inside the tornado

January 19th, 2007

Ich sitze im Zug und sehe der Welt beim Davonlaufen zu. So also sieht sie aus, die Welt, nach dem Sturm. Einige Blumentöpfe haben sich über Nacht entleert, einige Bäume sehen tatsächlich so aus, als hätten sie über Nacht einiges Rückgrat gebraucht.

Noch nie sah man in der diesjährigen undefinierten Jahreszeit so viele kahle Bäume. Der Sturm hat sie des Herbstes enledigt. Ich schaue weiter aus dem Fenster. Die Gleise schlängeln sich unverändert über den Boden, verknoten und überkreuzen sich. Der ICE fährt schon wieder 160. Sturmgefahr vorbei?! So, als sei nichts gewesen.

Die Sonne bricht durch. Und spätestens jetzt ist alles vergessen. Der Wind, der die halbe Nacht an den Fenstern rüttelt. Das grelle Licht, das uns zeitgleich mit dem schmetternden fortissimo Grollen aus dem Schlaf riss. Die Sirenen, die auch lange nach dem Gewitter noch die Nacht zerrissen.

Heute, am Morgen danach, herrscht die Ruhe nach dem Sturm.

Everything is clear when you’re inside the tornado.

Der Fluss liegt fast unbewegt da. Er bleibt eine Weile an meiner Seite, bevor er abbiegt, bevor ich abbiege. Wie auch immer. So, wie er es immer an diesem Abschnitt meiner Reise tut. Nur, dass die Uhren heute langsamer zu gehen scheinen. Den Menschen scheint der Sturm tatsächlich gut getan zu haben. Die Seelen sind entstaubt, freigeblasen. Sie atmen langsamer, sie gehen langsamer. Zumindest für einen Tag. Der Tag nach dem Sturm.

der vielleicht coolste chef der welt

January 18th, 2007

Was soll man eigentlich über einen Menschen denken, der seinen Vortrag mit den Worten beginnt:

Nun, ich soll heute etwas über die Moral der 20- bis 30-jährigen erzählen. Das mache ich doch gerne. Auch wenn ich feststellen muss, dass ich immer mehr Todsünden völlig okay finde.

Mit demokratischer Akkuratheit wird gewählt, ob heute “Du” oder “Sie” gesagt wird. (Jeder darf gern raten, was der Rezipientenkreis entschieden hat). Und dann geht es auch schon los. Mit der Moral der “verlängerten Jugend” ist es nämlich eigentlich ganz einfach: Eigentlich sollten wir erwachsen werden. Aber die 20- bis 30-jährigen müssen eben nicht tun, was sie sollten. Sie befinden sich in der Schwebe, zögern viele Entscheidungen raus und niemand bestraft sie dafür. “Eigentlich ist wohl das meistbenutzte Wort dieser Generation”, sagt der Mann auf dem Podium.

Er heißt Michael Ebert und man weiß nicht so recht, ob es eine Schublade gibt, in die er passt. Mit leicht fahrigen Bewegungen läuft er auf und ab, die Hände mal in den Taschen der ausgewaschenen Jeans, mal wirr in der Luft. Seine großen Augen schauen das Publikum durch die Brille immer fragend an, aber verraten auch schon von der Verschmitztheit ihres Besitzers. Es sollte ein sehr amüsanter Vortragsabend im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig werden.

Denn die Veranstalter hatten mit dem NEON -Chefredakteur, um niemand geringeren handelte es sich bei Michael Ebert, einen sehr umgänglichen Journalisten eingeladen, der genau das Gefühl übermittelte, das auch seiner Zeitschrift so eigen ist. Und das hat auch einen einfachen Grund: Es ist SEIN Konzept, es ist SEINE Zeitschrift.

Es begab sich nämlich, dass Michael Ebert, zusammen mit Tim Klotzek, die Redaktion des beliebten Süddeutsche-Supplement jetzt übernahm. Dieses musste bekanntlich vor einigen Jahren eingestellt werden, Klotzek und Ebert blieben jedoch ein Team und bekamen vom Stern ein unglaubliches Angebot: “Ihr habt ein halbes Jahr Zeit, um zu machen, was ihr wollt.” Und das taten die beiden. Herausgekommen ist NEON.

Eine Zeitschrift, die laut Ebert versucht, “alle 20- bis 30-jährigen emotional an dieses Heft zu binden - völlig ohne an demographische Schnittmengen zu denken.” Ihm und Klotzek sei aufgefallen, dass es kein Magazin für beide Geschlechter in dieser Altersgruppe gab.

