nachtröpfelnde premiere in weimar: die ganz neuen leiden des jungen werther

September 12th, 2008

Stefan Konarske (Werther) und Aaron Hildebrand (Wilhelm) verzogen sich nach der Filmvorführung erstmal unter die Laterne gleich neben dem Goethe-und-Schiller-Denkmal. Die meisten Otto-Normalverbraucher-Premierengäste strömten zeitnah in die laue Sommernacht. Premierenfeier? Nein danke. Die Crew, die Prominenz, die Journalisten und ein paar Weimarer zogen ins Foyer des Deutschen Nationaltheaters um - und auf den wundervollen Theaterbalkon.

Jazzmusik, Häppchen, Sekt und zu lautes Lachen. Vermischt mit Zigarettenrauch. Yvonne Catterfeld hat ihre zwei Freundinnen dabei und plauscht mit Hannah Herzsprung, die im vorgestellten Film die Lotte spielt. Schneewittchengleich - die Haut weiß wie Schnee, die Lippen rot wie Blut und das Haar schwarz wie Ebenholz. Doch heute sieht sie wieder ganz normal aus, schlägt die Beine übereinander, die Haare sind wieder braun und zusammengebunden. 

So ist das also, wenn Regisseur Uwe Janson und Produzent Oliver Czeslik ihren Film im glanzvollen Rahmen vorstellen wollen. Einen Film, den jeder drei Tage vorher schon auf arte sehen konnte. Mit besserem Ton und dem gleichen mulmigen Gefühl. Dieser Werther, der hat nichts mehr von Goethes Protagonisten. Er ist in die heutige Welt geschossen und versteht seinen Leidensgenossen von vor 200 Jahren nicht mehr.

Denn im Gegensatz zum Romanvorbild bekommt er seine Lotte, er bekommt sie, weil er all die schönen Dinge, die an Willhelm geschrieben worden sind, diesmal direkt an seine Liebste richtet. "Er fängt mich ein mit seinen Worten", verrät sie ihrer Freundin. Und sie bleibt bei ihm, schickt ihren Fast-Verlobten Albert (im Übrigen ein sehr unsympathisch-harter Typ) weg. Aber Werther leidet unter ganz anderen Dingen. Er leidet an der kalten Welt, die Glamour und Wärme vorspielt und nur Einsamkeit zu geben hat. "Wie können Menschen einander so wenig sein", murmelt er, nachdem er Lotte gerade in den Armen hielt. "Ich habe gemacht, nicht gelebt - und Du hast es geglaubt!" Und dann erschießt er sich, vor ihren Augen, trotz ihres Protests. Weil man gehen soll, wenn es am Schönsten ist. Weil die Ernüchterung furchtbar ist, wenn man das bekommt, was man wollte und der Weltschmerz trotzdem nicht weniger wird.

Werther ist nicht mehr ein verzweifelt Liebender, sondern ein verzweifelt Hassender. Geboren aus dem Albtraum des Älterwerdens und der romantischen Verklärung des Jungseins. Das ist nicht Werther - und das ist nicht schön anzusehen. Die Kulisse schon. Jagdhaus Gabelbach, in dem ich selbst mehrfach meinen Winterurlaub verbrachte. Im verschneiten Thüriner Wald, der so frei atmen lässt. Aber auch das Licht des Films ist kalt, immer wieder die hektische Kameraführung, die Bilder verschwimmen, verlieren ihre Schärfe. Dazu tolle Musik von Miss Kenichi, stumme Bilder und immer wieder die Monologe Werthers. Das ist der Kompromiss, wenn ein Briefroman irgendwie halbwegs authentisch adaptiert werden soll. Es ist, mal wieder, nicht geglückt.

Die Schauspieler überzeugen. Auch Firtz Roth, der die erfundene Figur des Onkel Bernd verkörpert, der ständig "Fick Dich!" sagt und im Spiel tot umfällt, bis er einmal wirklich nicht mehr aufsteht. Er ist nicht nur unnötig, mal abgesehen von den paar flachen Witzen, er zieht die Handlung in die anstrengend in die Länge. Überhaupt lenkt soviel von der Liebesgeschichte ab, die Goethe einst erzählen wollte. Und die schön war, so wie sie war. Und die auch in der Neuzeit erzählt schön hätte werden können.  

