unglücksglück

February 28th, 2008

Eine Urlesung. Nicht am Handlungsort Marienbad, sondern in Weimar, der Wahlheimat des Protagonisten aus Martin Walsers neuem Roman "Ein liebender Mann", dem Dicherfürsten Goethe höchstselbst. Die Vorredner geben sich die Klinke in die Hand. Einer von ihnen, Ijoma Mangold, wird den Abend moderieren. Er ist Feuilletonredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und erörtert, was Goethe zu einem Walserschen Helden macht. Schließlich sei Goethe ein Optimist gewesen, der das Leben von allen seinen Seiten gesehen hat. Doch Walser zeigt ihn leidend. So, wie er seine Protagonisten für gewöhnlich zu zeigen pflege.

Vierundsiebzigjährig verliebt er sich in die neunzehnjährige Ulrike von Levetzow. Und er leidet. Schwankt zwischen der Möglichkeit und der Unmöglichkeit hin und her, will sie sogar heiraten. Als der Plan misslingt, schreibt er seinen Schmerz noch auf dem Weg nach Weimar nieder - in der Marienbader Elegie - die Walser in sein Buch einzubetten weiß. Mangold nennt diesen "geglückten Versuch" eine "Gedichtverfilmung", wie immer das bei einem Buch auch gehen mag. Aber die rund zweihundert, größtenteils geladenen, Zuschauer dürfen sich selbst davon überzeugen. Walser liest.

Er präsentiert uns einen munteren und humorvollen Goethe. Einen, der sich seines Alters stets bewusst ist, der im Kopf immer wieder das gleiche Rechenspiel vornimmt: 74 - 19 = 55. 55 Jahre liegen zwischen ihm und Ulrike, fast ein ganzes Leben. Und doch ist er verliebt wie ein junger Hund und redet bisweilen mit sich selbst (wobei er jeden klugen Gedanken mit einem "schreib es auf" quittiert). Walser erzählt amüsant und kurzweilig, erspinnt Dialoge zwischen den beiden und begleitet sie auf die Verlobungsfeier von Goethes Arzt. Dieser wird immerhin eine 30 Jahre jüngere Frau ehelichen, wie Goethe erfreut feststellt. Seinetwegen solle es eine "Verlobungsepedemie" geben, damit die 55 Jahre nicht mehr gar so mächtig erscheinen mögen. Natürlich ist es ein Roman, Walser legt allen Beteiligten eine Menge Sätze in den Mund, spricht Goethe Gefühle, Humor und eine mächtige Portion Eitelkeit zu und doch kann man sich diese Eigenschaften gut am alternden Goethe vorstellen. Sie passen ins bisherige Bild.

Walser spricht allerdings immer von "seinem Goethe", der mit dem "echten Goethe" nicht zwingend viel zu tun haben müsse. Er erfüllt einen Teil von Goethes Leben mit selbigem, von dem wir sehr wenig wissen. Schreibt die Liebesbriefe neu, die Ulrike von Levetzow kurz vor ihrem Tod verbrennen und bei sich begraben ließ. Und mogelt sich gleichzeitig um das Problem der biographischen Wahrheitstreue herum, so, wie es der Roman wohl immer tut. Das Thema, die Liebe bei großem Altersunterschied, ist in Walsers Werk nicht neu. Auch "Brandung" erzählt davon - oder auch der "Lebenslauf der Liebe". Nur diesmal eben "nach einer wahren Geschichte" wie es so gern heißt. Und zwar von niemand geringerem als dem deutschen Literaturklassiker. Immer wieder spricht Walser an diesem Abend von der Befreiung, die das Schreiben ist - er legt es auch seinem Protagonisten in den Mund. Der Schmerz, den wir alle kennen und den Goethe in Walsers Roman durchlebt, könne man nicht überwinden. Auch nicht durch das Schreiben, wie es der "wahre Goethe" einmal zu sagen pflegte. Das Schreiben vermöge nur, aus dem Schmerz etwas Schönes zu machen. Wenn man es schafft, ihn in Worte zu fassen, in Verse zu pressen, dann tut er für kurze Zeit weniger weh. Und danach müsse man eben wieder schreiben. Der Schmerz sei nichts Negatives, er gehöre zum Leben: "Wer glaubt, dass das Leben nur das Eine ist - Glück oder Unglück - der hat noch nicht richtig hingeschaut, nicht richtig hingefühlt. Es gibt nur beides, nämlich Unglücksglück", sagt der 80-jährige Literat und lächelt.