Das gemeinsame Lesen endete erst einmal nach der BRAVO und begann dann erst wieder mit SPIEGEL und stern.

NEON soll nun die Schnittstelle zwischen beiden sein.

Und das Konzept scheint aufzugehen. Seit drei Jahren existiert das Magazin, inzwischen hat es eine Auflage von rund 370.000 Exemplaren. “Der NEON-Leser ist zu gleichen Teilen männlich und weiblich, er ist 31 Jahre alt, hat mindestens einen Realschulabschluss - er studiert, noch häufiger arbeitet er schon - und er lebt eher in der Großstadt”, weiß Ebert aus statistischen Untersuchungen. Im Heft selbst geht es um “aufkommende Lebenskonflikte”. Die Informationen sollen erst vom Leser gewertet, die Artikel ohne jeden moralischen Zeigefinger oder step-by-step Handlungsanleitung sein. Es gehe um die Abbildung der emotionalen Aktualität.

Dass dieser überzogene Fokus auf Emotion natürlich zu Lasten der Information geht, weiß Ebert vermutlich. Es ist sicherlich sogar geplant. Doch das ist leider das, was mir persönlich an NEON nicht gefällt. Man liest, denkt hier und da: “Oh, interessant” und weiß doch nicht mehr, als vorher. Aber den Chefredakteur mag man trotzdem. Schon allein, weil er Dinge sagt wie:

Meine Jungend endete an dem Tag, an dem ich mir eine elektrische Parmesanreibe kaufte. Es ist gerade erst Viertel nach sechs und ich habe heute schon 13 Mal gelogen.

Natürlich könne er NEON nicht mehr ewig machen, bekennt er offen. Weil ihm natürlich irgendwann dieses “Eigentlich-Gefühl” abhanden kommt. Aber er schmunzelt bei meiner Frage über seine Zukunftspläne nur: “Natürlich habe ich eine super Idee, aber die werde ich doch jetzt nicht verraten.”

henkersmahlzeit

January 18th, 2007

 

Oh my God,
they killed our Zentralmensa!!!

 

 

Morgen ist es soweit. Das letzte Mal schnell zwischen zwei Seminaren in die Mensa huschen. Denn dann ist sie zu. Die Zentrale. Und als Henkersmahlzeiten gibt es “Leckerkeiten” wie: Frühlingssuppe mit Nudeln und Hausmachersülze; Jägerschnitzel mit Tomatensoße; Kartoffeltaschen mit Feta und Oliven (ACHTUNG, Verklumpungsgefahr in der Speiseröhre) und Gebratene Entenkeule mit Klößen Thüringer Art (letzteres hat ein echter Thüringer natürlich kategorisch abzulehnen). Da möchte uns jemand wohl den Abschied versüßen.

Denn lange wird es dauern, bis wir wieder am Leipziger Augustusplatz schlemmen können. Wer die Eröffnung der neuen Mensa noch für März 2007 eingetragen hat, kann das durchstreichen und es mit dem Wintersemester 2008 (also September desselbigen Jahres) nochmal probieren. Armes Studententum. Wie der student! in seiner aktuellen Ausgabe festhielt, heiße das neue Motto für Leipzig (denkbar auch für das Uni-Jubiläumsjahr 2009):

Wenn du nicht mehr weißt, wohin,
such dir doch ein Interrim.

so ein theater ums theater

January 17th, 2007

Gegen 12 Uhr abends bettete ich mich zur Ruh, und weil ich besser einschlafen kann, schalte ich immer für neunzig Minuten Deutschlandfunk ein. Jemand, der mit mir spricht, ohne dass ich ihm zwingend zuhören müsste. Pustekuchen.

“Den letzten beißen die Hunde” höre ich Jens Goebel, seines Zeichen Thüringer Kultusminister, sagen. Es geht um die Thüringer Theater. Wiedermal. An der Kultur soll gespart werden. 10 Millionen Euro möchte der Freistaat einsparen. Bei allen Theatern ein bisschen. Bei allen Theatern zuviel. Gestern haben sechs Theater, unter anderem aus Jena, Nordhausen und Greiz unterschrieben. Auch das Puppentheater Waidspeicher Erfurt hat sein Geld sicher. Viele haben mehr, als Goebel ursprünglich angekündigt hatte, aber immer noch weniger also vorher.

