nachtröpfelnde premiere in weimar: die ganz neuen leiden des jungen werther

September 12th, 2008

Stefan Konarske (Werther) und Aaron Hildebrand (Wilhelm) verzogen sich nach der Filmvorführung erstmal unter die Laterne gleich neben dem Goethe-und-Schiller-Denkmal. Die meisten Otto-Normalverbraucher-Premierengäste strömten zeitnah in die laue Sommernacht. Premierenfeier? Nein danke. Die Crew, die Prominenz, die Journalisten und ein paar Weimarer zogen ins Foyer des Deutschen Nationaltheaters um - und auf den wundervollen Theaterbalkon.

Jazzmusik, Häppchen, Sekt und zu lautes Lachen. Vermischt mit Zigarettenrauch. Yvonne Catterfeld hat ihre zwei Freundinnen dabei und plauscht mit Hannah Herzsprung, die im vorgestellten Film die Lotte spielt. Schneewittchengleich - die Haut weiß wie Schnee, die Lippen rot wie Blut und das Haar schwarz wie Ebenholz. Doch heute sieht sie wieder ganz normal aus, schlägt die Beine übereinander, die Haare sind wieder braun und zusammengebunden. 

So ist das also, wenn Regisseur Uwe Janson und Produzent Oliver Czeslik ihren Film im glanzvollen Rahmen vorstellen wollen. Einen Film, den jeder drei Tage vorher schon auf arte sehen konnte. Mit besserem Ton und dem gleichen mulmigen Gefühl. Dieser Werther, der hat nichts mehr von Goethes Protagonisten. Er ist in die heutige Welt geschossen und versteht seinen Leidensgenossen von vor 200 Jahren nicht mehr.

Denn im Gegensatz zum Romanvorbild bekommt er seine Lotte, er bekommt sie, weil er all die schönen Dinge, die an Willhelm geschrieben worden sind, diesmal direkt an seine Liebste richtet. "Er fängt mich ein mit seinen Worten", verrät sie ihrer Freundin. Und sie bleibt bei ihm, schickt ihren Fast-Verlobten Albert (im Übrigen ein sehr unsympathisch-harter Typ) weg. Aber Werther leidet unter ganz anderen Dingen. Er leidet an der kalten Welt, die Glamour und Wärme vorspielt und nur Einsamkeit zu geben hat. "Wie können Menschen einander so wenig sein", murmelt er, nachdem er Lotte gerade in den Armen hielt. "Ich habe gemacht, nicht gelebt - und Du hast es geglaubt!" Und dann erschießt er sich, vor ihren Augen, trotz ihres Protests. Weil man gehen soll, wenn es am Schönsten ist. Weil die Ernüchterung furchtbar ist, wenn man das bekommt, was man wollte und der Weltschmerz trotzdem nicht weniger wird.

Werther ist nicht mehr ein verzweifelt Liebender, sondern ein verzweifelt Hassender. Geboren aus dem Albtraum des Älterwerdens und der romantischen Verklärung des Jungseins. Das ist nicht Werther - und das ist nicht schön anzusehen. Die Kulisse schon. Jagdhaus Gabelbach, in dem ich selbst mehrfach meinen Winterurlaub verbrachte. Im verschneiten Thüriner Wald, der so frei atmen lässt. Aber auch das Licht des Films ist kalt, immer wieder die hektische Kameraführung, die Bilder verschwimmen, verlieren ihre Schärfe. Dazu tolle Musik von Miss Kenichi, stumme Bilder und immer wieder die Monologe Werthers. Das ist der Kompromiss, wenn ein Briefroman irgendwie halbwegs authentisch adaptiert werden soll. Es ist, mal wieder, nicht geglückt.

