über die welt, die nur in fahrtenbüchern existiert

October 4th, 2009

Seit zwei Jahren lese ich Harald Martenstein nur noch unregelmäßig. Das liegt vor allem daran, dass das ZEITmagazin dem Kolumnisten mehr Platz eingeräumt hat. Er scheint selbst häufig nicht allzu viel mit der neuen Zeilenfreiheit anfangen zu können. Seine Texte erschienen mir beim Lesen immer häufiger weniger rund, weniger auf den Punkt geschrieben. Aber das Missfallen der neueren Texte, es muss irgendwie an mir selbst gelegen haben.

Denn am vergangenen Donnerstag war er hier. Hier in Bielefeld. Nach eigenem Bekunden zum ersten Mal in seinem Leben. Genau wie ich. Es ist, als habe es so sein sollen. Jedenfalls las er die länger gewordenen Kolumnen zur Eröffnung der Bielefelder Literaturtage in der hiesigen Stadtbibliothek - und ich habe mich ausgeschüttet vor Lachen.

Da war  die treffende Analyse der wandelbaren Jugendsprache, die  Sinnhaftigkeit von Umfragen, eine interessante Herangehensweise an das Problem der Sozialdemokraten oder die Entdeckung des Paralleluniversums der Fahrtenbücher. Ich muss gestehen, dass ich viele dieser Kolumnen gelesen, aber selten mehr als den Anflug eines Lächelns heraus gebracht habe. Es muss an diesem Mann liegen, der da mit seinen immer gleich zerzauselten Haaren und seiner immer gleichen kleinen Brille auf dem Podest sitzt und mit samtig-weicher Stimme erzählt, der sich auf das Publikum einlässt, dass an diesem Abend besonders redselig ist (”Was emnid ist in Bielefeld - von Ihnen lernt man ja noch richtig etwas…was soll das jetzt heißen, Bielefeld gibt es gar nicht? Ist das etwas metaphysisches? Verwirren Sie mich doch nicht so!”).

Der ins Nichts zu gucken scheint und vor sich hin schwadroniert bis er gar nicht mehr weiß, worauf er eigentlich hinaus wollte, der  dem Moderator Fragen vorschlägt und dann immer wieder vorliest. All die verlängerten Kolumnen aus der Zeit, neu geordnet in seinen Büchern “Der Titel ist die halbe Miete” und “Männer sind wie Pfirsiche”. Die er glücklicherweise auch eingelesen hat. Damit ich mir wieder regelmäßig meine Portion Martenstein abholen kann. Und wenn alle Kolumnen ausgelesen sind, dann muss ich mir die wöchentlich neu erscheinenden Texte im ZEITmagazin eben wieder vorlesen lassen…muss ich nur noch jemanden, mit einer samtig-weichen Stimme finden.

dear mr obama

May 30th, 2009

Please visit our beautiful small town. Die Grünen prepared a special election poster for you.

ein käfig voller enten

May 26th, 2009

“Ich kämpfe gegen den modernen Demokratismus”, legt der Kabarettist Florian Schroeder dem von ihm parodierten Innenminister Wolfgang Schäuble in den Mund. Seit Jahren schon warnt letzterer vor der akuten Terrorgefahr in der Bundesrepublik Deutschland, um sukzessive die garantierten Grund- und Freiheitsrechte einzuschränken.

Da kommt ein gerade so vereitelter Anschlag und die Überführung der sogenannten Sauerlandzelle gerade recht. Sehr nachdenklich macht bei der unhinterfragten Nachrichtenlage zur “Sauerlandzelle” ein Feature von Walter van Rossum, das am 12. Mai im Deutschlandfunk lief. Jeder, der mal was mit Medien machen will oder schon macht und jeder, der sich für einen kritischen Zeitgenossen hält, sollte es hören. Die Geschichte vom Käfig voller Enten [flashplayer dradio].

schilderwirrwahn

May 11th, 2009

Was ist DAS denn liebe Leipziger Schild(er)bürger?! “Rollstuhlfahrer frei”.Welch prinzipiell netter Hinweis, aber kann oder besser muss man daraus schlussfolgern, dass ein Fehlen dieses Hinweis ein Fehlen der Erlaubnis bedeutet?! Müssen in der Grimmaischen Straße jetzt nicht nur die Radfahrer schieben?! GUTE Idee.

mitzwitschern

May 8th, 2009

Jetzt auch bei twitter angekommen. Das iPhone eröffnet völlig neue Möglichkeiten und macht die virtuelle Massenkurzmitteilung plötzlich attraktiv.