das orangenmädchen

February 10th, 2008

Erzähl mir bloß nicht, die Natur sei kein Wunder. Erzähl mir bloß nicht, die Welt sei kein Märchen. Wer das nicht eingesehen hat, wird es vielleicht erst begreifen, wenn das Märchen sich bereits seinem Ende nähert. Denn dann bekommen wir eine letzte Möglichkeit, uns die Scheuklappen abzureißen, eine letzte Möglichkeit, uns diesem Wunder hinzugeben, von dem wir nun Abschied nehmen und das wir verlassen müssen.
Niemand hat sich jemals unter Tränen von Euklids Geometrie oder dem periodischen System der Atome verabschiedet. Niemand zerdrückt ein Tränchen, weil er von Internet oder dem Einmaleins getrennt wird. Es ist eine Welt, von der wir uns verabschieden, es ist das Leben, es sind Märchen und Abenteuer. Und dann müssen wir uns außerdem von einer kleinen Anzahl an Menschen verabschieden, die wir wirklich lieben.

[jostein gaarder: das orangenmädchen]

Was tut man, wenn sich plötzlich jemand an Dich wendet, der seit elf Jahren tot ist? An den man genau genommen keine Erinnerung hat, ohne den man den größten Teil seines Lebens verbracht hat und der einem das in einem Brief genau genommen in jeder zweiten Zeile vorwirft? Genau das passiert dem 15-jährigen Georg, als er einen dicken Brief von seinem lange verstorbenen Vater Jan-Olav erhält. Jahrelang klemmte er in Georgs rotem Kinderwagen, jetzt erst wurde er gefunden. Read the rest of this entry »

extremely loud and incredibly close

March 1st, 2007

Oskar Schell: Inventor, jewelry designer, lewelry fabricator, amateur entomologist, francophile, vegan, origamist, pacifist, percussionist, amateur astronomer, computer consultant, amateur archeologist, collector of: rare coins, butterflies that died natural deaths, miniature cacti, Beatles memorabilia, semiprecious stones, and other things


Das ist Oskars Visitenkarte. Oskar ist neun Jahre alt, wohnt in Manhattan und ist hochintelligent. Das hat er vor allem seinem Vater Thomas Schell zu verdanken, der ihm Rätsel aufgibt, mit ihm in die Sterne schaut und die New York Times Ausgaben verbessert. Doch leider ist der Vater tot. Gestorben bei den Terroranschlägen am 11. September.

Oskar leidet wie ein Hund. Er kann abends nicht mehr Einschlafen. Da nutzt es ihm auch nicht, dass er weiß, dass Menschen im Durchschnitt nur sieben Minuten zum Einschlafen brauchen. Er konjugiert französische Verben oder erfindet Krankenwagen, die so lang sind, dass alle New Yorker Häuser damit verbunden sind. Und er schreibt Briefe. An Stephen Hawkings. An die Diabetesstiftung. Und er bekommt Antworten. Doch ersetzen kann seinen Vater niemand.

Eines Tages findet er einen Schlüssel. Er gehört seinem Vater, soviel ist sicher. Doch welches der 162 Millionen Schlösser in New York öffnet es? Oskar macht sich auf die Suche nach dem Schloss, das er öffnet. Der letzte Rest seines Vaters, an den er sich klammern kann.

Man liebt diesen außergewöhnlichen kleinen Erzähler von der ersten Seite an. Jonathan Safran Foer lässt seinen Protagonisten gleichzeitig so entschlossen und so verzweifelt, so reif und so unreif wirken, dass man den kleinen Oskar an der Hand nehmen möchte. Aber wahrscheinlich würde man selbst an die Hand genommen werden.

Foer verbindet New York und Dresden. Vergangenheit und Gegenwart. Krieg und Terror. Neben Oskar erzählen Briefe. Briefe eines zunächst unbekannten Mannes und von Oskars Oma. Der unbekannte Mann ist Oskars Opa, der vor 40 Jahren die Familie verließ. Weil er seiner Meinung nach viel Schuld trägt. Aus dem gleichen Grund hat er auch das Reden aufgegeben und schreibt nur noch. Die Wörter “Yes” und “No” sind der Einfachheit halber auf seine Handflächen tätowiert.