Fünf Theater bleiben noch übrig. Bei zweien wird eine Einigung besonders schwer: Das Weimarer DNT und die Bühnen in Erfurt. Die von der Politik und Erfurt herbeigesehnte Fusion. In Weimar wird sie gefürchtet. Sie könnte jetzt erzwungen werden. Sollte Goebel für das Weimarer Nationaltheater die Gelder schmerzlich kürzen, dann könnte das das Aus für das Musiktheater bedeuten. Die Erfurter Oper und die Weimarer Staatskapelle könnten eins werden.

Welch schreckliche Vorstellung. Zwar berichtet die Thüringer Allgemeine heute, dass der Weimarer Stadtrat soviel Geld, wie nur eben möglich, für das DNT aufbringen möchte, und auch den Weimarern fehlt es nicht an Kreativität. Was sind wir für unser Theater gelaufen, haben Strikes am laufenden Band im Bowlingcenter fabriziert, haben schon vor langer Zeit die Stühle im großen Haus gekauft, Unterschriften geleistet und sind nicht zuletzt einmal mehr ins Theater gegangen. Weil wir unser DNT behalten wollen.

Aber was, wenn es politisch gewollt ist, dass uns die Hunde beißen? Was nutzen dann die engagierten Weimarer? Was nutzt dann die empörte Presse? Was würde Geheimrat Goethe wohl dazu sagen, dass Kultur heute einem solchen Sparzwang unterliegt. Dass der Stadt, der er zu Ruhm und nicht abreißen wollenden Tourismusströmen verhalf, ihre Grundlage, nämlich das Flair der Kulturstadt, entzogen werden soll? Wahrscheinlich würde auch er erschrocken, aber doch voller Überzeugung nicken, wenn tempEau singen: “Liebe gibt’s zu kaufen, Kunst ist umsonst.” Es wäre besser für die Kunst, es wäre so. Doch noch sind wir nicht gebissen.

weimar goes kapitalism

January 17th, 2007

Wer kennt es nicht, das Spiel, das uns zu aluminiumigen Schuhen und Bügeleisen degradiert, uns Plastikhäuser auf kleine rechteckige Felder setzen und jede Menge H&M-farbener Geldscheine (vornehmlich blasspink und blassgrün) untereinander und mit viel Zähneknirschen tauschen lässt? Richtig, Monopoly.

Wer es leid ist, eine Berliner Straße oder eine Schlossallee zu kaufen, der konnte bisher nur auf eine der tollen Stadtversionen umsteigen. Monopoly Berlin, Monopoly Leipzig, Monopoly Sommerloch. Alles sehr schön. Doch Hasbro ist mit seiner Kreativität noch lange nicht am Ende. Jetzt wird wieder alles neu. Jetzt werden deutsche Städte aufs Brett gewählt.

Ganz demokratisch. Und man darf auch Weimar wählen. Jawohl. Alle lieben Leser dieses Blogs sind aufgerufen, dies unverzüglich und ohne weiteres Nachdenken zu tun. Alle anderen Städte sind zu ignorieren. Wer nicht Weimar wählt, ist doohoof. Ganz einfach bei monopoly registrieren und jede Woche brav das Häkchen bei Weimar und dem Leipziger Hauptbahnhof machen. Klingt einfach, ist es auch.

Ein bisschen Engagement braucht es schon, wenn wir Weimar hochhieven wollen. In den Gesamtcharts der seit Montag laufenden Aktion ist Weimar in den Top 5 nicht aufgetaucht (Dafür aber die langweiligen “Mich-mag-jeder” Städt Berlin, Hamburg, Frankfurt, München und Köln). Allerdings haben wir uns schon in die Top 5 Gruppe “Region Ost” reingeschmuggelt.

biologische notwendigkeit

January 16th, 2007

In der aktuellen NEON findet sich ein Interview mit einem gewissen Herrn Grammer , einem Evolutionsbiologen. Dieser lamentiert über den Sinn und Zweck und die Messbarkeit der Schönheit. Klingt nicht neu, ist es auch nicht. Interessant wird es erst am Ende. Die monogame und ewige Liebe/Beziehung zwischen Mann und Frau sei evolutionsbiologisch Schwachsinn. Also: ein naturalisierender Grund, warum jede zweite Ehe in Deutschland geschieden wird.

Eigentlich eine gottgegebene Sache. Welcher Idiot hat nochmal die Ehe erfunden? Richtig. Die Natur selbst. Dank der tollen zdf-Dokumentationen weiß ich nämlich seit letzter Woche, dass Gelbbaucharas ihr ganzes Leben, das sind immerhin 40-50 Jahre, zusammen verbringen. Zu zweit. Aber wahrscheinlich ist die Erkenntnis, dass Monogamie bis ans Lebensende Schwachsinn ist, nur noch nicht bis in den peruanischen Regenwald vorgedrungen. Oder zu all den anderen Tierpaaren, die sich nie wieder entknubbeln.

