schreck-moment der woche

April 29th, 2007

Eine sehr amüsante Judith Holofernes sitzt bei Harald Schmidt und verkündet ohne zu Stocken oder Rot zu werden, dass ihr kleiner Sohn FRIEDRICH heißt. Wow, Schiller wird sich geehrt fühlen. Schlimmer aber noch die Tatsache, dass der Kosename Fritz ist. Was soll das denn bitte? Dabei denkt doch jeder moderne Mensch an eine Internetbox und jeder Klassiker an den alten Preußen-Fritz. Wie sehr ich mich auch freue, dass der Knirps keinen Suaheli-Kauderwelsch-Namen hat. Ein bisschen rockig muss er dann ja doch schon klingen. Als Spross zweier Rocker, oder?

erste offizielle thueringer bloglesung

April 23rd, 2007

Samstag, 19 Uhr. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich von Jena etwas mehr als die Goethegalerie und den Löbdergraben sah. Nicht mal mein Zug fährt durch den Jenaer Bahnhof, geschweige denn anhalten. Die erste offizielle Thüringer Bloglesung hatte mich hierher geführt, initiiert von der Thüringer Blogzentrale.

Einen Abend lang mit Gesichtern im Café Quirinus vereint, zu denen zweifelsohne die Kommentare in der TBZ und die Weblogs gehören mussten, die ich mit mehr oder weniger brennender Neugier mehr oder weniger regelmäßig in mich hineinstopfte. Doch bis auf Jojo, der sich selbst offensichtlich sehr gut als Comic zeichnen kann, erkannte ich niemanden. Dafür wurde ich gleich an der Tür erkannt. Von Sven, dem (zumindest soweit ich informiert bin) Chefredakteur der TBZ. “Ja, ich habe irgendwo ein Bild von Dir gefunden. Man muss eben drauf achten, was man alles so ins Internet stellt”, sprach der Herr mit schwarzem Hut, der sich im Laufe des Abends als begnadeter Sänger herausstellte (sobald die TBZ die Videos einstellt - und sofern da die großartige “Sapere Aude Memorial Band” darauf zu hören ist, wird das hier nachgereicht).

Aber auch sonst barg der Abend viele Überraschungen. Drei Stunden Zeit, um zu überlegen, welche rezipierten Gedanken wohl zu den hier versammelten Köpfen gehörten. Und nach und nach die Auflösungen, wer sich hinter den Synonymen in den Kommentaren der TBZ versteckte. Da war zum Beispiel lesof. Deren Blog ich, so muss ich zugeben, ohne diese Lesung wahrscheinlich noch lange nicht entdeckt hätte. Doch sie gab sehr amüsante Ansichten über den Frühling, und dessen single-unverträgliche Eigenart, massenweise Paare in die Umgebung zu schütten, zum Besten; inklusive der Anekdote, dass sie circa zehn Stunden nach dieser Meckerarie über das gräßliche Paarverhalten ihren “schönen Mann” kennengelernt hatte.

Und die ebenso erstaunt über das äußere Erscheinungsbild von Kolumnistenschwein war, wie ich. Und ebenso angetan vom perfiden Wortwitz und der exakten Gesellschaftsstudien desselbigen. Jetzt wissen wir alle wie das war, als Textspeier alias Kolumnistenschwein mit Angela Merkel schlief. Und dass er, wäre er schwul, gern bei den Mainzelmännchen wohnen würde. Auch so ein Blogger, den ich zwar bereits besucht, aber fast schon wieder vergessen hatte. Nach dieser Lesung allerdings nicht mehr.

Eine sehr interessante Erfahrung also. Witzig vor allem. Aber auch deprimierend. Weil mir auf einen Schlag bewusst wurde, dass die sich hier alle kannten. Außer Sven kannte ich niemanden. Und selbst den nicht wirklich. Alle freuten sich, einander zu sehen, flüsterten sich Grüße zu und bestellten füreinander Getränke. Ich, als Spätdazugekommene, und auch noch Nach-der-Lesung-gegangene eine sehr desillusionierende Wahrheit. Aber auf Züge muss man eben aufspringen, bevor sie anfangen, in Fahrt zu kommen. Und die Gelegenheit habe ich eben verpasst. Leider.

Aber vielleicht gibt es ja eine zweite offizielle Thüringer Bloglesung. Bei der dann die Kerzen ebenfalls einstimmen, dass das alles Kunst ist [more pictures @my flickr].Und vielleicht kann ich mich dann auch dazu durchringen, selbst etwas zu lesen. Und vielleicht kann ich dann auch mal ein paar Worte mit Titania wechseln. Die leider erst das Café Quirinus betrat, als die Lesung vorbei und ich bereits wieder in meine Jacke gehüllt war.

special k

April 23rd, 2007

“Da habe ich mir erstmal mental an den Kopf gefasst.”
[My dear Madame K.]

jeux d’entfant [liebe mich, wenn du dich traust]

April 19th, 2007

0.35 Uhr, ARD. Welch beschämdender Sendeplatz für meinen Lieblingsfilm. Aber immerhin kam er überhaupt im Fernsehen. “Liebe mich, wenn Du Dich traust”. Ein französisches Märchen der Extraklasse. Die Deutschen würden wohl am ehesten sagen: Der Film erinnerte mich an die fabelhafte Welt der Amélie. Genau genommen erinnert er aber nur an den neuen französischen Film. Fiktion und Realität mischen sich bei dieser Reise durch zwei Leben, auf der ewigen Gratwanderung zwischen Glück und Verzweiflung.