Aber noch fünf Minuten einfinden, frage ich mich: Warum twittert die olle TLZ und “wir” nicht? Und warum kann ich Karla Kolumna nicht finden? Bin ich doch eigentlich nur auf ihr freudiges Drängen hin am Zwittscher-Experimentieren.

Also erstmal auf den altbackenen Web 2.0 Weg: Obama kommt auf jeden Fall nach Weimar. Wenn das kein Grund ist, mich endlich mal zu besuchen!

bloggen üben stufe zwei

May 5th, 2009

Das einfache Verlinken interessanter Beiträge reicht zumeist nicht aus, um sich in der Bloggerszene zu etablieren. Außerdem liegt es weit unter dem Anspruch der meisten Blogger, die auch ein bisschen Meinung machen wollen. Nicht nur den meinungsmonopolbesitzenden Medien die Deutung der Welt überlassen.

Um mich langsam wieder ans Bloggen zu gewöhnen, bin ich in Phase zwei übergegangen: Andere Blogs mit Kommentaren beglücken. In diesem Fall zum politischen Problem in Thüringen: Die CDU, ihr Spitzenkandidat und die Landtagswahl.

Wer mitdiskutieren will, ich freu mich riesig drauf. In Thüringen sind die meisten “Live-Gesprächspartner” des Themas schon überdrüssig geworden, winken genervt ab und reden vom Wetter.

nachtröpfelnde premiere in weimar: die ganz neuen leiden des jungen werther

September 12th, 2008

Stefan Konarske (Werther) und Aaron Hildebrand (Wilhelm) verzogen sich nach der Filmvorführung erstmal unter die Laterne gleich neben dem Goethe-und-Schiller-Denkmal. Die meisten Otto-Normalverbraucher-Premierengäste strömten zeitnah in die laue Sommernacht. Premierenfeier? Nein danke. Die Crew, die Prominenz, die Journalisten und ein paar Weimarer zogen ins Foyer des Deutschen Nationaltheaters um - und auf den wundervollen Theaterbalkon.

Jazzmusik, Häppchen, Sekt und zu lautes Lachen. Vermischt mit Zigarettenrauch. Yvonne Catterfeld hat ihre zwei Freundinnen dabei und plauscht mit Hannah Herzsprung, die im vorgestellten Film die Lotte spielt. Schneewittchengleich - die Haut weiß wie Schnee, die Lippen rot wie Blut und das Haar schwarz wie Ebenholz. Doch heute sieht sie wieder ganz normal aus, schlägt die Beine übereinander, die Haare sind wieder braun und zusammengebunden. 

So ist das also, wenn Regisseur Uwe Janson und Produzent Oliver Czeslik ihren Film im glanzvollen Rahmen vorstellen wollen. Einen Film, den jeder drei Tage vorher schon auf arte sehen konnte. Mit besserem Ton und dem gleichen mulmigen Gefühl. Dieser Werther, der hat nichts mehr von Goethes Protagonisten. Er ist in die heutige Welt geschossen und versteht seinen Leidensgenossen von vor 200 Jahren nicht mehr.

Denn im Gegensatz zum Romanvorbild bekommt er seine Lotte, er bekommt sie, weil er all die schönen Dinge, die an Willhelm geschrieben worden sind, diesmal direkt an seine Liebste richtet. "Er fängt mich ein mit seinen Worten", verrät sie ihrer Freundin. Und sie bleibt bei ihm, schickt ihren Fast-Verlobten Albert (im Übrigen ein sehr unsympathisch-harter Typ) weg. Aber Werther leidet unter ganz anderen Dingen. Er leidet an der kalten Welt, die Glamour und Wärme vorspielt und nur Einsamkeit zu geben hat. "Wie können Menschen einander so wenig sein", murmelt er, nachdem er Lotte gerade in den Armen hielt. "Ich habe gemacht, nicht gelebt - und Du hast es geglaubt!" Und dann erschießt er sich, vor ihren Augen, trotz ihres Protests. Weil man gehen soll, wenn es am Schönsten ist. Weil die Ernüchterung furchtbar ist, wenn man das bekommt, was man wollte und der Weltschmerz trotzdem nicht weniger wird.