Die Schauspieler überzeugen. Auch Firtz Roth, der die erfundene Figur des Onkel Bernd verkörpert, der ständig "Fick Dich!" sagt und im Spiel tot umfällt, bis er einmal wirklich nicht mehr aufsteht. Er ist nicht nur unnötig, mal abgesehen von den paar flachen Witzen, er zieht die Handlung in die anstrengend in die Länge. Überhaupt lenkt soviel von der Liebesgeschichte ab, die Goethe einst erzählen wollte. Und die schön war, so wie sie war. Und die auch in der Neuzeit erzählt schön hätte werden können.  

Dass zu zwei Dritteln besetzte Nationaltheater jubelte und johlte indes. Vor allem die Schüler, die gezwungenermaßen hier waren - und doch Spaß hatten. Vielleicht mag ich einfach die Vorlage zu sehr, um mich auf diese Adaption einzulassen. Obwohl Plenzdorfs neuere Leiden auch gefielen. Wer lieber guckt, als liest, der schaue sich den Thüringer Augenzeugen zur gestrigen Premierenfeier an, die genau genommen keine Premiere war. 

spucke in großformat, animierte philosophen und kino von zuhause

April 10th, 2008

Zurück in der Großstadt und die Uni ist noch nicht richtig wach. Zeit, um ins Kino zu gehen.Drei Tage, drei Kinos, drei Filme.

Montag, Passage-Kino: "Shine a light". Der große Martin Scorsese macht einen Film über die großen Rolling Stone. Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale war wegen seiner Unbestimmtheit kritisiert worden. Er habe Stones-Fans keine neuen Erkenntnisse gebracht. Ich, als Stones-Gelegenheits-Hörer kann hinzufügen, das er auch für Nicht-Fans wenig Erkenntnisse bringt. Der Mitschnitt eines Benefizkonzertes in New York wird immer wieder mehr oder weniger elegant von alten Aufnahmen und Interviewsequenzen unterbrochen. Die Stones erzählen hier kleine Anekdoten, aber der Film erzählt nichts über die Band. Wo sie herkam, wer sie ist, wie sie wurde, was sie heute ist.
Genau genommen ist es nicht mal ein Stones-Film, sondern ein Film über Jagger (mit einem leicht penetranten Martin Scorsese in der größten Nebenrolle). Fast das gesamte Konzert über ist er im Bild. Die Nahaufnahmen aus allen Perspektiven, die Jagger selbst zuviel gewesen sein sollen, werden abgelöst von Jagger von vorn und Jagger von hinten. Nur in seinen Gesangspausen bekommt man auch mal uralt aussehenden, aber ordentlich rockenden Gitarristen Keith Richards und Ron Wood. Oder gar den ganz unbeteiligten Schlagzeuger Charlie Watts, der mit seinem großväterlichen Äußeren gar nicht recht zur Band zu gehören scheint. Auch in den eingespielten Sequenzen wird vor allem von und über den Frontmann erzählt.
Richtig viel Konzertfeeling kommt eigentlich nur bei den Duetts Jaggers mit Christina Aguilera, Jack White (The White Stripes) und Buddy Guy auf. Und wenn Keith Richards auch mal singen darf und zwei ältere Blues-Nummern zum Besten gibt. Hängen bleibt vom Film nicht viel, ein bisschen Atmosphäre, ein Fetzen Lied und viel herumfliegender Speichel in Riesenformat.
Read the rest of this entry »

wir reisen dem glück hinterher

December 27th, 2007

Fünf Orte auf der Welt: Venedig, die Wüste in Arizona und Nevada, Jamaika, ein winterliches Island und eine Provinzstadt in Brandenburg. Sie scheinen nichts gemeinsam zu haben. Doch an jedem der fünf Orte haben sich Anfang 30-Jährige eingefunden. Sie suchen die Liebe und mit ihr das Glück und finden doch nur "Nichts als Gespenster". Das Roadmovie von Martin Gypkens mit dem großartigen Stipe Erceg erzählt von der Sehnsucht. Und davon, wie die Hoffnung, beim Reisen das Unglück in Glück zu tauschen, immer wieder zu scheitern scheint. 

