Beide stolpern im Leben herum, suchen sich Partner und erwischen sich doch immer wieder beim Gedanken an den jeweils anderen. Doch immer wenn einer der beiden seine Gefühle gesteht, hört der andere nicht zu oder ist gerade dabei, dem anderen richtig wehzutun.

Und so heiraten sie. Julien eine unscheinbare Frau (und ist auch noch so dreist, Sophie als Trauzeugin einzuladen, die als Revanche dann fast die Hochzeit platzen lässt) und Sophie einen Fußballspieler, der es zum Star der Liga schafft. Zehn Jahre werden sie sich nicht sehen. Und halten sich an die Abmachung. Doch nach dieser langen Zeit des Wartens wissen sie, dass sie etwas ändern müssen.

Wartest Du auf mich?”, ruft Julien der 20-jährigen Sophie nach.
Lass Dich überraschen“, antwortet sie und beißt sich fest auf die Lippen.

Der Film erzählt aus Juliens Perspektive und doch ist es Sophies Verletzlichkeit, ihr innerer Schmerz, der sich einprägt. Cotillard lässt Sophie still und doch so offensichtlich leiden, dass man nicht glauben kann, dass niemand um sie herum es sonst bemerkt. Am Ende hat man zwei Lösungsvarianten für diese Liebe zur Verfügung. Realität und Fiktion sind nicht zu trennen. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, ob er die wahrscheinlichere oder die schönere Variante glauben will. Und er sieht den Abspann, hört “La vie en rose” in dem Wissen, dass es die eine, die wahre und unzerstörbare Liebe geben muss. Wie sonst soll ein Film sie so intensiv und heranrührend darstellen?

Es ist eine Liebesgeschichte, die zweifelsohne immer wieder an Romeo und Julia erinnert. Und doch ist sie noch tragischer. Weil sie nicht am Starrsinn einer Gesellschaft und zweier Familien scheiterte, sondern an der Unfähigkeit zweier Liebender im richtigen Moment das Richtige zu sagen und alles Spiel und alle Wunden der vergangenen Wochen, Monate und Jahre zu vergessen. Sie finden sich erst, als die Würfel für ihr Leben schon gefallen sind. Als ein Ausbruch kaum möglich ist…und sie wagen ihn doch. Der ewigen Liebe wegen. Ihre Unsterblichkeit konservierend. Und unseren Herzen- und Seelenfeuer nneue Nahrung und Hoffnung gebend. Man möchte nur noch eines in die Welt schreien: Liebe mich, wenn Du Dich traust!!!

zusammen ist man weniger allein

March 13th, 2007

Genau genommen ist es nur das hundertste Buch, von dem der Verlag verspricht, dass es an die fabelhafte Welt der Amélie erinnere. Wie jeder moderne französische Roman wird auch Anna Gavaldas neustes Werk Zusammen ist man weniger allein mit diesem Ettikett versehen. Französischer Stil ist französischer Stil. Und die Deutschen kennen und lieben eben die kleine Amélie.

Aber Camille Fauque, Franck Lestafier, Philibert de La Durbellière und Omi Paulette Lestafier sollte man auch kennen und lieben lernen. Ein genauso merkwürdiges wie liebenswürdiges Gespann, das durch Zufälle zusammenfindet und eine 300 Quadratmeter große Wohnung beziehen. Philibert war als erster dort. Er ist sozusagen Hausbesetzer nach adliger Art: Wegen Erbstreitigkeiten unter den vielen verarmten Zweigen der de La Durbellières passt er auf, dass der ganze Hausrat vorher nicht wie von Zauberhand verschwindet. Das Housekeeping beherrscht er ganz gut. Besser jedenfalls als das fehlerfreie Sprechen und das Aussuchen gut sitzender Kleidung. Er wirkt ein bisschen flapsig und hat große Mühe, als Camille ihn anspricht.