Werther ist nicht mehr ein verzweifelt Liebender, sondern ein verzweifelt Hassender. Geboren aus dem Albtraum des Älterwerdens und der romantischen Verklärung des Jungseins. Das ist nicht Werther - und das ist nicht schön anzusehen. Die Kulisse schon. Jagdhaus Gabelbach, in dem ich selbst mehrfach meinen Winterurlaub verbrachte. Im verschneiten Thüriner Wald, der so frei atmen lässt. Aber auch das Licht des Films ist kalt, immer wieder die hektische Kameraführung, die Bilder verschwimmen, verlieren ihre Schärfe. Dazu tolle Musik von Miss Kenichi, stumme Bilder und immer wieder die Monologe Werthers. Das ist der Kompromiss, wenn ein Briefroman irgendwie halbwegs authentisch adaptiert werden soll. Es ist, mal wieder, nicht geglückt.

Die Schauspieler überzeugen. Auch Firtz Roth, der die erfundene Figur des Onkel Bernd verkörpert, der ständig "Fick Dich!" sagt und im Spiel tot umfällt, bis er einmal wirklich nicht mehr aufsteht. Er ist nicht nur unnötig, mal abgesehen von den paar flachen Witzen, er zieht die Handlung in die anstrengend in die Länge. Überhaupt lenkt soviel von der Liebesgeschichte ab, die Goethe einst erzählen wollte. Und die schön war, so wie sie war. Und die auch in der Neuzeit erzählt schön hätte werden können.  

Dass zu zwei Dritteln besetzte Nationaltheater jubelte und johlte indes. Vor allem die Schüler, die gezwungenermaßen hier waren - und doch Spaß hatten. Vielleicht mag ich einfach die Vorlage zu sehr, um mich auf diese Adaption einzulassen. Obwohl Plenzdorfs neuere Leiden auch gefielen. Wer lieber guckt, als liest, der schaue sich den Thüringer Augenzeugen zur gestrigen Premierenfeier an, die genau genommen keine Premiere war. 

brabbeln und laufen - die tanzmedienakademie zum weimarer kunstfest präsentiert ihre ergebnisse

September 8th, 2008

Sie glucksen und juchzen in Ventilatoren, mit denen sie sich gleichzeitig wie im Tanz durch die schlecht beleuchtete, kalte Halle schwingen. Sie wirbeln an den Zuschauern vorbei und murmeln und brabbeln ununterbrochen in ihren Muttersprachen: Deutsch, Englisch, Italienisch. Sie bleiben hier und dort bei einem Beobachter stehen und teilen ihm ihre gerade gewonnen Erkenntnisse mit. "Enter the next level" ruft eine hübsche Italienerin. Die 12 Tänzer erklimmen die Gerüste an den Seiten, rennen und rennen. Am Ende bewegen sie sich zu dritt in einem Rad, stehen Kopf, werfen sich entgegen gesetzt an die Wände des massiven Holzrades. Diese Kür habe ihnen während der dreiwöchigen Proben viele Verletzungen eingebracht - vor allem an der Hand, erzählt Ingo Reulecke. Er ist der künstlerische Leiter der Tanzmedienakademie, die zum zweiten Mal während des Kunstfestes in Weimar probiert.

Denn die Tanzmedienakademie ist Experiment, Zusammenarbeit mehrer Disziplinen: Medienkunst, Tanz, elektroakustische Musik. Wer sich zwischen heute und Mittwoch in die düstere Atmosphäre der riesigen Viehauktionshalle im Weimarer Norden wagt, der bekommt das Ergebnis präsentiert: Ein Stück aus Ton, Licht, Video und Bewegung.

Die Tänzer etwa tanzen doppelt. Genau vor den Augen der Zuschauer, die sich frei durch die 2500 Quadratmeter große Halle bewegen können, und auf der großen Videoleinwand am Kopf des Gebäudes. Letztere zeigt sie verzerrt, entfremdet, verfärbt oder hochkant und quer ins Weimarer Stadtbild montiert. Manche Sequenzen passen zum Live-Gezeigten, andere scheinen nur wenig Bezug auf das Geschehen in der Halle zu nehmen. Das solle die Bilderflut unseres Alltags verdeutlichen - und die Schwierigkeit, sie zu verarbeiten, erklärt Markus Wintersberger, der für die Ergebnisse der fünf Medienkünstler verantwortlich ist. Ob man das so rausliest oder einfach nur den Tänzern staunend beim Tanzen zu sieht - oft ohne unterlegte Musik, ist jedem selbst überlassen.