Sie alle sind auf der Reise und sie alle sind unglücklich.

Read the rest of this entry »

bis zum ellenbogen

November 24th, 2007

Was passiert, wenn man einen elektrotüftelnden Hartz-IV-Empfänger (Willi), einen mäßig erfolgreichen Bankangestellten (Sven) und einen hochstapelnden aber erfolgreichen stellvertretenden Geschäftsführer (Achim) in eine einsame Schweizer Berghütte steckt? Fernab der Zivilisation ohne funktionierenden fahrbaren Untersatz oder Handyempfang, mit einem mäßig empfangenden Fernsehrgerät und jeder Menge Aggressionen? Nun, dieser Frage geht Justus von Dohnányi in seinem Film "Bis zum Ellenbogen" nach. 

Alles läuft halbwegs gut, solange Sven, ein grundgenügsamer Typ, der es als seine höchste Daseinspflicht ansieht, es anderen, noch so fremden Menschen recht zu machen. Er bringt die beiden Dauerstreithähne Achim und Willi zum Kartenspielen, bereitet das Essen zu und ist durch keine Unhöflich- bis Dreistigkeit aus der Fassung zu bringen. Ein alkoholisch-verfeinerter Männerabend lässt das Trio scheinbar zusammen rücken. Willi baut ein "Gurkenbrät" und trägt damit sehr zur Belustigung bei. Allerdings auch zu Svens plötzlichem und ungewollten Ableben. Read the rest of this entry »

ich bin eine insel

June 30th, 2007

Als ich am Mittwochabend - drei Minuten zu spät - die “1″ auf meiner Fernbedienung drückte, sah ich ein bekanntes Bild. Ulrike Folkerts schwimmt. Das tut sie im Tatort oft. Doch diesmal schwimmt sie nicht vor den Taten anderer weg, sondern vor ihren eigenen.

Ins Mittwochsfilmrepertoire der ARD reihte sich ein 90-minütiger Film mit dem Titel “Ich bin eine Insel”. Nach wenigen Minuten war mir völlig klar, wer hier die Insel ist: Tea Winkler. Gespielt von Ulrike Folkerts. Diese wohnt alleine in einer völlig irreal wirkenden Welt. Sie verkauft Süßigkeiten an Schulkinder, in ihrem Kühlschrank findet sich indes nur Gemüse. Und ich meine nur Gemüse. Sie hat ein gutes Gespür für Menschen, aber sie hat es schon vor einiger Zeit verdrängt. So wie sie ihr Leben verdrängte. Den Beruf als Lehrerin hat sie aufgegeben, ihren Mann Michael, das schöne idyllische Haus am See. Um das zu vergessen, was vor drei Jahren geschah und wofür sie sich die Schuld gibt. Einer ihrer Schüler starb bei einem Autounfall, bei dem sie am Steuer saß.

Diese schroffe Tea Winkler beschützt eines Tages die pummelige Rosa vor dem Mobbing der Klassenkameraden. Um gleichzeitig auch noch ihren flirtenden Nachbarn außer Gefecht zu setzen, gibt sie sich als Mutter von Rosa aus und erzählt, was sie alles mit ihr zusammen machen wolle. Rosa, die gemeinhin nicht besonders viele Freunde hat, ist begeistert und nimmt Teas Worte für bare Münze.

Sie wartet nach Ladenschluss vor der Tür und sitzt im Treppenhaus zu Teas Wohnung. Spätestens jetzt ahnt der geneigte Betrachter: Das ist die deutsche Version von “About a boy”, nur ohne Hugh Grant. Denn woher kam uns der Titel so bekannt vor? Ach ja. “Every man is an island and I’m like Ibiza” hat der Will, gespielt von Hugh Grant, gesagt. Ulrike Folkerts muss zwar nie was über ihr Dasein als Insel sagen, aber die Referenz zu Hollywood ist signifikant. Die Autorin Silke Zertz hat ein bisschen sehr viel bei Hornby abgekupfert. Auch, wenn die Protagonisten weiblich sind.