Camille, das ist, wenn wir beim Vergleich des Verlages bleiben wollen, unsere kleine Amélie. Allerdings in sehr sehr dünn. Und in sehr viel mehr verzweifelt. Sie wohnt in einer zugigen, schlecht beheizbaren Dienstmädchenwohnung im Hinterhof von Philiberts Haus. Sie ist 26 und verbietet sich selbst, das zu tun, was sie am besten kann: Zeichnen. Eines Wintertags holt Philibert sie in seine große Wohnung, damit sie nicht erfriert. Sie bleibt - und legt sich sofort mit einem anderen Bewohner an -

Franck, der unaufhörlich als Koch schuftende Macho. Der gern Motorrad fährt und haufenweise Mädchen abschleppt. Und der jeden Tag sein schlechtes Gewissen mit sich herumschleppt. Weil er seine Oma Paulette nach deren Zusammenbruch in ein Altenheim geschickt hat. Er selbst konnte sich um die 83-Jährige nicht kümmern, sie selbst konnte es auch nicht. An seinem einzigen freien Tag kommt er sie besuchen - und bricht ihnen beiden das Herz.

Drei junge Menschen, die unterschiedlicher kaum sein können. Und sich doch sehr ähnlich sind. Sie sind Gestrandete. Mit einer zerbröselten Kindheit. Mit Eltern, die sie entweder nicht verstanden oder gar nicht erst wollten. Mit Jobs, die sie selbst gern eintauschen würden. Camille arbeitet nachts als Putzfrau, Philibert verkauft Postkarten an einem Museumskiosk und Franck arbeitet viel zu viel und wäre lieber sein eigener Chef. Doch ihre Gemeinsamkeiten stehen ihnen nicht auf der Stirn geschrieben - und so kommt es zunächst nur zu einem: nämlich zu Streit.

Von einem zum anderen wechselt Anna Gavalda beim Erzählen. Kurze Sätze, in viele Absätze gegliedert und mit inneren Dialogen der vier Protagonisten gespickt, geben dem Roman in der Tat eine besondere Lebendigkeit. Camille Fauque ist es allerdings, die der Autorin besonders am Herzen liegt. Bei ihr harrt die Erzählung am längsten aus, sie macht die größte Wandlung durch. Sie ist der Mittelstein in Gavaldas Dominospiel. Nur mit dem umgekehrten Dominoeffekt - wie sie es nennt. Sie wird aufgebaut, verlässt den Grund ihrer Seele und fängt selbst an, sich in fremde Leben einzumischen (Amélie?!) und hinaufzuziehen. Es ist Camilles innere Zerrissenheit, die die Autorin so glaubwürdig darzustellen weiß.

“Du musst ausgehen”, schimpfte sie mit sich.
“Aber ich geh nicht gern aus.”
“Warum nicht?”
“Ich weiß nicht.”
“Hast Du Angst?”
“Ja.”
“Wovor?”
“Ich habe Angst, dass zuviel Bodensatz aufgewirbelt wird. Und außerdem… habe ich auch das Gefühl auszugehen, wenn ich mich in meinem Innern verlaufe. Ich gehe spazieren. Dort ist es ganz schön groß.”
“Machst Du Witze? Es ist winzig klein! Komm schon, Dein Bodensatz riecht schon ranzig.”

Ja, man wünscht sich einen aufgewühlten Camille-Bodensatz. Eine aufgewühlte Camille. Und man bekommt sie natürlich auch. Eine Camille, die ausgeht, die ihren Putzeimer wieder gegen Pinsel und Farben eintauscht, die sich mit sich und der Welt versöhnt. Die wieder normal ist und die sich - natürlich - letztlich auch noch verliebt. Deswegen kann man Gavalda auch kaum böse sein, dass ihr Roman zum Ende hin an Dynamik und Charme etwas verliert. Was bezaubernd poetisch und einfallsreich anfängt, wird zunehmend vorhersehbar. Das Ende einem fulminanten Tele-Novela-Finale gleich. Doch wen kümmert’s? Oft genug hat das Buch nachdenklich gemacht. Hat gezeigt, wie schnell und intensiv sich die Lebensfäden vierer völlig verschiedener Charaktere zu einem untrennbaren Band verbinden können. Zusammen ist man weniger allein. Oder, wie es im französischen Original hieß: “Ensemble, c’est tout”.