Dann schaffen sich die Tänzer ihre Rhythmen selbst. Durch Klatschen oder einfach Wortsilben. Mal agieren sie in einer perfekt abgestimmten Choreographie, mal improvisieren sie. Und der Zuschauer steht fast die ganze Zeit mittendrin. Sieht, wie die Lichtspots in der Nähe, in der Ferne oder genau über ihm angehen und den nächsten Tanzort anzeigen. Die Interaktion mit dem Publikum sei von den künstlerischen Leitern gewünscht. Gerade das Zufällige, nicht Planbare mache das Tanztheater im 21. Jahrhundert aus und sei eigentlich nur in dieser spontanen Form der heutigen Zeit, der hektischen Gegenwart, angemessen, findet Reulecke. Und so glucksen und springen, rennen und brabbeln sie. Auf der Leinwand weit über den Köpfen der Zuschauer und genau vor ihren Nasen.

Tanzmedienakademie: Montag, 8. September 2008, bis Mittwoch, 10. September 2008 jeweils 20 Uhr in der Viehauktionshalle (Weimar Nord) im Rahmen des Kunstfestes. Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes bis 2009. 

dankbare monarchen

August 24th, 2008

"Wir sind wieder da! So viele Leute haben gesagt, Die Prinzen hätten nichts mehr auf der Pfanne, aber hey! Wir haben so eine tolle Platte gemacht", sagt Sebastian Krumbiegel mit trotzigem Unterton. Sie sind wieder da. Die Prinzen spielten am Samstag auf dem Oßmannstedter Sportplatz zu Gunsten der Restaurierung der dortigen Witzmannorgel.

Das erste Konzert nach langer Pause - und vor allem erstmals wieder mit neuem Song im Gepäck. "Frauen sind die neuen Männer" erscheint am 5. September und klang beim ersten Live-Hören ganz nett. Der Text ist originell, aber leider konnten sich die Prinzen immer noch nicht von der Allerwelts-Pop-Schiene lossagen. Dabei war die Abkehr vom A-cappella in den 90'ern und die Produktion von Spaßliedern aus der Feder Stefan Raabs ("Alles mit'm Mund", "Heute ha-ha-habe ich Geburtstag") der Fehler der Prinzen und hat denen Munition geliefert, die den Prinzen nichts mehr zutrauten.

Spaßpop konnte in den 90'ern jeder. Ein paar schnelle Erfolge, dann nichts mehr. Der Aufstieg der "Wise Guys" bewies: A-Capella mit cleveren Texten zieht. Ob eine Rückkehr der Prinzen zu ihren Wurzeln erfolgreich wäre, ist nicht zu sagen. Einen Versuch ist es bei den zunehmend intelligenten und verspielten Texten der vergangenen Jahre allemal wert.

Beim knapp 110-minütigen Konzert in Oßmannstedt wurden Die Prinzen von den knapp 2500 Besuchern für das gefeiert, was sie am besten können: Schön arrangierte, mehrstimmige Sätze mit eingängigen Melodien singen. Bejubelt wurden sie vor allem für "Mann im Mond" und "Küssen verboten", für "Mein Fahrrad" und "Ganz oben". Und nicht nur ich habe die Nase gerümpft, als "Alles nur geklaut" durch ein lautes E-Gitarren-Riff aufgehübscht wurde oder "Mein bester Freund" plötzlich als angepunktes Kampflied daher kam.

Nach einem holprigen Start lieferten die fünf Leipziger trotzdem eine gute Show. Sebastian Krumbiegel sprang wie gewohnt hyperaktiv über die Bühne und Tobias Künzel verpasste vor Lachen mehrfach seinen Einsatz. Sie wollen zurück - auf die Bühne und in die Charts. Das war ihnen anzumerken. Vor allem einem Sebastian Krumbiegel, der sich überschwänglich bedankte. Fürs Mitsingen, fürs Dasein. Fürs Die-Prinzen-immer-noch-hören-wollen. Vielleicht hatten sie den Glauben an sich selbst und ihre Zeit selbst bereits begraben. Die nächsten Konzerte von Bonn (30.08.) bis Dessau (28.09.) werden zeigen, wieviel sie noch auf der Pfanne haben. Und natürlich die Verkäufe der neuen Single und des folgenden Albums "Die neuen Männer". 
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Alle Tourdaten und Infos auf der Prinzen-Homepage