Stimmt jetzt die Evolution nicht (Plädoyers der Kreationisten immer “erwünscht”…) oder stimmt die Forschung darüber nicht? Oder bestimmt Genabschnitt 211 auf Chromosom 12, was fertilisationstechnisch sinnvoll ist? Die Natur schweigt sich darüber aus.

ein lied vom schein und sein

January 13th, 2007

Was, wenn dich hundert Jahre nach dir jemand erfunden hätte? du lebst vor, aber auch nach ihm, denn du entspringst nur seiner Feder. Du bist nur, weil er dich Wort werden lässt. Woran würdest du es merken?

Ljuben Georgiew, Stefan und Laura Ficew geht es so. Sieben leben im Bulgarien des 19. Jahrhunderts. Ein Offizier und ein Militärarzt. Und später eine wunderschöne Frau, die beide verrückt finden - und sie trotzdem; oder gerade deshalb - abgöttisch lieben.

Und was, wenn du von jemandem erfunden wirst, der selbst nur erfunden ist? Denn auch der namenlose Schriftsteller aus Cees Nootebooms Roman “Eas Lied vom Schein und Sein” ist bekanntermaßen erfunden. Und er scheint es auch noch zu wissen.

Zumindest fragt sich unser Schriftsteller, was Realität eigentlich ist, was Zeit und was Geschichte. Und ob die Gegenwart überhaupt existent ist, wenn es keine Zukunft mehr gibt. Niemand mehr, der sich erinnert. Er leidet unter seinem Beruf, aber er muss schreiben. Denn Georgiew und Ficew tauchen eines Tages einfach in seinem Kopf auf. Wie sonst hätte er ausgerechnet Bulgarien, über das er überhaupt nichts weiß, als Handlungsort wählen sollen? Er schreibt nur, was er sieht. Und das ist doch dann auch real - ist es nicht?

Der andere Schriftsteller - zu dem unser Protagonist eine gespaltene Meinung hat, dem er aber häufig begegnet - weiß auch eine Antwort. Und er kennt vor allem die insgeheime Problemstellung, die seinen Gegenüber umtreibt:

Du zweifelst nicht an der Echtheit deiner Personen, sondern an deiner eigenen. Wenn du jemanden erfinden kannst, dann kann auch jemand dich erfunden haben.

Und das ist letztlich die Essenz, der Kern des dünnen Büchleins, in dem das Lied, die ewige Frage vom Schein und Sein, niedergeschrieben ist. Nooteboom schickt seine Leser in eine Welt voller Fragezeichen. Wan denkt an Paul Watzlawicks “Wie wirklich ist die Wirklichkeit?” imd erkennt das Dilemma. Der Schriftsteller weiß, dass er erfunden ist, auch wenn der andere es ihm auszureden versucht. Und er kann selbst jemanden erfinden. JEDER kann JEDEN erfunden haben. Wir selbst können erfunden sein. Von jemandem, der hunderte Jahre vor - oder auch hunderte Jahre nach uns selbst gelebt hat. Der in den selben Städten wandelt, aber in einer anderen Zeit.

Manchen mag die Tatsache vielleicht nicht schrecken. Schicksal, gottgewollt, Zufall. Vielleicht passiert auch unser Leben genau genommen in einer Heftkladde oder zwischen anderen Buchdeckeln.

Nooteboom glingt es trotz der wenigen Seiten sehr viel zu philosophieren, zu Fragen und Halbantworten stehen zu lassen. Wie bei “Rituale” oder auch “Allerseelen” geht es wieder um große philosophische Themen. Vor allem immer und immer wieder um das ewige Thema Zeit - und um Wirklichkeit. Seine Sprache bleibt zwischen den Sphären. Ein neutraler Beobachter, präzise, exakt, aber trotzdem emotional, mitreißend, nachdenklich machend.

Selbst die Spuren, zwischen denen er nun umherlief und die ihn auf diese hin- und herschweifenden Gedanken brachten, waren nicht älter als ein paar tausend Jahre, wie die Erde selbst, nur die Zeit würde fortbestehen. Oder würde auch sie einmal verschwinden? Aber dann hätte nie etwas existiert.

Was passiert also nun mit uns? Was passiert mit unserem Schriftsteller und mit Georgiew und Ficew, wenn wir doch nur erfunden sind? Was passiert mit unseren drei erfundenen Erfundenen, wenn ihr erfundener Erfinder nicht mehr weiterschreiben will? Was täten wir, wen unsere Schriftsteller das Buch wegwürfen? Von jetzt auf gleich?