Dass zu zwei Dritteln besetzte Nationaltheater jubelte und johlte indes. Vor allem die Schüler, die gezwungenermaßen hier waren - und doch Spaß hatten. Vielleicht mag ich einfach die Vorlage zu sehr, um mich auf diese Adaption einzulassen. Obwohl Plenzdorfs neuere Leiden auch gefielen. Wer lieber guckt, als liest, der schaue sich den Thüringer Augenzeugen zur gestrigen Premierenfeier an, die genau genommen keine Premiere war. 

brabbeln und laufen - die tanzmedienakademie zum weimarer kunstfest präsentiert ihre ergebnisse

September 8th, 2008

Sie glucksen und juchzen in Ventilatoren, mit denen sie sich gleichzeitig wie im Tanz durch die schlecht beleuchtete, kalte Halle schwingen. Sie wirbeln an den Zuschauern vorbei und murmeln und brabbeln ununterbrochen in ihren Muttersprachen: Deutsch, Englisch, Italienisch. Sie bleiben hier und dort bei einem Beobachter stehen und teilen ihm ihre gerade gewonnen Erkenntnisse mit. "Enter the next level" ruft eine hübsche Italienerin. Die 12 Tänzer erklimmen die Gerüste an den Seiten, rennen und rennen. Am Ende bewegen sie sich zu dritt in einem Rad, stehen Kopf, werfen sich entgegen gesetzt an die Wände des massiven Holzrades. Diese Kür habe ihnen während der dreiwöchigen Proben viele Verletzungen eingebracht - vor allem an der Hand, erzählt Ingo Reulecke. Er ist der künstlerische Leiter der Tanzmedienakademie, die zum zweiten Mal während des Kunstfestes in Weimar probiert.

Denn die Tanzmedienakademie ist Experiment, Zusammenarbeit mehrer Disziplinen: Medienkunst, Tanz, elektroakustische Musik. Wer sich zwischen heute und Mittwoch in die düstere Atmosphäre der riesigen Viehauktionshalle im Weimarer Norden wagt, der bekommt das Ergebnis präsentiert: Ein Stück aus Ton, Licht, Video und Bewegung.

Die Tänzer etwa tanzen doppelt. Genau vor den Augen der Zuschauer, die sich frei durch die 2500 Quadratmeter große Halle bewegen können, und auf der großen Videoleinwand am Kopf des Gebäudes. Letztere zeigt sie verzerrt, entfremdet, verfärbt oder hochkant und quer ins Weimarer Stadtbild montiert. Manche Sequenzen passen zum Live-Gezeigten, andere scheinen nur wenig Bezug auf das Geschehen in der Halle zu nehmen. Das solle die Bilderflut unseres Alltags verdeutlichen - und die Schwierigkeit, sie zu verarbeiten, erklärt Markus Wintersberger, der für die Ergebnisse der fünf Medienkünstler verantwortlich ist. Ob man das so rausliest oder einfach nur den Tänzern staunend beim Tanzen zu sieht - oft ohne unterlegte Musik, ist jedem selbst überlassen.

Dann schaffen sich die Tänzer ihre Rhythmen selbst. Durch Klatschen oder einfach Wortsilben. Mal agieren sie in einer perfekt abgestimmten Choreographie, mal improvisieren sie. Und der Zuschauer steht fast die ganze Zeit mittendrin. Sieht, wie die Lichtspots in der Nähe, in der Ferne oder genau über ihm angehen und den nächsten Tanzort anzeigen. Die Interaktion mit dem Publikum sei von den künstlerischen Leitern gewünscht. Gerade das Zufällige, nicht Planbare mache das Tanztheater im 21. Jahrhundert aus und sei eigentlich nur in dieser spontanen Form der heutigen Zeit, der hektischen Gegenwart, angemessen, findet Reulecke. Und so glucksen und springen, rennen und brabbeln sie. Auf der Leinwand weit über den Köpfen der Zuschauer und genau vor ihren Nasen.

Tanzmedienakademie: Montag, 8. September 2008, bis Mittwoch, 10. September 2008 jeweils 20 Uhr in der Viehauktionshalle (Weimar Nord) im Rahmen des Kunstfestes. Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes bis 2009. 

die zähmung der widerspenstigen

December 10th, 2007

Von Hollywood lernen. Nicht gerade eine übliche Empfehlung. Vor allem, wenn es um die Adaption eines Klassikers, einer Shakespear'schen Komödie, geht. Für "Der Widerspenstigen Zähmung ist das dann aber doch nicht die schlechteste Idee. Vor allem, wenn man, wie die Neue Szene des Schauspiels Leipzig, die junge Generation ansprechen will.

Die Geschichte von der fauchigen Katharina, für die ein Mann gefunden werden muss, bevor die jüngere, beliebte aber profillose Schwester Bianca ausgehen darf, wird in "10 Dinge, die ich an Dir hasse" perfekt in die us-amerikanische Collegewelt übertragen. Die Shakespear'sche Sprache macht einer neuen, modernen Platz. 

Dass das bei Weitem spagatfreier funktioniert als der Heute-Transport in alter Sprache bewies einmal mehr die Aufführung des Stücks "Die Zähmung der Widerspenstigen" in der Neuen Szene. In einer Wildwestkulisse war allenthalben von Padua und Venedig die Rede, obwohl das Umfeld nicht einmal im Ansatz Italienisch aussah. Die Cowboyhüte muteten in diesem Zusammenhang ebenso fremd an, wie der Saloon, der die Kulisse für das Schauspiel bildete. Obwohl die Figuren des Stücks häufig durchaus in Wildwestmanier posierten. Prahlten sie doch das Blaue vom Himmel und versuchten den anderen möglichst findig und unauffällig über den Tisch zu ziehen und finanziell zu erleichtern.