Und so wundert es nicht, dass das Ende, ganz ungewohnt für den deutschen Film fernab von Inga Lindström, ebenso kitschig endet, wie eine Hollywoodproduktion. Natürlich schafft es Rosa, nach all den Strapazen mit den gerissenen Trägern beim Ballettunterricht und den Tanzstunden von Teas gewöhnungsbedürftigem Nachbarn Jackie, Teas Herz zu erweichen. Auch wenn sie immer wieder “Ich bin nicht Deine Freundin” sagt, fängt sie an, die Anwesenheit des zehnjährigen Pummelchens zu genießen. Sie nimmt sie sogar mit in ihr idyllisches Haus am See und bringt ihr das Schwimmen bei.

Und dann der psychologische Clou. Rosa hat einen Unfall, Tea gibt sich die Schuld, weil sie ihn nicht verhindert hat und beginnt sich wieder einzuigeln. Ihr Mann Michael findet sie im besagten Haus am See, sie spricht sich ihre Schuldgefühle vom Leib, er nimmt sie in den Arm und bleibt bis zum nächsten Morgen (Und seine neue Frau, die gerade mit dem dritten Kind von ihm schwanger ist, scheint überhaupt nicht zu fragen, wo er denn war). Tea lässt ihn gehen, ohne Zögern, ohne kleine Tränen in den Augen. Ja, die großen Menschen, die einfach mal für eine Nacht glücklich sind und das Glück am nächsten Tag mit regloser Miene gehen lassen. Passiert mir auch jeden Tag…

Und dann ist alles wieder gut. In ihrem Kühlschrank ist immer noch nur Gemüse, aber statt Süßigkeiten verkauft sie jetzt Bücher. Dann gibt sie den Laden ganz auf und kehrt in ihren alten Job als Lehrerin zurück. Und Rosa ist an ihrer Seite. Der einzige Unterschied zu Hollywood: Sie bekommt keinen Mann. Aber das wäre auch zuviel des Kitschs gewesen.

Immerhin fünfeinhalb Millionen Menschen wollten den vom SWR produzierten Film sehen. Was nicht zu letzt an den großartigen Schauspielern Ulrike Folkerts und Heio von Stetten gelegen haben mag. Ein bisschen mehr eigene Ideen hätte ich mir dennoch gewünscht. Denn es bleibt am Ende auch noch der gleiche Satz wie beim hollywood’schen Vorbild: “Niemand ist eine Insel!”

one way

February 14th, 2007

Nicht nur eine Einbahnstraße, sogar eine Sackgasse entsteht im Kopf desjenigen, der sich für “One Way” statt “Die Queen” entschieden hat. Til Schweiger, Hauptdarsteller und Produzent, lässt den Zuschauer allein im Kino zurück, nur begleitet von der zweithäufigst gestellten Frage der Weltgeschichte: “Was will mir der Künstler damit sagen?”

Dass Lügen kurze Beine haben? Dass das Schicksal seine Schuldigen schon findet? Oder dass es letztlich eigentlich Glückssache ist, auf welcher Seite die Münze landet?

Ende vor dem Anfang

Schon vier Minuten nach Beginn möchte man aus dem Film gehen. Vier Jungen vergewaltigen ein junges Mädchen. Ein Militär taucht auf und metzelt die Übeltäter brutal nieder. Schnitt.

Eine heile Welt. Ein Wagen hält auf der Kieseinfahrt eines großen Anwesens. Eddie Schneider (Til Schweiger) ist auf Besuch bei den Eltern seiner Freundin Judy Birk (Stefanie von Pfetten). Noch das Donnern der Schüsse im Ohr, hört man jetzt den seichten Dialogen zu, die glatt einem Utta Danella Roman entsprungen sein könnten. Eddie hält um Judys Hand an - natürlich standesgemäß beim Vater selbst. Und alle sind froh, sich gegenseitig in der Familie zu haben.

