Wieder ein Roman in Berlin. Wie der letzte, Allerseelen. Wieder geht es um ungewöhnliche Liebe. Doch das Buch ist schon älter. Erzählt von der Ostseite des geteilten Berlins. Und ist auch sonst ganz anders. Ulrich Plenzdorfs “Legende vom Glück ohne Ende”, viele kennen sicher den Film “Die Legende von Paul und Paula”. Das ist sie wohl die Geschichte. Nüchtern, mit wenig wörtlicher Rede. Vielen Zeitraffern, vielen Rückblenden, wenig Gegenwartsmiterzählen. Die Sprache viel zweckmäßiger als bei Nooteboom, kaum Poesie, meist sehr einfach.
Und doch berührt das Buch. Da gibt es einen Ich-Erzähler, der in der Singerstraße wohnt. So wie Paul. Und so wie Paula. Und wie es bei besonderen Liebesgeschichten ist, finden sich die beiden zunächst nicht. Paul heiratet eine wunderschöne, aber dumme Frau. Paula bekommt ein Kind von einem Säufer, - und dann noch eins von einem Zirkusjungen. Dann finden sich Paul und Paula. -Um sich sofort wieder zu verlieren. Paula ist stur. Paul aber auch. Und wer wünscht sich nicht einen solchen Paul? Der ein halbes Jahr vor der eigenen Tür sitzt, um zu verhindern, dass ein anderer, ein alter, reicher Werkstattbesitzer, die geliebte Frau verführt - oder gar noch heiratet. Auf einem Lager aus Zeitungen harrt Paul aus. Lässt sich regelmäßig krank schreiben, geht regelmäßig vormittags - wenn Paula auf Arbeit ist - zur Krankengymnastik, und sitzt ansonsten vor der Tür. Und malt Herzen an Paulas Tür. Weil Paula nicht mit ihm redet. Weil Paula ihn nicht erhört. Bis er eines Tages Paulas Tür einschlägt und doch noch alles gut wird.
Zunächst zumindest, denn Paula wird wieder schwanger. Der dritte Kaiserschnitt wird tödlich enden, hatte Paulas Professor ihr prophezeiht. Doch sie will das Kind, in all ihrer Sturheit. Und sie stirbt. Ihr Junge überlebt und bleibt bei Paul. Doch für Paul ist Paula nicht tot. Er sieht sie um sich, redet mit ihr, geht mit ihr zur Arbeit und schläft neben ihr ein. Paula ist überall. Bis sie eines Tages wirklich bei ihm in der Kaufhalle auftaucht. Nur, dass sie plötzlich Laura heißt.
Und natürlich gibt es kein Glück ohne Ende. Deswegen wohl das LEGENDE im Titel. Zur Desillusionierung. Laura ist keine Paula. Sie liebt Paul, aber auf ihre Weise. Und die eine, die riesengroße Liebe, die kann es dann wohl auch nur einmal im Leben geben. So stimmt einen das Buch mit dem, zumindest auf den ersten Blick so hoffnungsfrohen Titel, mehr und mehr traurig. Weil man erkennt, dass man nicht zurückbekommen kann, was der Tod für immer nimmt. Dass die Lebenslüge, denn natürlich glaubt Paul Laura nicht, dass sie nicht eigentlich Paula ist, eben doch nie Wahrheit werden kann und dass man letztlich wohl ohne seine Truggestalt “Paulalaura” leben muss.
Und so geht auch Paul am Ende, verschwindet spurlos. Überwindet eine durch Laura zugezogene Querschnittslähmung und ist weg. Und auch sonst macht Paul eine große Wandlung durch. Als er Paula kennenlernt, hat er einen korrekten Job, für den er lebt. Er glaubt, was in der Zeitung steht und kennt alle korrekten Wörter und Redensweisen auswendig. Er ist angepasst. Mit Hemd und Krawatte, intakter Familie, perfektem Beruf. Er weist Paula zurecht, die ganz anders denkt. Sie sind in ihrem Denken Gegensätze. Der angepasste Paul, mit dem gut bezahlten Job, und die freidenkende Paula, die in der Kaufhalle Flaschen annimmt. Doch Paula verändert Paul. Und alles, was ihm während des Buches wiederfährt verändert Paul. Spätestens seit er Paulas Haus belagert. Bald arbeitet er auch in der Kaufhalle, trägt immer eine blaue Hose und einen grünen Pullover und lässt sich die Haare wachsen. Èr liest die Zeitung auf seine Art und lernt auch selbst das “Durch-die-Blume-sprechen”.
An manchen Stellen fragt man sich wirklich, wie dieses Buch durch die DDR-Zensur gekommen ist. Eher weniger als mehr wird da verschleiert kritisiert, der gewandelte Paul und die immer gleiche Paula nehmen kein Blatt vor den Mund - auch wenn sie die Kunst der Ironie beherrschen. Sehr oft lächelt und grinst man bei einigen Anspielungen. Und kann wieder nicht glauben, dass die DDR genauso war, wie man es heute stets zu hören bekommt. Immerhin hat sie so ein schönes Buch verlegen lassen - mit allen “kritischen” Stellen…und auch im kalten Kapitalismus glaube ich noch immer an das Glück ohne Ende.