weiter leben

September 8th, 2009

Die Hoffnung auf Anschlag
Die Welt hält für mich nicht die Luft an

gedanken zur nacht

May 17th, 2009

Erwachsen werden bedeutet zu begreifen, dass unsere Möglichkeiten sich ständig nur verringern, täglich schrumpfen. Dass wir uns für einen Weg, ein Leben, einen Stil, einen Beruf, einen Partner, einen Wohnort entscheiden müssen.

All unsere Träume fernab dieser gewählten Personen, Orte und Einstellungen müssen wir aufgeben. Sie  bleiben schmerzhafte Narben, weil wir mit zunehmdem Erwachsensein-Stadium immer wieder mit der Angst leben, den falschen Traum gewählt zu haben. Wir glauben, andere Träume hatten uns glücklicher, ausgefüllter, beliebter, reicher oder intelligenter gemacht. Die Ecken und Kanten all unserer Imaginationen erkennen wir erst, wenn wir sie Realität werden lassen.

Die Enttäuschung wird unser ständiger Begleiter, weil die Ecken und Kanten im Kopf nicht da waren. Weil es in unserer Vorstellung keine Konkurrenz, keine Hindernisse, keine Kritik und vor allem keine dunkelschwarzen Wolken gab. Im Kopf bleiben all die toten Träume in ihrer perfekten, weil an der Realität ungetesteten Form, konserviert.

Deshalb vermissen wir das Jungsein oft schon, obwohl wir selbst noch blutjung sind. Wir messen uns zunehmend ungern mit den Idealen, die wir in unseren Teenie-Zeiten vor uns her trugen. Weil wir ihr oft nicht mehr entsprechen können. Wir nennen das “Sachzwänge”, die Realität zwingt uns zu Abstrichen. Aber resignieren wir nicht einfach irgendwann und hören auf, unsere Träume zu Ende zu träumen?! Geben uns zufrieden mit nicht zufriedenstellenden Lebenszuständen, mit toten Tagen, mit Alltagstrott. Und verbieten uns irgendwann das Träumen, weil es nur Möglichkeiten eröffnet, von denen wir viel zu viele ablehnen müssen.

Erwachsen werden heißt, die Sehnsucht nach der Zukunft durch die Sehnsucht nach der Vergangenheit zu ersetzen. Nach der Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten. Als das Leben ein Traum war, weil alle Entscheidungen in weiter Ferne lagen.

Kind bleiben heißt, weiter zu träumen und nicht pausenlos mit dem zu vergleichen, was wir nicht mehr haben können. Weil WIR uns anders entschieden haben. Oder weil andere anders entschieden haben. Kind bleiben heißt, nicht zu resignieren und sich nur mit dem befriedigenden, dem vollständigen Lebensentwurf zufrieden zu geben. Auch wenn er graue Wolken und Hindernisse kennt.

Leider ist das verdammt schwer.

eine minute glückseligkeit.

October 3rd, 2008

Der Sommer fängt an zu rosten und fällt rot und gelb auf die Straßen. Die Wolken werden grauer, aber sind immer seltener zu sehen, denn die Nacht steht immer früher auf. Selbst die glühend rote Gerbera in meinem Fensterbrett verblüht, obwohl sie die Kälte nur hinter Glas sieht, wie im Zoo.

Doch wenn die Tage nur noch lang bekleidet lebbar sind, dann öffnen in Kleinstädten wieder die Schwimmhallen. So auch hier. Chlorwasserbadewanne mit meerblauen Fliesen, sieht nicht wie Südsee aus und verheißt doch Entspannung. Unter Wasser ist die Sicht so klar. Abstoßen vom Beckenrand und unter Wasser fliegen. Mit möglichst wenig Bewegung. Das Wasser trägt schon - von allen Seiten. Dann ein paar Züge und schon ist der Rhythmus da. Arme und Beine graben sich ein in das Wasser, das zunächst unangenehm kalt ist, dessen Temperatur dann immer unwichtiger wird. Der Rhythmus ist entscheidend, er wird immer gleichmäßiger, unter Wasser Luft freisetzen und ihr beim Auftauchen zu sehen, immer langsamer denken und immer schneller schwimmen. Es ist leer am Abend, Platz zum Leben, Platz zum Entspannen. 