Das Karrusell dreht sich

Birk beteiligt Eddie sogar als Partner an seiner Werbeagentur. Die Himmel über dem jungen Mann könnte kaum rosafarbener sein, wenn da nicht seine notorische Fremdgeherei wäre. Und der zukünftige Schwager Anthony (Sebastien Roberts), der nicht nur davon weiß, sondern auch jede Menge Beweisfotos hat.

Und der eines Abends Eddies beste Freundin Angelina (Lauren Lee Smith) brutal im Büro vergewaltigt. Wie sich herausstellt, ist sie das junge Mädchen aus den ersten Minuten. Während sich Eddie nun zunächst klar auf Angelinas Seite positioniert, spielt Anthony seine Trümpfe aus. Für den neuernannten Partner ein gewichtiges Problem: Beste Freundin oder Verlobte/Partner in der Agentur/Job. Wahrheit oder Meineid vor Gericht. Natürlich wählt er letzteres.

Rette Dein Hemd

Bis hierher ist die Botschaft noch klar. Für ein bequemes Leben vergisst man die Wahrheit. Man verzerrt sie, tauscht sie aus. Doch in den folgenden Minuten verstrickt sich der Film in seiner eigenen Logik. Angelina, enttäuscht und desillusioniert, ersinnt einen Plan, der alles durcheinander würfeln soll. Und plötzlich ist gar nichts mehr klar. Nur noch, dass es viele Protagonisten gibt, die alles verlieren können. Und versuchen, um Himmels Willen, ihre Wäsche ins Trockne zu bringen.

Angelina kommt davon. Eddie sitzt plötzlich auf der Anklagebank. Und verliert nicht nur seinen Job, sondern auch seine Verlobte. Plötzlich ist die sonst so idealistisch wirkende Angelina eiskalt, lässt ihren ehemals guten Freund unschuldig auf der Anklagebank sitzen und verzerrt ihre Wahrheit nun ihrerseits. Und Eddie ist dabei alles zu verlieren.

116 Minuten Chaos und Langeweile

Der Film zieht sich, verstrickt sich und zieht sich dadurch noch länger. Es fehlt die Botschaft, es fehlt die Ernsthaftigkeit. Immerhin ist Vergewaltigung und der Umgang damit nicht gerade ein Sonntagsspaziergang. Es fehlt die Linie. Niemand bezieht Position. Niemand sagt: “Was macht ihr denn hier eigentlich?”. Es machen einfach alle mit.

legende vom glück ohne ende

October 28th, 2006

Wieder ein Roman in Berlin. Wie der letzte, Allerseelen. Wieder geht es um ungewöhnliche Liebe. Doch das Buch ist schon älter. Erzählt von der Ostseite des geteilten Berlins. Und ist auch sonst ganz anders. Ulrich Plenzdorfs “Legende vom Glück ohne Ende”, viele kennen sicher den Film “Die Legende von Paul und Paula”. Das ist sie wohl die Geschichte. Nüchtern, mit wenig wörtlicher Rede. Vielen Zeitraffern, vielen Rückblenden, wenig Gegenwartsmiterzählen. Die Sprache viel zweckmäßiger als bei Nooteboom, kaum Poesie, meist sehr einfach.

