Was, wenn dich hundert Jahre nach dir jemand erfunden hätte? du lebst vor, aber auch nach ihm, denn du entspringst nur seiner Feder. Du bist nur, weil er dich Wort werden lässt. Woran würdest du es merken?
Ljuben Georgiew, Stefan und Laura Ficew geht es so. Sieben leben im Bulgarien des 19. Jahrhunderts. Ein Offizier und ein Militärarzt. Und später eine wunderschöne Frau, die beide verrückt finden - und sie trotzdem; oder gerade deshalb - abgöttisch lieben.
Und was, wenn du von jemandem erfunden wirst, der selbst nur erfunden ist? Denn auch der namenlose Schriftsteller aus Cees Nootebooms Roman “Eas Lied vom Schein und Sein” ist bekanntermaßen erfunden. Und er scheint es auch noch zu wissen.
Zumindest fragt sich unser Schriftsteller, was Realität eigentlich ist, was Zeit und was Geschichte. Und ob die Gegenwart überhaupt existent ist, wenn es keine Zukunft mehr gibt. Niemand mehr, der sich erinnert. Er leidet unter seinem Beruf, aber er muss schreiben. Denn Georgiew und Ficew tauchen eines Tages einfach in seinem Kopf auf. Wie sonst hätte er ausgerechnet Bulgarien, über das er überhaupt nichts weiß, als Handlungsort wählen sollen? Er schreibt nur, was er sieht. Und das ist doch dann auch real - ist es nicht?
Der andere Schriftsteller - zu dem unser Protagonist eine gespaltene Meinung hat, dem er aber häufig begegnet - weiß auch eine Antwort. Und er kennt vor allem die insgeheime Problemstellung, die seinen Gegenüber umtreibt:
Du zweifelst nicht an der Echtheit deiner Personen, sondern an deiner eigenen. Wenn du jemanden erfinden kannst, dann kann auch jemand dich erfunden haben.
Und das ist letztlich die Essenz, der Kern des dünnen Büchleins, in dem das Lied, die ewige Frage vom Schein und Sein, niedergeschrieben ist. Nooteboom schickt seine Leser in eine Welt voller Fragezeichen. Wan denkt an Paul Watzlawicks “Wie wirklich ist die Wirklichkeit?” imd erkennt das Dilemma. Der Schriftsteller weiß, dass er erfunden ist, auch wenn der andere es ihm auszureden versucht. Und er kann selbst jemanden erfinden. JEDER kann JEDEN erfunden haben. Wir selbst können erfunden sein. Von jemandem, der hunderte Jahre vor - oder auch hunderte Jahre nach uns selbst gelebt hat. Der in den selben Städten wandelt, aber in einer anderen Zeit.
Manchen mag die Tatsache vielleicht nicht schrecken. Schicksal, gottgewollt, Zufall. Vielleicht passiert auch unser Leben genau genommen in einer Heftkladde oder zwischen anderen Buchdeckeln.
Nooteboom glingt es trotz der wenigen Seiten sehr viel zu philosophieren, zu Fragen und Halbantworten stehen zu lassen. Wie bei “Rituale” oder auch “Allerseelen” geht es wieder um große philosophische Themen. Vor allem immer und immer wieder um das ewige Thema Zeit - und um Wirklichkeit. Seine Sprache bleibt zwischen den Sphären. Ein neutraler Beobachter, präzise, exakt, aber trotzdem emotional, mitreißend, nachdenklich machend.
Selbst die Spuren, zwischen denen er nun umherlief und die ihn auf diese hin- und herschweifenden Gedanken brachten, waren nicht älter als ein paar tausend Jahre, wie die Erde selbst, nur die Zeit würde fortbestehen. Oder würde auch sie einmal verschwinden? Aber dann hätte nie etwas existiert.
Was passiert also nun mit uns? Was passiert mit unserem Schriftsteller und mit Georgiew und Ficew, wenn wir doch nur erfunden sind? Was passiert mit unseren drei erfundenen Erfundenen, wenn ihr erfundener Erfinder nicht mehr weiterschreiben will? Was täten wir, wen unsere Schriftsteller das Buch wegwürfen? Von jetzt auf gleich?
Müssen Georgiew und Ficew sterben, wenn der Schriftsteller sie nicht mehr will? Oder können sie versuchen aus ihrer eigenen Geschichte zu fliehen? So wie Sophie und ihre Begleiter aus Jostein Gaarder’s “Sophies Welt” flohen - und doch in einem anderen Buch gefangen blieben…