Sophie ist tot. Sie starb gestern in der Mittagszeit. Und ich konnte ihr nicht die Hand halten. Konnte sie nicht zu Grabe tragen. Jetzt ist es zu spät. Sogar ihren Namen hat man ihr schon geraubt. Jetzt steht sie blind und nackt an der Straße.
Sophie ist tot. Ich dachte gleich daran, als ich aufwachte. Schließlich war Sophie nicht irgendwer. Wir kennen uns seit neun Jahren, und acht davon hat sie mich tagtäglich begleitet. Sie hat mir viel beigebracht und ist so etwas wie eine Freundin geworden. Schließlich bin ich an ihrer Seite aufgewachsen, groß geworden.
Letztes Jahr musste ich sie verlassen - und da wussten wir alle schon, dass sie nur noch ein Jahr zu leben hat. Jetzt ist Sophie tot. Und mit ihr stirbt ein Ort der Identifikation, der Zugehörigkeit, der Erinnerungen. Sie alle bleiben in ihr, doch es ist niemand mehr da, der sich ihrer erinnert. Und wir wandeln an ihr vorbei, denken daran, was wir alles mit unserer Sophie erlebt haben. Aber es richtig nach empfinden können wir es nicht mehr.
Sicher trägt man sie im Herzen weiter. Die Schule, die einen zum Abitur geführt hat. In der man unzählige Aufgaben und Hürden meisterte, für die man bei Wettkämpfen antrat, deren Namen man stolz auf dem Rücken zweier T-Shirts trägt.
Sie musste für eine politische Sache sterben - wie so oft. Bereits 1993 wurde ihr Tod vorgezeichnet. Der eigentlich erfolgreiche Schulverbund mit dem Nachbarort Buttelstedt wurde aufgelöst. Der Geburtenrückgang erfasste auch das erwürdige 1888 fertiggestellte Gebäude, der aufgelöste Verbund vergrößerte das Dilemma. Und die Stadt dachte immer lauter über Schulschließungen und -zusammenlegungen nach. Von Anfang an war klar: es kann nur zwei treffen.
Es hat diese beiden getroffen. Sie werden geschlossen und als neue Schule fusioniert. Das Humboldt-Gymnasium findet seinen Platz jedoch am Ort des alten Fallersleben-Gymnasiums, weswegen sich dessen Schüler dort schneller wohlfühlen. Für sie ist der Standort kein Problem. Für Personen, die vielleicht von außerhalb kommen schon.
Unser zentraler Standort wurde aufgegeben und gegen einen in der Westvorstadt eingetauscht. Viele 10+ -Jährige müssen jetzt umsteigen und einen Schulweg durch die nicht gerade ruhmreichste Wohngegend hinnehmen. Weil es für das bilinguale (an diesem Gymnasium kann das Abitur in einigen Fächern auf Französisch absolviert werden), zusammen mit dem Westvorstadtstandort kann EU-Gelder bringen. Eine Tatsache, die dem logistisch besseren - und vor allem kinderfreundlicheren Standort - den Todesstoß versetzte.
Aber andere hatten schon lange die günstige Lage des Gebäudes erkannt und suchte zudem schon seit geraumer Zeit eine passende Bleibe. Nun haben die Berufsschulen eine solche gefunden. Natürlich nicht zufällig - und auch nicht erst seit gestern.
16+ -jährige Berufsschüler müssen schließlich ihr Moped und Auto zentral parken können. Für sie wäre daher das andere potentiell-freiwerdende Gebäude nicht infrage gekommen.
So musste also Sophie sterben. Verloren geht eine Schule, die weniger nach Prestige und Rang urteilte, als vielmehr nach dem jeweiligen Charakter eines Schülers. Die ohne In-Vordergrund-Drängen und Andere-Schulen-Zerreden auskam, die Charakter bewies und vieles zustande brachte.
Eine Sophie, die sehbehinderte und “normale” Kinder zusammen lernen ließ und somit ein Stück Integrationsarbeit leistete. Eine Sophie, die sich traute, anti-rechte Plakate in ihre Schulfenster zu hängen, um gegen eine Nazi-Demonstation zu demonstrieren - und gegen die das Schulamt daraufhin vorging. Eine Sophie, die Charaktere schliff und selbst der Diamant war.