pedantische platzkartenbesitzer

November 6th, 2008

Bielefeld existiert.Es ist kein menschen- und ideenverschlingendes Schwarzes Loch, wie ein Kollege am Dienstag angedeutet hatte. Aber in seiner Grundatmosphäre kommt es der Farbe des mit ihm assozierten astronomischen Phänomens ziemlich nah: Dunkelgrau. Ja, es hat keine Sonne geschienen und in herbstlichen Einkaufsstraßen ohne nennenswerte Begrünung, oder im aktuellen Fall Bebuntung, machen da alle wenig her, aber dass es anderen Städten auch so geht, macht Bielefeld aktuell nicht hübscher.

Der Bahnhof betreffender Stadt ist zudem im Hinblick auf Gastronomie und klimatisierte Sitzgelegenheiten noch schlechter ausgestattet, als das kleine, aber touristenabhängige Weimar, das mir als Wahlheimat an ausgewählten Wochenende immer mehr ans Herz wächst. Sitzen kann man dort also nicht, dafür sind die Bahnhofslautsprecheransager viel freundlicher. Das müssen sie auch, denn Züge scheinen ausnahmslos Hemmungen zu haben, in Bielefeld einzufahren und zögern den Moment so lange wie möglich hinaus. Wahrscheinlich haben die Lokführer zuvor allesamt ähnliche Gerüchte gehört, wie mein Kollege. Der IC, der mich gen Osten bringen sollte, musste es natürlich gleich wieder übertreiben und vertrödelte sage und schreibe 40 Minuten. In meiner logischerweise ebenso verlängerten Wartezeit rumpelte es im Minutentakt im Bahnhofslautsprecher und der Bahnhofslautsprecheransager sagte weitere Bummelantenzüge an. Ein Bielefelder Bahnhofslautsprecheransager hat mindestens ebenso hohe Sprechanteile wie der Moderator eines x-beliebigen Info-Radios. Trauen sich die Züge dann endlich in die menschen- und am liebsten zugführerfressende Stadt, sind sie meist angenehm leer. So auch der von mir sehnlichst mit angefrorenen Füßen erwartete Inter City.

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unglücksglück

February 28th, 2008

Eine Urlesung. Nicht am Handlungsort Marienbad, sondern in Weimar, der Wahlheimat des Protagonisten aus Martin Walsers neuem Roman "Ein liebender Mann", dem Dicherfürsten Goethe höchstselbst. Die Vorredner geben sich die Klinke in die Hand. Einer von ihnen, Ijoma Mangold, wird den Abend moderieren. Er ist Feuilletonredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und erörtert, was Goethe zu einem Walserschen Helden macht. Schließlich sei Goethe ein Optimist gewesen, der das Leben von allen seinen Seiten gesehen hat. Doch Walser zeigt ihn leidend. So, wie er seine Protagonisten für gewöhnlich zu zeigen pflege.

Vierundsiebzigjährig verliebt er sich in die neunzehnjährige Ulrike von Levetzow. Und er leidet. Schwankt zwischen der Möglichkeit und der Unmöglichkeit hin und her, will sie sogar heiraten. Als der Plan misslingt, schreibt er seinen Schmerz noch auf dem Weg nach Weimar nieder - in der Marienbader Elegie - die Walser in sein Buch einzubetten weiß. Mangold nennt diesen "geglückten Versuch" eine "Gedichtverfilmung", wie immer das bei einem Buch auch gehen mag. Aber die rund zweihundert, größtenteils geladenen, Zuschauer dürfen sich selbst davon überzeugen. Walser liest.

Er präsentiert uns einen munteren und humorvollen Goethe. Einen, der sich seines Alters stets bewusst ist, der im Kopf immer wieder das gleiche Rechenspiel vornimmt: 74 - 19 = 55. 55 Jahre liegen zwischen ihm und Ulrike, fast ein ganzes Leben. Und doch ist er verliebt wie ein junger Hund und redet bisweilen mit sich selbst (wobei er jeden klugen Gedanken mit einem "schreib es auf" quittiert). Walser erzählt amüsant und kurzweilig, erspinnt Dialoge zwischen den beiden und begleitet sie auf die Verlobungsfeier von Goethes Arzt. Dieser wird immerhin eine 30 Jahre jüngere Frau ehelichen, wie Goethe erfreut feststellt. Seinetwegen solle es eine "Verlobungsepedemie" geben, damit die 55 Jahre nicht mehr gar so mächtig erscheinen mögen. Natürlich ist es ein Roman, Walser legt allen Beteiligten eine Menge Sätze in den Mund, spricht Goethe Gefühle, Humor und eine mächtige Portion Eitelkeit zu und doch kann man sich diese Eigenschaften gut am alternden Goethe vorstellen. Sie passen ins bisherige Bild.

Walser spricht allerdings immer von "seinem Goethe", der mit dem "echten Goethe" nicht zwingend viel zu tun haben müsse. Er erfüllt einen Teil von Goethes Leben mit selbigem, von dem wir sehr wenig wissen. Schreibt die Liebesbriefe neu, die Ulrike von Levetzow kurz vor ihrem Tod verbrennen und bei sich begraben ließ. Und mogelt sich gleichzeitig um das Problem der biographischen Wahrheitstreue herum, so, wie es der Roman wohl immer tut. Das Thema, die Liebe bei großem Altersunterschied, ist in Walsers Werk nicht neu. Auch "Brandung" erzählt davon - oder auch der "Lebenslauf der Liebe". Nur diesmal eben "nach einer wahren Geschichte" wie es so gern heißt. Und zwar von niemand geringerem als dem deutschen Literaturklassiker. Immer wieder spricht Walser an diesem Abend von der Befreiung, die das Schreiben ist - er legt es auch seinem Protagonisten in den Mund. Der Schmerz, den wir alle kennen und den Goethe in Walsers Roman durchlebt, könne man nicht überwinden. Auch nicht durch das Schreiben, wie es der "wahre Goethe" einmal zu sagen pflegte. Das Schreiben vermöge nur, aus dem Schmerz etwas Schönes zu machen. Wenn man es schafft, ihn in Worte zu fassen, in Verse zu pressen, dann tut er für kurze Zeit weniger weh. Und danach müsse man eben wieder schreiben. Der Schmerz sei nichts Negatives, er gehöre zum Leben: "Wer glaubt, dass das Leben nur das Eine ist - Glück oder Unglück - der hat noch nicht richtig hingeschaut, nicht richtig hingefühlt. Es gibt nur beides, nämlich Unglücksglück", sagt der 80-jährige Literat und lächelt.