Und doch berührt das Buch. Da gibt es einen Ich-Erzähler, der in der Singerstraße wohnt. So wie Paul. Und so wie Paula. Und wie es bei besonderen Liebesgeschichten ist, finden sich die beiden zunächst nicht. Paul heiratet eine wunderschöne, aber dumme Frau. Paula bekommt ein Kind von einem Säufer, - und dann noch eins von einem Zirkusjungen. Dann finden sich Paul und Paula. -Um sich sofort wieder zu verlieren. Paula ist stur. Paul aber auch. Und wer wünscht sich nicht einen solchen Paul? Der ein halbes Jahr vor der eigenen Tür sitzt, um zu verhindern, dass ein anderer, ein alter, reicher Werkstattbesitzer, die geliebte Frau verführt - oder gar noch heiratet. Auf einem Lager aus Zeitungen harrt Paul aus. Lässt sich regelmäßig krank schreiben, geht regelmäßig vormittags - wenn Paula auf Arbeit ist - zur Krankengymnastik, und sitzt ansonsten vor der Tür. Und malt Herzen an Paulas Tür. Weil Paula nicht mit ihm redet. Weil Paula ihn nicht erhört. Bis er eines Tages Paulas Tür einschlägt und doch noch alles gut wird.

Zunächst zumindest, denn Paula wird wieder schwanger. Der dritte Kaiserschnitt wird tödlich enden, hatte Paulas Professor ihr prophezeiht. Doch sie will das Kind, in all ihrer Sturheit. Und sie stirbt. Ihr Junge überlebt und bleibt bei Paul. Doch für Paul ist Paula nicht tot. Er sieht sie um sich, redet mit ihr, geht mit ihr zur Arbeit und schläft neben ihr ein. Paula ist überall. Bis sie eines Tages wirklich bei ihm in der Kaufhalle auftaucht. Nur, dass sie plötzlich Laura heißt.

Und natürlich gibt es kein Glück ohne Ende. Deswegen wohl das LEGENDE im Titel. Zur Desillusionierung. Laura ist keine Paula. Sie liebt Paul, aber auf ihre Weise. Und die eine, die riesengroße Liebe, die kann es dann wohl auch nur einmal im Leben geben. So stimmt einen das Buch mit dem, zumindest auf den ersten Blick so hoffnungsfrohen Titel, mehr und mehr traurig. Weil man erkennt, dass man nicht zurückbekommen kann, was der Tod für immer nimmt. Dass die Lebenslüge, denn natürlich glaubt Paul Laura nicht, dass sie nicht eigentlich Paula ist, eben doch nie Wahrheit werden kann und dass man letztlich wohl ohne seine Truggestalt “Paulalaura” leben muss.

Und so geht auch Paul am Ende, verschwindet spurlos. Überwindet eine durch Laura zugezogene Querschnittslähmung und ist weg. Und auch sonst macht Paul eine große Wandlung durch. Als er Paula kennenlernt, hat er einen korrekten Job, für den er lebt. Er glaubt, was in der Zeitung steht und kennt alle korrekten Wörter und Redensweisen auswendig. Er ist angepasst. Mit Hemd und Krawatte, intakter Familie, perfektem Beruf. Er weist Paula zurecht, die ganz anders denkt. Sie sind in ihrem Denken Gegensätze. Der angepasste Paul, mit dem gut bezahlten Job, und die freidenkende Paula, die in der Kaufhalle Flaschen annimmt. Doch Paula verändert Paul. Und alles, was ihm während des Buches wiederfährt verändert Paul. Spätestens seit er Paulas Haus belagert. Bald arbeitet er auch in der Kaufhalle, trägt immer eine blaue Hose und einen grünen Pullover und lässt sich die Haare wachsen. Èr liest die Zeitung auf seine Art und lernt auch selbst das “Durch-die-Blume-sprechen”.

An manchen Stellen fragt man sich wirklich, wie dieses Buch durch die DDR-Zensur gekommen ist. Eher weniger als mehr wird da verschleiert kritisiert, der gewandelte Paul und die immer gleiche Paula nehmen kein Blatt vor den Mund - auch wenn sie die Kunst der Ironie beherrschen. Sehr oft lächelt und grinst man bei einigen Anspielungen. Und kann wieder nicht glauben, dass die DDR genauso war, wie man es heute stets zu hören bekommt. Immerhin hat sie so ein schönes Buch verlegen lassen - mit allen “kritischen” Stellen…und auch im kalten Kapitalismus glaube ich noch immer an das Glück ohne Ende.