unglücksglück

February 28th, 2008

Eine Urlesung. Nicht am Handlungsort Marienbad, sondern in Weimar, der Wahlheimat des Protagonisten aus Martin Walsers neuem Roman "Ein liebender Mann", dem Dicherfürsten Goethe höchstselbst. Die Vorredner geben sich die Klinke in die Hand. Einer von ihnen, Ijoma Mangold, wird den Abend moderieren. Er ist Feuilletonredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und erörtert, was Goethe zu einem Walserschen Helden macht. Schließlich sei Goethe ein Optimist gewesen, der das Leben von allen seinen Seiten gesehen hat. Doch Walser zeigt ihn leidend. So, wie er seine Protagonisten für gewöhnlich zu zeigen pflege.

Vierundsiebzigjährig verliebt er sich in die neunzehnjährige Ulrike von Levetzow. Und er leidet. Schwankt zwischen der Möglichkeit und der Unmöglichkeit hin und her, will sie sogar heiraten. Als der Plan misslingt, schreibt er seinen Schmerz noch auf dem Weg nach Weimar nieder - in der Marienbader Elegie - die Walser in sein Buch einzubetten weiß. Mangold nennt diesen "geglückten Versuch" eine "Gedichtverfilmung", wie immer das bei einem Buch auch gehen mag. Aber die rund zweihundert, größtenteils geladenen, Zuschauer dürfen sich selbst davon überzeugen. Walser liest.

Er präsentiert uns einen munteren und humorvollen Goethe. Einen, der sich seines Alters stets bewusst ist, der im Kopf immer wieder das gleiche Rechenspiel vornimmt: 74 - 19 = 55. 55 Jahre liegen zwischen ihm und Ulrike, fast ein ganzes Leben. Und doch ist er verliebt wie ein junger Hund und redet bisweilen mit sich selbst (wobei er jeden klugen Gedanken mit einem "schreib es auf" quittiert). Walser erzählt amüsant und kurzweilig, erspinnt Dialoge zwischen den beiden und begleitet sie auf die Verlobungsfeier von Goethes Arzt. Dieser wird immerhin eine 30 Jahre jüngere Frau ehelichen, wie Goethe erfreut feststellt. Seinetwegen solle es eine "Verlobungsepedemie" geben, damit die 55 Jahre nicht mehr gar so mächtig erscheinen mögen. Natürlich ist es ein Roman, Walser legt allen Beteiligten eine Menge Sätze in den Mund, spricht Goethe Gefühle, Humor und eine mächtige Portion Eitelkeit zu und doch kann man sich diese Eigenschaften gut am alternden Goethe vorstellen. Sie passen ins bisherige Bild.

Walser spricht allerdings immer von "seinem Goethe", der mit dem "echten Goethe" nicht zwingend viel zu tun haben müsse. Er erfüllt einen Teil von Goethes Leben mit selbigem, von dem wir sehr wenig wissen. Schreibt die Liebesbriefe neu, die Ulrike von Levetzow kurz vor ihrem Tod verbrennen und bei sich begraben ließ. Und mogelt sich gleichzeitig um das Problem der biographischen Wahrheitstreue herum, so, wie es der Roman wohl immer tut. Das Thema, die Liebe bei großem Altersunterschied, ist in Walsers Werk nicht neu. Auch "Brandung" erzählt davon - oder auch der "Lebenslauf der Liebe". Nur diesmal eben "nach einer wahren Geschichte" wie es so gern heißt. Und zwar von niemand geringerem als dem deutschen Literaturklassiker. Immer wieder spricht Walser an diesem Abend von der Befreiung, die das Schreiben ist - er legt es auch seinem Protagonisten in den Mund. Der Schmerz, den wir alle kennen und den Goethe in Walsers Roman durchlebt, könne man nicht überwinden. Auch nicht durch das Schreiben, wie es der "wahre Goethe" einmal zu sagen pflegte. Das Schreiben vermöge nur, aus dem Schmerz etwas Schönes zu machen. Wenn man es schafft, ihn in Worte zu fassen, in Verse zu pressen, dann tut er für kurze Zeit weniger weh. Und danach müsse man eben wieder schreiben. Der Schmerz sei nichts Negatives, er gehöre zum Leben: "Wer glaubt, dass das Leben nur das Eine ist - Glück oder Unglück - der hat noch nicht richtig hingeschaut, nicht richtig hingefühlt. Es gibt nur beides, nämlich Unglücksglück", sagt der 80-jährige Literat und lächelt.