Der Körper heizt sich auf. Jetzt ist er so warm, dass die Schwerelosigkeit im Wasser noch deutlicher wird. Am warmen Körpfer gleitet das kalte Wasser vorbei, gleichmäßig. Es ist nicht mehr unangenehm, sondern kühlt. Kühlt den Kopf und die Seele. Richtige Betriebstemperatur. Wie das Wasser gleiten die Gedanken vorbei, sie können sich nicht festhalten, sie bleiben zurück hinter der regelmäßigen Atmung, hinter den Kopf-, Arm- und Beinbewegungen. Sie würden stören in dieser Einheit. Sie sind nur eine kleine Erinnerung an das Leben außerhalb des Beckens, in dem die Schwerkraft ihnen hilft, sich bis in die innerste Synapse durchzuquetschen, festzubeißen und dort zu bleiben. Hier bin ich frei. Die Lichter unter Wasser gehen an. Wenn man nah genug vorbei schwimmt, wärmen sie für einen kleinen Augenblick. Die Welt scheint sich umzukehren. Das Licht kommt von unten, also von oben. Ich tauche ab, um Luft zu holen und bin an der Oberfläche zuhaus. Den blauen Fliesen, auf denen ich lautlos liegen kann. Verweilen - bis mir die Luft ausgeht. Eine Minute Glückseligkeit. 

(irgendwann soll es wieder so sein. und es sollen vier hände sein…nicht nur zwei) 

goldene tage

September 26th, 2008

Das ist er also, der goldene Herbst. Wenn das sonnengelb und das erdbeerrot in den Blättern der Bäume wiedergeboren werden, die die Landstraßen und Alleen begrenzen und die Welt wahrlich bunt aussehen lassen. Die Sonne spielt goldener in den Haarsträhnen der Passanten und sie lugt jetzt nur noch hervor, um nicht allzu schnell in Vergessenheit zu geraten. Es ist Herbst. Das merkt man vor allem in den engeren Innenstadtstraßen, in denen der Wind kräftiger weht und man schnell in die wärmenden Sonnenflecken springt, um sich von den letzten Sommersprossen auf der Nase herum tanzen zu lassen. An einem Freitag macht das Spaß, da können alle eher nach Hause gehen. Oder länger in ihrer jeweiligen Welt spazieren. Farbe einatmen. Erinnerungen speichern. 

Damit niemand sagen kann, es habe den Herbst nicht gegeben, er sei vom Winter hinterrücks übergangen worden. Heute ist er da. Und so schön wie er aussieht soll er noch ein paar Tage bleiben und die goldenen Fäden in unsere Lächeln einnähen.  

flüsterstadt

August 28th, 2008

Der Hund am anderen Ende der Leine schnuppert hier und da ein wenig, läuft aber bei Fuß. Obwohl die Leine durchhängt. Die Stadt ist angenehm leer. Sie riecht nicht mehr nach Stress und Getümmel. Die Touristengruppen sind schon lang in Gasthaus und Hotel verschwunden, Autos suchen kaum noch einen Weg durch den verwinkelteren Teil der Stadt. Das lauteste Geräusch ist das Knacken der Kieselsteine unter unseren sechs Füßen.

Die alten DDR-Laternen versprühen warmes, leicht oranges Licht. Noch nicht ganz dunkel. Die Sommerbrise ist noch wach und weht uns sachte um die Ohren. Ich fühle mich kurz wie im Film. Den Soundtrack dazu habe ich dank Ohrstöpseln gleich mitgeliefert. Wir bleiben eine Weile unter einem Baum stehen und schauen nur. Atmen. Mit nur halbgeöffneten Augen. Da sein. Überall Häuser, Straßen, Beete. Von Menschen Geschaffenes. Aber eben ohne Menschen. Langsam taumeln wir zurück. Eilig haben wir es nicht. Die Leine hängt immer noch durch. Einfach ein Spaziergang für die Seelen.

Endlich wieder ein Abend, der das Präfix Sommer verdient. 

Was für ein Glück! 

der winter ist da

December 23rd, 2007

Über Nacht kam der Winter. Er zog die Welt in Puderzucker, nur einen kleinen Hauch Schnee überall. Eine Einheitlichkeit suggerierend, aber nur bis zum Mittag. Statt Nebelbergen, die kein Photon Sonnenlicht durchlassen, gab es mal wieder Himmel zu sehen. Der Kontrast erweißter Bäume zu eisblauem Hintergrund steht ihm wirklich gut, dem Winter.

Ich hab ihn trotzdem nicht erkannt. Fast hätt ich ihn vergessen. In der längsten Nacht wenig geschlafen, aber dann der Welt beim Samstagsein zugesehen. Entlang der Bahnstrecke Weiß bis zum Horizont. Es ist, als lebte hier niemand. Hundert Kilometer Ödnis zwischen Leipzig und Weimar. Das Wasser, das seit Wochen auf den Feldern stand, liegt jetzt in glitzerndem Eis. Und niemand kommt, um sich über die fertige Rutschbahn zu freuen. Keine bunten Anoraktupfen weit und breit. Nur direkt neben unserem Gleis das matte Grün des Vergangenen-Sommer-Rasens. Während wir mit 180 Stundenkilometern immer neben dem Mattgrün entlang rasen, scheinen selbst die Städte, die unseren Weg säumen, ganz unbewegt. Der Moment, den man mit dem flüchtigen Blick des Rücken-vornweg-Reisenden festhalten kann, lässt keine Bewegungen zu.