ein freund von mir

October 28th, 2006

Zwei Welten treffen aufeinander. Die eine heißt Karl, die andere Hans. Der eine hat gerade einen Innovationspreis gewonnen, trägt Anzug und Krawatte und lebt in einer Wohnung mit atemberaubenden Blick über die Stadt. Der andere sucht gerade einen Job, trägt eine blaue abgetragene Weste und einen roten Pullover und fährt einen knallgelben Duff mit “Variomat-Getriebe” und kaputtem Schiebedach. Beide treffen sich aus verschiedenen Gründen bei einer Autovermietung. Beide kriegen den Job, Autos zu überführen.

Und während Karl, der lieber für sich allein, in Gedanken und mit geringstmöglichen Aneckungspunkten seine Tage gestaltet, Hans zunächst immer abblockt, ist dieser immer wieder um ihn herum. Erzählt ihm die abenteuerlichsten Sachen, schwärmt über Autos und über Frauen, bringt ihm Kaffee (”Hey, probier’ mal, habe ich erfunden”…) und bringt Karl bei, wie man wirklich Autos fährt. Für Hans ist sein Leben und die ganze Welt “das Topsste”. Und dann stellt er Karl seine Königin vor. Die heißt Stelle und ist dummerweise Karls Traumfrau.

Und so nimmt alles seinen Lauf. Die Freunde streiten sich, suchen sich, finden sich wieder. Stelle verschwindet nach Barcelona, aber nicht, ohne Karl vorher zu küssen.

Und man liebt diesen Film einfach. Weil er von Menschen erzählt, von denen man glaubt, dass es sie so gar nicht gibt. Prototypen, die der Welt vielleicht manchmal gut täten. Einem völlig verrückten Hans, der redet und redet und sein Leben immer mag. Egal, ob er Autos überführt oder Koffer am Flughafen durch die Gebäude fährt. Und der Karl, dem alles zu gelingen scheint, der aber in einer kalten Wohnung voller unausgepackter Umzugskartons wohnt und sein Leben nur mit sich ausmacht.

Und weil man Jürgen Vogel und Daniel Brühl alles glaubt. Man glaubt ihnen ihren Übermut, ihre Lebenslust und man glaubt ihnen ihre Trauer, ihre Wut, ihren Ärger. Man glaubt Hans die Tränen und Karl die Suche nach Hans.

Am Ende geht man ein wenig glücklicher aus dem Kinosaal. Weil es da mindestens zwei Menschen gibt, die die Welt ein bisschen fröhlicher und lebenswerter machen. Und gleichzeitig hasst man den Film ein bisschen. Weil er die Harmonie auf die Spitze treibt. Weil man weiß, dass einem selbst nie so etwas passieren kann. Dass einem niemand der Liebe willen nachreisen würde. Nach Barcelona. Wahrscheinlich nicht mal nach Leipzig. Es ist das HappyEnd, das man Karl und Stelle wünscht, das man ihnen glaubt, aber ihnen auch nicht verzeihen kann. Doch der Film bleibt, was er ist. Die Bilder bleiben hängen, die Musik jagt einen hinaus in die Nacht.

Ein Film, der bleibt. Und von dem es viel mehr Filme geben sollte. Der mit Klischees spielt, ohne abgedroschen oder durchschaubar zu werden. Der ein Leben vorlebt, das anders ist. Das aus durch die Nacht schreien, rückwärts so schnell wie vorwärts fahren und Zack-Boing-Spielen besteht. Das der Freundschaft eine Chance gibt, die Chance, dem anderen auch das Glück zu gönnen, dass man selbst gern hätte. Und man glaubt Hans, dass er das kann. Weil das Leben immer gerade im Moment am “toppsten” ist, egal was er gerade macht. Und vielleicht ist es auch diese liebenswerte Eigenschaft des Protagonisten, die diesen ganzen Film so besonders macht.