Wir lernen Julien (Guillaume Canet) und Sophie (die wirklich bezaubernde Marion Cotillard) im zarten Grundschulalter kennen. Sophie Kowalski wird immer wieder von ihren Mitschülern gehänselt und gepiesackt. Juliens Mutter ist schwer krank und schenkt ihm eines Tages eine Spieldose. Und mit eben jener Dose fängt alles an.

Es ist zunächst ein Spiel unter Kindern. Die Dose wird zwischen beiden hin und her getauscht, doch nur, wenn die gestellte Aufgabe erfüllt wird. Beide landen regelmäßig beim Direktor, bekommen Schläge von den Eltern und drakonische Strafen. Schließlich werden die beiden sogar in verschiedene Klassen verbannt. Ihrem Spiel tut das keinen Abbruch. Es geht Jahre um Jahre. Auf einmal sind aus den Kindern Jugendliche geworden. Und aus der Freundschaft, wie sollte es anders sein, Liebe. Doch keiner der beiden will sich das so recht eingestehen. Als sie sich schließlich küssen, weiß keiner von beiden mehr, ob es Spiel oder Realität ist.

Der Kuss provoziert Streit, die richtigen Worte werden nicht gefunden und die beiden verlieren sich, bevor sie sich recht gefunden haben. Erlegen sich auf, sich ein Jahr lang nicht zu sehen, dann wieder nicht sehen, dann wieder nicht. Beide stolpern im Leben herum, suchen sich Partner und erwischen sich doch immer wieder beim Gedanken an den jeweils anderen. Doch immer wenn einer der beiden seine Gefühle gesteht, hört der andere nicht zu oder ist gerade dabei, dem anderen richtig wehzutun.

Und so heiraten sie. Julien eine unscheinbare Frau (und ist auch noch so dreist, Sophie als Trauzeugin einzuladen, die als Revanche dann fast die Hochzeit platzen lässt) und Sophie einen Fußballspieler, der es zum Star der Liga schafft. Zehn Jahre werden sie sich nicht sehen. Und halten sich an die Abmachung. Doch nach dieser langen Zeit des Wartens wissen sie, dass sie etwas ändern müssen.

Wartest Du auf mich?”, ruft Julien der 20-jährigen Sophie nach.
Lass Dich überraschen“, antwortet sie und beißt sich fest auf die Lippen.

Der Film erzählt aus Juliens Perspektive und doch ist es Sophies Verletzlichkeit, ihr innerer Schmerz, der sich einprägt. Cotillard lässt Sophie still und doch so offensichtlich leiden, dass man nicht glauben kann, dass niemand um sie herum es sonst bemerkt. Am Ende hat man zwei Lösungsvarianten für diese Liebe zur Verfügung. Realität und Fiktion sind nicht zu trennen. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, ob er die wahrscheinlichere oder die schönere Variante glauben will. Und er sieht den Abspann, hört “La vie en rose” in dem Wissen, dass es die eine, die wahre und unzerstörbare Liebe geben muss. Wie sonst soll ein Film sie so intensiv und heranrührend darstellen?

Es ist eine Liebesgeschichte, die zweifelsohne immer wieder an Romeo und Julia erinnert. Und doch ist sie noch tragischer. Weil sie nicht am Starrsinn einer Gesellschaft und zweier Familien scheiterte, sondern an der Unfähigkeit zweier Liebender im richtigen Moment das Richtige zu sagen und alles Spiel und alle Wunden der vergangenen Wochen, Monate und Jahre zu vergessen. Sie finden sich erst, als die Würfel für ihr Leben schon gefallen sind. Als ein Ausbruch kaum möglich ist…und sie wagen ihn doch. Der ewigen Liebe wegen. Ihre Unsterblichkeit konservierend. Und unseren Herzen- und Seelenfeuer nneue Nahrung und Hoffnung gebend. Man möchte nur noch eines in die Welt schreien: Liebe mich, wenn Du Dich traust!!!

staub über der stadt

April 18th, 2007

Mittwoch, 10 Uhr. Aus dicken Feuerwehrschläuchen spritzt Wasser auf das Gebäude, das immerhin eineinhalb Jahre mit uns verbunden war. Oder zumindest das, was davon übrig ist. Es sieht aus wie ein überdimensionales Puppenhaus. Die weißen Platten sind abgenommen. Rote, blaue und grüne Wände stehen nebeneinander, dem Blick der Passanten nicht mehr verborgen. Flyer, Poster und allerlei anderer Zettelkram weht stetig im Wind. Es war wohl nicht mal Zeit, um sie abzunehmen. Wo ich mich sonst auf einen Stuhl zwischen meine Kommilitonen quetschte, stehen jetzt große gelbe Bagger, die einen Raum alleine ausfüllen. Wo ist sie hin, die Identität? Mit verrenktem Kopf lenkt man sein Rat weiter, Richtung Brühl. Ins Interrim. Die neue akademische Heimat.