Er schreibt und schreibt. Deshalb finden sich 330 Seiten des Romans viele kaum bedruckte Seiten, einige leere. Viele Bilder aus Oskars “Things that happenend to me”-Sammlung. Und Foer schafft es, dass man mitsucht. Man sucht nach dem Schloss, reist mit Oskar durch ganz New York, versucht die Puzzleteile, die die Briefe sind, zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen und schafft es doch erst am Schluss.

Das ganze Buch über lächelt man viel. Über all das Wissen und das Selbstbewusstsein des kleinen Kerls, der seinen Vater nicht mal ein bisschen aufgeben will. Dann wieder ist man todtraurig, ob der Einsamkeit und der Trauer, die Oskar umgeben. Und am Ende ist man tief betroffen, ob des Schicksals der ganzen Familie. Wenn man sich der Tragweite der Dinge bewusst wird und erkennt, warum Oma und Opa Schell so eigenartig zusammenlebten. So eigenartig lebten.

Aber Oskar lebt nicht eigenartig. Er lebt eigen. Außergewöhlich. Zielstrebig. Immer seinen Vater vor Augen. Und vor allem ist er überall extrem laut und extrem nah dran.

______________________________
Und damit die Melancholie länger anhält, einfach die passende Musik hören . Und noch mehr davon . (found @ hype maschine )

ein lied vom schein und sein

January 13th, 2007

Was, wenn dich hundert Jahre nach dir jemand erfunden hätte? du lebst vor, aber auch nach ihm, denn du entspringst nur seiner Feder. Du bist nur, weil er dich Wort werden lässt. Woran würdest du es merken?

Ljuben Georgiew, Stefan und Laura Ficew geht es so. Sieben leben im Bulgarien des 19. Jahrhunderts. Ein Offizier und ein Militärarzt. Und später eine wunderschöne Frau, die beide verrückt finden - und sie trotzdem; oder gerade deshalb - abgöttisch lieben.

Und was, wenn du von jemandem erfunden wirst, der selbst nur erfunden ist? Denn auch der namenlose Schriftsteller aus Cees Nootebooms Roman “Eas Lied vom Schein und Sein” ist bekanntermaßen erfunden. Und er scheint es auch noch zu wissen.

Zumindest fragt sich unser Schriftsteller, was Realität eigentlich ist, was Zeit und was Geschichte. Und ob die Gegenwart überhaupt existent ist, wenn es keine Zukunft mehr gibt. Niemand mehr, der sich erinnert. Er leidet unter seinem Beruf, aber er muss schreiben. Denn Georgiew und Ficew tauchen eines Tages einfach in seinem Kopf auf. Wie sonst hätte er ausgerechnet Bulgarien, über das er überhaupt nichts weiß, als Handlungsort wählen sollen? Er schreibt nur, was er sieht. Und das ist doch dann auch real - ist es nicht?

Der andere Schriftsteller - zu dem unser Protagonist eine gespaltene Meinung hat, dem er aber häufig begegnet - weiß auch eine Antwort. Und er kennt vor allem die insgeheime Problemstellung, die seinen Gegenüber umtreibt:

Du zweifelst nicht an der Echtheit deiner Personen, sondern an deiner eigenen. Wenn du jemanden erfinden kannst, dann kann auch jemand dich erfunden haben.

Und das ist letztlich die Essenz, der Kern des dünnen Büchleins, in dem das Lied, die ewige Frage vom Schein und Sein, niedergeschrieben ist. Nooteboom schickt seine Leser in eine Welt voller Fragezeichen. Wan denkt an Paul Watzlawicks “Wie wirklich ist die Wirklichkeit?” imd erkennt das Dilemma. Der Schriftsteller weiß, dass er erfunden ist, auch wenn der andere es ihm auszureden versucht. Und er kann selbst jemanden erfinden. JEDER kann JEDEN erfunden haben. Wir selbst können erfunden sein. Von jemandem, der hunderte Jahre vor - oder auch hunderte Jahre nach uns selbst gelebt hat. Der in den selben Städten wandelt, aber in einer anderen Zeit.

Manchen mag die Tatsache vielleicht nicht schrecken. Schicksal, gottgewollt, Zufall. Vielleicht passiert auch unser Leben genau genommen in einer Heftkladde oder zwischen anderen Buchdeckeln.