Müssen Georgiew und Ficew sterben, wenn der Schriftsteller sie nicht mehr will? Oder können sie versuchen aus ihrer eigenen Geschichte zu fliehen? So wie Sophie und ihre Begleiter aus Jostein Gaarder’s “Sophies Welt” flohen - und doch in einem anderen Buch gefangen blieben…

der drache

January 3rd, 2007

Ich habe euch die Freiheit gebracht, was habt ihr daraus gemacht? -
So habt doch Geduld, Lanzelot. Wie geht es? Wenn Ihr es wisst, dann sagt es uns doch: Wie geht es denn?

Wie oft wurde dieser Dialog so oder so ähnlich schon geführt? Wie oft hätte er geführt werden können? Staaten werden von der Diktaktur befreit und können nichts damit anfangen, fallen in die nächste? Deutschland, zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg. Zurück zur Diktatur. Irak 2003. Saddam Hussein verschwindet, doch die Demokratie, den Frieden, das alles kann man nicht aufzwingen. Nach dem Tod Arafats wählen die Palästinenser die radikalislamische Hamas.

Sagt, Lanzelot - wie geht es denn?

Die altbekannte Geschichte wird erneut erzählt. In “Der Drache “, von Jewgeni Schwarz , derzeit zu sehen im Weimarer DNT. Seit 400 Jahren herrscht der Drachen nun schon über das Dorf. Er verlangt 1000 Rinder, 2000 Schweine, 10000 Hühner und einige Gemüsefelder - im Monat - und einmal im Jahr eine Jungfrau als Tribut. In diesem Jahr soll es Elsa sein, die eines Abends Besuch von Lanzelot bekommt - seines Zeichens Berufsheld. Er will den Drachen töten, die Stadt vom Joch des dreiköpfigen Tyrannen befreien. Kein verzagter Einspruchsversuch der Dorfbewohner noch die Einschüchterungsversuche des Drachens vor dem Kampf können ihn davon abhalten.

Ist es wirklich wert, für sie zu sterben? Ich habe ihre Seelen verkrüppelt. Wenn du einen Menschen in der Mitte durchschneidest, dann krepiert er. Aber wenn du seine Seele verstümmelst, dann passiert gar nichts.

Und so kommt es zum Kampf. Zwischen Gut und Böse. Hoch über den Dächern der Stadt. Und die Bewohner kommen begierig, um den Fall des Berufshelden zu erleben. (Oder hoffen sie insgeheim doch, dass er sie befreit?) Und Lanzelot siegt, mithilfe einiger standhafter Bürger, die ihn mit Tarnkappe, fliegendem Teppich und echtem Schwert ausrüsteten. Der Drache fällt, doch auch Lanzelot ist schwer verletzt und flieht. - Und der Kreislauf beginnt von vorn.

Anstelle des Riesendrachen treten viele kleine Ersatzdrachen.

Im Falle des Dorfes ernennt sich der vorher tatterige und stressgeplagte Bürgermeister zum Drachentöter und unterjocht das Dorf ebenso wie bevor. Bis Lanzelot zurückkehrt…

Jewgeni Schwarz Stück wurde 1944 uraufgeführt, bevor es verboten und eingetellt wurde. Die Metaphern waren offensichtlich deutlich genug. Der Drache, der seinen Kopf wechselt, das Gute, das nur unsichtbar und insgeheim den Sieg davontragen kann. Ein Drache für einen anderen.

Und dann im Jahre 2006 die Umsetzung des DNT. Auf einer nach vorn gekippten Bühne tänzeln die Schauspieler um die Wette. Sie spielen von oben nach unten, von unten nach oben, so wie die Machtpositionen es eben zulassen. Ein grandioser Detlef Heintze als Drache überzeugt ebenso wie Jürg Wisbach als zunächst verrückter ["Moment, jetzt habe ich gerade eine kleine Persönlichkeitsstörung"] und dann charmanter Bürgermeister (”Vielen Dank meine Damen und Herren für den Applaus - und auch für die kritischen Stimmen”.)

Der Saal des Großen Hauses spendet minutenlang Applaus, denn Tilmann Köhler (Regie) und Susanne Winnacker (Dramaturgie) ist eine tolle Umsetzung des Schwarz’schen Originalstücks gelungen. “Der Drache” ist noch bis zum 30.04.2007 im Großen Haus des Weimarer Nationaltheaters zu sehen.