Hierzu passen Bühnenbild und Aufzug der Schauspieler. Die Shakespear'schen Verse werden oft genug auch angenehm vom Staub der Jahrhunderte befreit. Die Loslösung vom Original wurde also, zumindest in Ansätzen, gewagt. Warum aber nicht auch die Anpassung des Handlungsort, um die Augen-Ohr-Schere für das Publikum zu verkleinern? Was ist schlimmer, als auseinandergehende Eindrücke verschiedener Sinnesorgane? Und der Wilde Westen ist nun mal USA und nicht mal ein bisschen Italien. Regisseurin Uta Koschel sah das offensichtlich anders.

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der drache

January 3rd, 2007

Ich habe euch die Freiheit gebracht, was habt ihr daraus gemacht? -
So habt doch Geduld, Lanzelot. Wie geht es? Wenn Ihr es wisst, dann sagt es uns doch: Wie geht es denn?

Wie oft wurde dieser Dialog so oder so ähnlich schon geführt? Wie oft hätte er geführt werden können? Staaten werden von der Diktaktur befreit und können nichts damit anfangen, fallen in die nächste? Deutschland, zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg. Zurück zur Diktatur. Irak 2003. Saddam Hussein verschwindet, doch die Demokratie, den Frieden, das alles kann man nicht aufzwingen. Nach dem Tod Arafats wählen die Palästinenser die radikalislamische Hamas.

Sagt, Lanzelot - wie geht es denn?

Die altbekannte Geschichte wird erneut erzählt. In “Der Drache “, von Jewgeni Schwarz , derzeit zu sehen im Weimarer DNT. Seit 400 Jahren herrscht der Drachen nun schon über das Dorf. Er verlangt 1000 Rinder, 2000 Schweine, 10000 Hühner und einige Gemüsefelder - im Monat - und einmal im Jahr eine Jungfrau als Tribut. In diesem Jahr soll es Elsa sein, die eines Abends Besuch von Lanzelot bekommt - seines Zeichens Berufsheld. Er will den Drachen töten, die Stadt vom Joch des dreiköpfigen Tyrannen befreien. Kein verzagter Einspruchsversuch der Dorfbewohner noch die Einschüchterungsversuche des Drachens vor dem Kampf können ihn davon abhalten.

Ist es wirklich wert, für sie zu sterben? Ich habe ihre Seelen verkrüppelt. Wenn du einen Menschen in der Mitte durchschneidest, dann krepiert er. Aber wenn du seine Seele verstümmelst, dann passiert gar nichts.

Und so kommt es zum Kampf. Zwischen Gut und Böse. Hoch über den Dächern der Stadt. Und die Bewohner kommen begierig, um den Fall des Berufshelden zu erleben. (Oder hoffen sie insgeheim doch, dass er sie befreit?) Und Lanzelot siegt, mithilfe einiger standhafter Bürger, die ihn mit Tarnkappe, fliegendem Teppich und echtem Schwert ausrüsteten. Der Drache fällt, doch auch Lanzelot ist schwer verletzt und flieht. - Und der Kreislauf beginnt von vorn.

Anstelle des Riesendrachen treten viele kleine Ersatzdrachen.

Im Falle des Dorfes ernennt sich der vorher tatterige und stressgeplagte Bürgermeister zum Drachentöter und unterjocht das Dorf ebenso wie bevor. Bis Lanzelot zurückkehrt…

Jewgeni Schwarz Stück wurde 1944 uraufgeführt, bevor es verboten und eingetellt wurde. Die Metaphern waren offensichtlich deutlich genug. Der Drache, der seinen Kopf wechselt, das Gute, das nur unsichtbar und insgeheim den Sieg davontragen kann. Ein Drache für einen anderen.

Und dann im Jahre 2006 die Umsetzung des DNT. Auf einer nach vorn gekippten Bühne tänzeln die Schauspieler um die Wette. Sie spielen von oben nach unten, von unten nach oben, so wie die Machtpositionen es eben zulassen. Ein grandioser Detlef Heintze als Drache überzeugt ebenso wie Jürg Wisbach als zunächst verrückter ["Moment, jetzt habe ich gerade eine kleine Persönlichkeitsstörung"] und dann charmanter Bürgermeister (”Vielen Dank meine Damen und Herren für den Applaus - und auch für die kritischen Stimmen”.)

Der Saal des Großen Hauses spendet minutenlang Applaus, denn Tilmann Köhler (Regie) und Susanne Winnacker (Dramaturgie) ist eine tolle Umsetzung des Schwarz’schen Originalstücks gelungen. “Der Drache” ist noch bis zum 30.04.2007 im Großen Haus des Weimarer Nationaltheaters zu sehen.