Nooteboom glingt es trotz der wenigen Seiten sehr viel zu philosophieren, zu Fragen und Halbantworten stehen zu lassen. Wie bei “Rituale” oder auch “Allerseelen” geht es wieder um große philosophische Themen. Vor allem immer und immer wieder um das ewige Thema Zeit - und um Wirklichkeit. Seine Sprache bleibt zwischen den Sphären. Ein neutraler Beobachter, präzise, exakt, aber trotzdem emotional, mitreißend, nachdenklich machend.

Selbst die Spuren, zwischen denen er nun umherlief und die ihn auf diese hin- und herschweifenden Gedanken brachten, waren nicht älter als ein paar tausend Jahre, wie die Erde selbst, nur die Zeit würde fortbestehen. Oder würde auch sie einmal verschwinden? Aber dann hätte nie etwas existiert.

Was passiert also nun mit uns? Was passiert mit unserem Schriftsteller und mit Georgiew und Ficew, wenn wir doch nur erfunden sind? Was passiert mit unseren drei erfundenen Erfundenen, wenn ihr erfundener Erfinder nicht mehr weiterschreiben will? Was täten wir, wen unsere Schriftsteller das Buch wegwürfen? Von jetzt auf gleich?

Müssen Georgiew und Ficew sterben, wenn der Schriftsteller sie nicht mehr will? Oder können sie versuchen aus ihrer eigenen Geschichte zu fliehen? So wie Sophie und ihre Begleiter aus Jostein Gaarder’s “Sophies Welt” flohen - und doch in einem anderen Buch gefangen blieben…

a long way down

December 29th, 2006

 

“The trouble with my generation is that we all think we’re fucking geniuses. Making something isn’t good enough for us, and neither is selling something, or teaching something, or even just doing something; we have to be something. It’s our inalienable right, as citizens of the twenty-first century. If Christina Aguilera or Britney or some American Idol” jerk can be something, so why can’t I?

[jj]

Es ist der Silvesterabend. London. Ein Mann sitzt auf dem Dach von Topper’s House mit dem festen Vorsatz seinem Leben ein Ende zu machen. Und er ist nicht der einzige. Im Laufe des Abends gesellen sich die hysterische Tochter des Bildungsministers, eine deprimierte Mittvierzigerin mit einem geistig behinderten Sohn und ein Musiker, der seine Gitarre gegen Pizzakartons eintauschen musste, hinzu. Doch mit soviel Publikum ist an den Schritt über die Kante nicht zu denken. Nach einigen zum Teil hefitgen Wortwechseln beschließt die ungleiche Vierergruppe erst einmal zusammenzuhalten und zu versuchen, wieder Sinn im Leben zu finden. Und um diese Suche geht es in Hornbys “A long way down “.

Und sind dabei sehr kreativ. Triebfeder ist immer wieder Teenager Jess. Sie hängt eigentlich am Leben, aber die Eltern verstehen sie nicht, ihre Schwester ist spurlos verschwunden und ihre erste Liebe hält ihre aufdringliche Art einfach nicht aus. Dafür erfindet sie jetzt einen Matt-Damon-Engel für die Presse, der sie angeblich vom Kollektivselbstmord abhielt. Martin, ehemaliges Fernsehgesicht, und auch JJ und Maureen müssen mitziehen. Natürlich fliegt die Geschichte auf, aber wenigstens reicht das erlogene Geld für einen Urlaub auf Teneriffa. Nur blöd, dass keiner der vier dem anderen ein Glück gönnt und sie daher die meiste Zeit des Urlaubs allein verbringen.

Immer wieder denken sie darüber nach, sich doch umzubringen. Ob sie es am Ende wirklich tun? Das soll offen bleiben. Nick Hornby hat vier Charaktere erschaffen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Dialoge sind mitunter recht erheiternd, vor allem dank der quirligen Jess, die wirklich keine Chance auslässt, ihren Gegenüber zu beleidigen, verletzen oder doch zumindest anzumachen. Da verwundert es, was diese Gruppe überhaupt zusammenhält. Die Gewissheit, dass sie alle den Sinn ihres Lebens aus den Augen verloren haben? Der unbändige Wille nach Gesellschaft, möge sie noch so unerträglich und beschwerlich sein?

Es bleibt offen. Und doch möchte Nick Hornby doch die “Das Leben ist schön” Botschaft verkünden. Immer wieder verfallen die vier Charaktere, die die Geschichte in einzelnem Abschnitten jeweils aus ihrer Sicht erzählen, in die Gedanken, dass es doch einen Ausweg geben könnte, dass eigentlich alles erträglich ist. Und so bleibt man zurück, nach den 257 Seiten, alles schwebt. Nichts ist klar, manch einer der Vier scheint gerettet, manch einer genau am gleichen Punkt wie am Silvesterabend.

