deprimierende geheim-reformen

May 31st, 2006

Im Geheimen hat die EU wohl eine neue Reform zur Herstellung homogener Arbeitsbedingungen durchgeführt: Die Wetterreform. So gibt es jetzt wohl für die Euro-6 zwangsverordnetes britisches Wetter. Hätten wir nicht ausnahmsweise mal vom britisch/französischen Übermachtprinzip abrücken und Spanien oder Griechenland die Oberhand überlassen können?

Zunächst dachte ich, mein persönliches Wärmethermostat sei kaputt, aber seit heute ist es amtlich: Die letzten Tage des Mais 2006 waren so kalt, wie seit 40 Jahren nicht mehr. Na schönen Dank auch.
Morgen ist ja nur meterologischer Frühlingsanfang. Statt Sonne und blauem Himmel bedenkt uns Petrus mit nasskaltem Aprilwetter und schlägt damit eine noch tiefere Kerbe in meine sowieso schon angeschlagene Arbeitsmoral und allgemeine Lebenssinnverortung. Und da ich gerade unter einem verglasten Dach sitze, muss ich feststellen, dass es schon wieder in Strömen gießt. Langsam kann ich mich auch nicht mehr mit der Tatsache trösten, dass unser frischgesäter Rasen umso grüner sprießt. Wenn es ununterbrochen regnet, kann ich sowieso nicht draufliegen.

wollmonster und andere problemfälle

May 28th, 2006

 

Früher - da habe ich ja noch in einer richtigen Heavy-Metal-Band gespielt. Sie wissen schon. So völlig in Metall eingekleidet, mit Armbändern, Patronengürteln, Ketten, der ganze Kram. Wenn wir dann nach dem Konzert die Arme hochrissen, hatten wir Radio-Empfang.

Wer schon immer mal jemanden sehen wollten, der sich mit den Worten vorstellt:

Ich bin heute hier, um zum Hass zwischen Ossis und Wessis aufzurufen

und seine ganz eigene Sicht zu Wende, Iran-Politik, Mohammed-Karikaturen, intelligenten Küchenmaschinen, Hard-Rock-Bands und Amok hat, der sollte auf ein felliges I mit blauen Augen und verschränkten Ärmchen achten. Das ist Wollmonster und kündigt für gewöhnlich die baldige Ankunft eines gewissen Vicki Vomit an. Mal mit und mal ohne die misanthropischen Jazz-Schatullen. Allerdings immer mit überaus treffenden und pointierten Sprüchen.

Gestern hatte der Herr Heimspiel in der thüringischen Landeshauptstadt, genauergesagt: im Museumskeller. Lange mussten wir warten, um ihn mal wieder live zu sehen. Und angenehmerweise mit seinem Kabarettprogramm.

Ich mein, wir Ossis haben doch jetzt alles. Sind aber wohl die einzigen auf der Welt, die ungefähr wissen, was es bedeutet in der dritten Welt zu wohnen. Schließlich waren wir mal so etwas wie zweite Welt: Es gab genügend Essen, aber es schmeckte nicht.

Wer konservativ und mit verschrumpelten Humor ausgestattet auf diesen Herren trifft, wird ihn wohl nicht verstehen und ihn als Unterschichtler verkennen, obwohl er für die gegenteilig veranlagten Zeitgenossen genau Gegenteiliges darstellen muss. Anders ist sein Erfolg nicht zu erklären. Die Radiosender igonrieren ihn geflissentlich, seine Sprache ist einfach nicht massenkonform, seine Art und Weise sich über Konflikte und Gesellschaftsprobleme zu äußern sowieso nicht. Aber gerade das macht ihn ja so besonders.

Wer’s nicht glaubt, sollte es selbst testen: Wollmonster suchen oder einfach auf der Internet-Seite nachsehen. Hingehen, freuen, CD kaufen, heimgehen, freuen. Schließlich ist Humor die einzige effektive Waffe, die uns noch geblieben ist. Und der Grund, der Leben so lebenswert macht.

Betrunkene Unterschichtler aber bitte zuhause lassen. Vicki musste gestern abend sein Kabarettprogramm leider um eine halbe Stunde kürzen, weil es einige Herren partout nicht lassen konnten, ihn anzumachen und zum Singen aufzufordern. Er hat dann gesungen. Wie hätte er seine Meinung zu diesen Herren auch besser ausdrücken sollen?!:

Wenn eine Traumfee zu mir käme
und mich in ihre Arme nähme
und freundlich lächelte dabei
und sagte: einen Wunsch hast Du frei
Ich wüsste, was ich mir wünschen müsste
Bitte, bitte, mach mich blöd,
weil’s Blöden besser geht
Blöd
Ich wär so gerne blöd

nur zwei dinge

May 28th, 2006

Durch so viel Form geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?
Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines:
ertrage
- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -
dein fernbestimmtes: Du mußt.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge:
die Leere
und das gezeichnete Ich.