Ich hab ihn fast nicht erkannt, den Winter. Dabei hat er sich so forsch angekündigt. Alles geht ein bisschen langsamer. Sogar die hektische Raserei in den Einkaufspassagen. Haben etwa wirklich alle Deutschen schon alle Weihnachtsbaum-Rundum-Dekorationen besorgt? Scheint so. Die Sonne scheint auch. "Es ist ja Winteranfang. Gar nicht das passende Wetter dazu", sagt Jemand. "Könnte auch regnen und zehn Grad wärmer sein", die Antwort.

Für Heiligabend soll es wieder Nebelberge geben. Der Wunsch nach weißer Weihnacht war Petrus dann wohl doch zu unpräzise.

die sache mit dem nachbarn

August 5th, 2007

Vor etwa einem Jahr stand er plötzlich da. Wortlos. Am Gartenzaun. Schaute eine Weile und verschwand. Wortlos. Komischer Kauz, sagte mein Vater. Und: Der kommt bei uns nie zum Essen.

Ein paar Wochen später aß er, auf Einladung meines Vaters, bei uns. Er war höflich, aß stets seinen Teller leer. Aber gesprächig war er nicht. Er war sehr spunghaft. Manchmal kam er herüber, wenn wir Tischtennis spielten. Dann hob er den Ball für uns auf oder sah einfach nur zu. Mitspielen tat er nie.

Er saß oft stundenlang in der Sonne, wie kalt der Tag auch war, solange die Sonne schien saß er, regungslos. Er kaum unregelmäßig zum Essen, auch bei unseren anderen Nachbarn war er regelmäßig eingeladen. Manchmal sahen wir ihn jeden Tag. Manchmal wochenlang überhaupt nicht. Niemand fragte je nach ihm. Und niemand fragte ihn, wo er gewesen sei. Er war eben einfach da. Im Jetzt. Vorhin und Nachher kamen nie zur Sprache. Bis

Ja, bis er da stand. Blut lief ihm den Hals hinab. Er stand, wie er eben immer steht. Wortlos. Vielleicht der Ruf nach Hilfe in seinen Augen. Aber wie so oft drehte er sich nach ein paar Augenaufschlägen um und ging wortlos davon. Ich glaube, es hat ihn erwischt, sagte mein Vater. Und: Den sehen wir hier bestimmt nicht mehr.

Er kommt schon wieder auf die Beine, antwortete meine Mutter.

Und tatsächlich. Tage später tauchte er wieder auf. Aus dem Nichts. Die Wiedersehensfreude war groß. Wir aßen zusammen, doch er hatte keinen rechten Appetit. Zum ersten Mal ließ er etwas liegen. Er sah eingefallen aus, stumpf, mitgenommen. Aber er lebte.

Und heute springt er sogar schon wieder ein bisschen den Wespen hinterher. Nur gut, dass Herr Tiger sieben Leben hat.

nach außen gekehrt

March 12th, 2007

Die Nächte werden farbloser. Die lauen Tage bringen die vergessen geglaubte Melancholie zurück. Das Blau staut nicht nur am Himmel.

Es ist ein Jammer, die Nächte so zu verschenken. Der Schlaf fechtet einen Sieg nach dem anderen aus - bis man sich willentlich ergibt. Ermattet die Augen schließt und auf den richtigen Augenblick wartet.

Die Platten werden freigekehrt. Das Weiß schmiegt sich an den Besen an, der Winterstaub und Vergangenheit hinwegfegt. Die heruntergefallenen Äste stapeln sich auf. Genau wie die vernachlässigten Freundschaften. Jeder Schritt führt weg von ihnen. Erinnerungen hängen sich ab, Bilder, die zwischen zwei Gedanken aufblitzen. Ein kurzes Aufbäumen gegen das Vergessen. Kontaktversuche, gute Vorsätze, Leere.

Die Liebe scheint eine immer schlauere Erfindung. Mutter Natur will uns eine Konstante im Leben schenken. Eine Person, die wir umkreisen und von der wir umkreist werden. Eine innige Umklammerung, um die Welt zu ertragen. Um über das Vergessen hinwegzukommen.