Ein Buch, dass einen mitnimmt, das man in jeder freien Sekunde zwischen zwei Veranstaltungen, in der Straßenbahn, im Zug, beim Zähneputzen und gleich nach dem Aufstehen liest, muss ein gutes Buch sein. Zumindest die englische Fassung von “A long way down” ist ebenso. Mitreißend. Erhellend. Erheiternd. Bedrückend. Mein englischer Schimpfwortschatz hat sich mindestens verfünffacht. Immer häufiger hört man sich “fuck off” statt “Sch***” denken. In welche Richtung diese Horizonterweiterung zu verorten ist und ob man Nick Hornby überhaupt gut finden soll, bleibt natürlich jedem selbst überlassen.

__________________________________________________

Felicitas von Lovenberg hatte hierzu eine ganz andere Meinung: FAZ-Rezension.

Wieder anders die Einschätzung von Walter van Rossum für die ZEIT

legende vom glück ohne ende

October 28th, 2006

Wieder ein Roman in Berlin. Wie der letzte, Allerseelen. Wieder geht es um ungewöhnliche Liebe. Doch das Buch ist schon älter. Erzählt von der Ostseite des geteilten Berlins. Und ist auch sonst ganz anders. Ulrich Plenzdorfs “Legende vom Glück ohne Ende”, viele kennen sicher den Film “Die Legende von Paul und Paula”. Das ist sie wohl die Geschichte. Nüchtern, mit wenig wörtlicher Rede. Vielen Zeitraffern, vielen Rückblenden, wenig Gegenwartsmiterzählen. Die Sprache viel zweckmäßiger als bei Nooteboom, kaum Poesie, meist sehr einfach.

Und doch berührt das Buch. Da gibt es einen Ich-Erzähler, der in der Singerstraße wohnt. So wie Paul. Und so wie Paula. Und wie es bei besonderen Liebesgeschichten ist, finden sich die beiden zunächst nicht. Paul heiratet eine wunderschöne, aber dumme Frau. Paula bekommt ein Kind von einem Säufer, - und dann noch eins von einem Zirkusjungen. Dann finden sich Paul und Paula. -Um sich sofort wieder zu verlieren. Paula ist stur. Paul aber auch. Und wer wünscht sich nicht einen solchen Paul? Der ein halbes Jahr vor der eigenen Tür sitzt, um zu verhindern, dass ein anderer, ein alter, reicher Werkstattbesitzer, die geliebte Frau verführt - oder gar noch heiratet. Auf einem Lager aus Zeitungen harrt Paul aus. Lässt sich regelmäßig krank schreiben, geht regelmäßig vormittags - wenn Paula auf Arbeit ist - zur Krankengymnastik, und sitzt ansonsten vor der Tür. Und malt Herzen an Paulas Tür. Weil Paula nicht mit ihm redet. Weil Paula ihn nicht erhört. Bis er eines Tages Paulas Tür einschlägt und doch noch alles gut wird.

Zunächst zumindest, denn Paula wird wieder schwanger. Der dritte Kaiserschnitt wird tödlich enden, hatte Paulas Professor ihr prophezeiht. Doch sie will das Kind, in all ihrer Sturheit. Und sie stirbt. Ihr Junge überlebt und bleibt bei Paul. Doch für Paul ist Paula nicht tot. Er sieht sie um sich, redet mit ihr, geht mit ihr zur Arbeit und schläft neben ihr ein. Paula ist überall. Bis sie eines Tages wirklich bei ihm in der Kaufhalle auftaucht. Nur, dass sie plötzlich Laura heißt.

Und natürlich gibt es kein Glück ohne Ende. Deswegen wohl das LEGENDE im Titel. Zur Desillusionierung. Laura ist keine Paula. Sie liebt Paul, aber auf ihre Weise. Und die eine, die riesengroße Liebe, die kann es dann wohl auch nur einmal im Leben geben. So stimmt einen das Buch mit dem, zumindest auf den ersten Blick so hoffnungsfrohen Titel, mehr und mehr traurig. Weil man erkennt, dass man nicht zurückbekommen kann, was der Tod für immer nimmt. Dass die Lebenslüge, denn natürlich glaubt Paul Laura nicht, dass sie nicht eigentlich Paula ist, eben doch nie Wahrheit werden kann und dass man letztlich wohl ohne seine Truggestalt “Paulalaura” leben muss.