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[gottfried benn]

zur Unfreiheit geboren

so gern frei sein

May 27th, 2006

Der Fluss wird gewalttätig genannt, aber das Ufer, das ihn einengt, nennt niemand gewalttätig.

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[b. brecht]

die Flügel wachsen mir ins Herz - breiten sich langsam aus, wenn die Nachtluft die Seele wäscht - sie alle trüben Gedanken vergessen lässt - dann ein Flattergeräusch im Wind - bevor die Ketten rasseln - und die Flügel ergrauen. Versklavt auf die Welt gekommen - verkaufen wir uns selbst zeitlebens an Zeit und Geld - und die Flügel kennen nur die, die noch die Freiheit in sich spüren…

das totgeglaubte gespenst

May 26th, 2006


An Himmelfahrt haben mutmaßliche Rechtsextreme in mehreren Städten Ostdeutschlands wieder Zuwanderer angegriffen. In Weimar wurden drei Männer aus Mosambik und Kuba von vermutlich rechten Schlägern attackiert. Ein 46-jähriger Mosambikaner erlitt schwere Verletzungen. Die Polizei verhaftete die acht mutmaßlichen Täter

(Quelle: tagesschau)

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Da ist es wieder. Das totgeglaubte Gespenst. Der Rechtsextremismus in Weimar. Der Klassikerstadt. Dem Alterswohnsitz. Bücher lagern hier gefährlich, aber Menschen brauchten keine Angst zu haben. Dachten wir. Unsere Stadt ist friedlich. Dachten wir. Die Bürger hatten durch Gegen-Rechts-Demonstrationen und dem kreierten Ampelmännchen doch gezeigt auf welcher Seite sie stehen. Doch das alles war eine trügerische Sicherheit.

Vor noch nicht einmal einer Woche habe ich für Weimar gebürgt. Dass wir keine No-Go-Area sein könnten. Eben weil es bei uns friedlich zugeht und ich noch niemals Augen- oder Ohrenzeuge irgendwelcher extremistischer Taten geworden bin. Seit gestern strafen fremde Taten meine Worte Lügen. Es ist sehr traurig, dass das passieren konnte. Dass es passieren musste. Mich interessiert es nicht, wie alkoholisiert die Täter waren, wie wenig sie der Polizei bekannt sind oder was auch immer für Abschwächungsgründe zu Felde geführt werden könnten. Es ist einfach untragbar. Sozusagen vor meinen Augen. In meiner Stadt.

“Wir”, das heißt in diesem Fall eine nur sehr, sehr kleine - und trotzdem entscheidende - Minderheit drängt uns, das heißt jetzt explizit alle Weimarer, aller Thüringer und alle “Ostdeutschen” ins Abseits. Das Feuer wird genährt, die fünf “neuen Bundeländer” eine riesige “restricted area”, eine “No-Go-Area”, ein rechtsextremer Landstrich. Kurz vor Anpfiff verwüsten eine Handvoll Idioten den Rasen und wir können ihn nicht schnell genug wieder kitten. Die Welt zu Gast bei Freunden klingt im Moment irgendwie wie ein schlechter Witz.

Es ist leider so, dass es auf uns alle zurück fallen muss. Weil es den Kubanern und Mosambikanern leider nichts nutzt, dass meine Freunde, meine Familie und ich ihnen freundlich gegenüberstehen. Sie sind verletzt worden, von acht Leuten, die im Nachhinein für 63.ooo stehen. Und letztlich für noch mehr. Und als wäre der Weimarer Überfall nicht schon genug Übel, kam es auch in Wismar und Berlin zu solch bedauerlichen Übergriffen. Während nahezu 81 Mio. immer noch am Geist der Schuld von vor 60 Jahren zu Nagen haben, oder glauben, daran ewiglich knabbern zu müssen, interessiert das einige wenige offensichtlich wenig. Haben sie anscheinend nichts daraus gelernt. Und reißen eine ganze Stadt, ein ganzes Bundesland, eine ganze Region, nämlich Ostdeutschland, und letztlich die ganze Nation wieder in einen kollektive Schuld, die wir zu tragen haben, weil wir die Übergriffe nicht verhindern konnten und uns vom friedlichen Gesicht unserer Stadt haben täuschen lassen.