Die Platten sind makellos sauber. Wascht den Winter von den Stühlen, spült ihn zurück in die Welt und lasst euch nieder. Die Sonne bringt Endorphine zurück. Liebkost die geschundene Haut. Noch eine Konstante. Das gemalte Leben liegt vor mir, zwischen zwei Buchdeckeln. Der Einband wie ein Eingang. Flucht. Zusammen ist man weniger allein. Aber immer noch allein genug, oder?

weltuntergang: 57 km

March 6th, 2007

Dunkelgraue Berge türmen sich über uns auf. Sie scheinen sekundenschnell zu wachsen, sich vom verbliebenen Blau des Sonnentages ernährend. Gespenstisch thronen sie über allem. Dick. Aufgebläht. Duster. Die Sonne haben sie schon lange hinter sich vergraben. Langsam sinkt sie in der Unischtbarkeit hernieder.

Dicke, schwere Tropfen lassen sich auf dem Asphalt nieder und hinterlassen große nasse Flecken. Der Regen erinnert an Sommergewitter. Die Scheibenwischer bewegen sich schneller über die Scheibe. Weg. Weg. Rufen sie den Tropfen zu. Doch die platschen immer heftiger. Und verbinden sich letztlich zu Bindfäden. Eine direkte Verbindung vom Grau der Wolkengebirge zum Grau der Straße.

Die Sonne erreicht den Rand. Schüchtern färbt sie die Wolkenmassen orange. Lugt sogar links vorbei und zaubert einen langen, vor dem Einheitsmatsch gut erkennbaren Regenbogen. Der Regen versiegt so plötzlich wie er kam. Als hätte Petrus, auf den orange luminierten Wolken hockend, den Wasserhahn abgedreht. Es wird Nacht werden. Die grauen Wolken, die die Sonne auf dem Gewissen haben, werden selbst von der Nacht in die Unsichtbarkeit gezwungen.

Just run away, run away,
getting on a fucking train
and leave today

Das Radio trägt die Stimmung mit. Unterstützt den Drang, aufs Gas zu treten und noch schneller zu fahren. Heimwärts. Oder irgendwo anders hin. Nur nicht weiter auf der Straße bleiben. An weißen, gelben und roten Lichtern vorbeischlenkernd. Auf vorgegebenen Strecken. Eingezäunt von grauen Leitplanken. Auf grauem Asphalt. Unter majestätisch aufwartenden Wolkenhaufen. Alles grau.

Doch das Schwarz löst alles ab. Ob die Nacht wie gestern werden wird? Grüne Lichtblitze durch tiefschwarze Nacht. Ist das ein “Wünsch Dir was!”-Gewimmel? Oder der Anfang vom Ende. Weltuntergang 57 km steht auf dem blauen Schild am rechten Rand. Oder hieß es Weimar? Der Tag verschwimmt im roten Rücklichtermeer.

Come away with me
in the night

Ja, Radio. Wie recht du immer hast. Ganz so, als könntest du Stimmungen erfühlen. Vielleicht kannst du es ja. Verrat mir den Trick.

pssst, ich habe den frühling gesehen

February 22nd, 2007

Die Jahreszeiten mischen sich. Es hängen noch trockene Blätter hie und da. Anderswo knospt es schon vorsichtig. Die Frühblüher strahlen sich in die Welt und schreien hinaus, was sonst kaum einer glauben kann: Es wird Frühling. Einen knappen Monat zu früh. Aber der Frühling kann gar nicht früh genug kommen. Seine Abwesenheit wäre, im Gegensatz zu Bruder Winter, ein herber Verlust für uns alle und würde abendlich beklagt. Der Klimawandel wäre um einiges unerträglicher, wenn der Winter sich ausbreitete, statt sich zurückzuziehen.

Und so harren wir der Dinge, die da kommen. Es ist nicht unangenehm, auf der grüngestrichenen Holzbank zu verweilen, Gesicht Richtung Sonne. Ja, sie wärmt endlich wieder. Wie schön, dass sie da ist. Im Park viele Paare. Viel mehr als in den letzten Wochen. Aber wieviel mehr werden sich bald schon hier tummeln. Werden den Frühling sehen. Gelb und violett und weiß betupft er Wiese und Beet. Werden den Frühling hören. Es zwitschert wieder unentwegt den ganzen Tag und wenn man ganz genau hinhört, kann man das tiefe Seufzen der Seelen vernehmen. Sie werden den Frühling fühlen. Er duftet von allen Seiten. Selbst der Wind, der all die Düfte um uns wirbelt, fährt sachter um die Haut, schmiegt sich fast ein wenig an. Ja. Frühling. Bleib. Geh nicht wieder fort. Fühle Dich. Wie. Zuhause.

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