Und so geht auch Paul am Ende, verschwindet spurlos. Überwindet eine durch Laura zugezogene Querschnittslähmung und ist weg. Und auch sonst macht Paul eine große Wandlung durch. Als er Paula kennenlernt, hat er einen korrekten Job, für den er lebt. Er glaubt, was in der Zeitung steht und kennt alle korrekten Wörter und Redensweisen auswendig. Er ist angepasst. Mit Hemd und Krawatte, intakter Familie, perfektem Beruf. Er weist Paula zurecht, die ganz anders denkt. Sie sind in ihrem Denken Gegensätze. Der angepasste Paul, mit dem gut bezahlten Job, und die freidenkende Paula, die in der Kaufhalle Flaschen annimmt. Doch Paula verändert Paul. Und alles, was ihm während des Buches wiederfährt verändert Paul. Spätestens seit er Paulas Haus belagert. Bald arbeitet er auch in der Kaufhalle, trägt immer eine blaue Hose und einen grünen Pullover und lässt sich die Haare wachsen. Èr liest die Zeitung auf seine Art und lernt auch selbst das “Durch-die-Blume-sprechen”.

An manchen Stellen fragt man sich wirklich, wie dieses Buch durch die DDR-Zensur gekommen ist. Eher weniger als mehr wird da verschleiert kritisiert, der gewandelte Paul und die immer gleiche Paula nehmen kein Blatt vor den Mund - auch wenn sie die Kunst der Ironie beherrschen. Sehr oft lächelt und grinst man bei einigen Anspielungen. Und kann wieder nicht glauben, dass die DDR genauso war, wie man es heute stets zu hören bekommt. Immerhin hat sie so ein schönes Buch verlegen lassen - mit allen “kritischen” Stellen…und auch im kalten Kapitalismus glaube ich noch immer an das Glück ohne Ende.

allerseelen

September 18th, 2006

Ihr seid zwar sterblich, doch die Tatsache, dass ihr mit einem winzigen Hirn über die Ewigkeit nachdenken könnt oder über die Vergangenheit und daß ihr dadurch, mit dem begrenzten Raum und der begrenzten Zeit, die euch gegeben ist, so unermeßlich viel Raum und Zeit einnehmen könnt, darin besteht das Rätsel. Stück um Stück kolonisiert ihr, zumindest sofern ihr es wollt, Epoche und Erdteile. Ihr seid die einzigen Wesen im ganzen Universum, die dazu in der Lage sind, und das ausschließlich indem ihr denkt. Ewigkeit, Gott, Geschichte, das alles sind eure Erfindungen, es ist soviel, daß ihr euch darin verirrt. Alles ist echt und zugleich Illusion, damit läßt sich tatsächlich schwer leben.

[c.nooteboom]

Neues Lieblingsbuch verschlungen. Allerseelen von Cees Nooteboom. Soviel Poesie. Soviele merkenswerten Gedanken, Formulierungen. Ein Buch, dass man zweimal lesen muss. Mindestens. Da ist der Protagonist, der alles, was er liebt verloren hat und jetzt heimatlos geworden ist. Pendelt zwischen Berlin, Amsterdam, Madrid. Und der sich in der U-Bahn regelmäßig Familienmitglieder sucht. Mal einen Vater, mal eine Schwester. Mal einen Sohn. Weil seine Familie tot ist.
Und da sind seine Freunde. Künstler, Historiker. Niederländer und Deutsche. Die sich treffen, um die Einsamkeit zu vertreiben. Und ihre Gedanken auszutauschen. Über die Wende, über Berlin, über das Leben und über Wurst. Man liest gern mit ihnen mit. Lacht mit ihnen. Weint mit ihnen. Denkt mit ihnen. Als säße man dabei. Als wären sie alte Freunde. Okay, es “passiert” nicht viel. Aber es denkt sich viel. Und man verweilt. Schreibt mit. Liest nochmal. Und freut sich. Wie immer bei Cees Nooteboom. Und es ist mein Lieblingsbuch. Und eures?

Das gräßlich Sklavische von Spiegeln. Sie würden einen stets reflektieren, sogar wenn man, wie jetzt, überhaupt keine Lust dazu hatte.

[c. nooteboom]