Und die ist, genau genommen, Luxus gegen das, was das alte Seminargebäude zu bieten hatte. Großzügig und hell das Treppenhaus. Hoch allerdings auch. Und die Seminarräume der Uni sind erst ab Etage fünf aufwärts angesiedelt. Vier Fahrstühle für 30.000 Studenten. Schon lange habe ich es aufgegeben, mich anzustellen. Klaustrophobische Zustände, abartige Geruchsmischungen und minutenlanges Warten kann ich auch anderswo haben. Zu Fuß in den neunten Stock - und schon bereut man es nicht mehr, sich nie im Fitness-Studio angemeldet zu haben. Die Uni macht jetzt nicht mehr nur schlau, sondern auch fit.

Die Seminarräume selbst sind schmuck. Obwohl man die Tische und Stühle wiedererkennt, sehen sie geadelt aus. Als seien sie aus einer Vorher-Nachher-Show hervorgegangen, obwohl sie unverändert sind. Das macht das Licht. Statt kaum mehr durchsichtiger Doppelglasfenster und fetter, laut dröhnender Heizungen findet man jetzt feine Fensterfronten - ohne Heizungsbarriere. Was - zumindest für Politikvorlesungen (wer auch immer auf die Idee kam, eine Vorlesung in einem Seminarraum einzuplanen: ich hoffe, Sie schlafen schlecht) - den Nachteil hat, dass man noch mehr Stühle herumkramen muss. Oder auf den Anblick des Dozenten verzichtet (Weil man entweder auf einem viertel Quadratmeter am Fußboden klebt oder einen halben Flur weiter in der Reihe der Interessierten sitzt). Die Sicht auf Leipzig ist fantastisch. Auf der einen Seite das Zentralstadion, auf der anderen die Innenstadt. Und Fotofreunde klicken, was das Zeug hält.

Andere, alteingesessene DDR-Seminargebäude-Kenner (sprich Dozenten), freuen sich indes über ganz andere Sachen. “Luxus, purer Luxus” ruft eine Dozentin immer wieder aus und hält einen unbenutzten und blütengelben Schwamm in den Händen. Es stimmt immer wieder: Man kann mit manchen kleinen Sachen wirklich große Freude machen. Und alle sind eigentlich zufrieden.

Nur am Augustusplatz rümpft man die Nase. Ein Stück Heimat geht dahin. Aber nicht sang- und klanglos, sondern ordentlich Dreck verteilend. Jeden Morgen warte ich auf die Nachricht, dass es in diesem Jahr Leipzig ist, welches als erste Stadt in Deutschland die EU-Feinstaubgrenzwerte an mehr als 30 Tagen überschritten hat. Der Staubnebel ist dicht und von weitem sichtbar. Er knirscht in den Augen und zwingt jeden Passanten unbewusst, langsamer zu atmen. Und das alles für einen Glascampus, der vielleicht, unter günstigen Umständen und nur ohne weitere Pannen in fünf bis zehn Jahren fertig ist (Offizieller Termin ist immer noch das 900. Jubiläum der Unigründung 2009. Aber wer glaubt da noch dran?). Wir sind gespannt.

zitat der woche

April 11th, 2007

Zieh Dir lieber mal ein paar Socken an. Du verkühlst Dir sonst noch den Charakter.

Herr P.

medienschnipsel

April 8th, 2007

Seit dieser Woche krähen die Agenturen von den Dächern, was die Süddeutsche Zeitung schon am 22. März mutmaßte: Frank Plasbergs “Hart aber fair” kommt nun endlich doch in den Genuss einer ARD-Sendezeit. Mit dem WDR-Platz muss er aber auch die begehrte 20.15 Uhr Sendezeit aufgeben, jeden Mittwoch 21.45 Uhr talkt Plasberg dann mit seinen fünf Gästen - Harald Schmidt Fans müssen sich ab sofort den Donnerstag rot im Kalender anstreichen. Denn der Late-Night-Talker (sofern man die Drei-Minuten-Schäkereien Talk nennen kann) weicht dem ernsten Plasberg, kann sich dafür donnerstags doppelt so lange auslassen. 60 Minuten Harald Schmidt Show am Stück.

Aber das ist der ARD noch nicht Bäumchen-wechsle-Dich genug. Anne Wills freier Stehhocker bei den Tagesthemen wird von der NDR-Moderatorin Carmen Miosga (u.a. titel,thesen, temperamente; Kulturmagazin; ZAPP) besetzt. Das stößt in Medienkreisen mitunter auf Verwunderung, waren doch immerhin auch drei Tagesschau-Sprecherinnen beim Casting erschienen und fehlt Miosga bisher die Erfahrung im politischen Journalismus. Wer die alleinige Moderatorin von “titel, thesen, temperamente” indes ersetzt und durch wen dieser dann wieder ersetzt werden muss, ist noch nicht bekannt.

Die Frankfurter Rundschau versucht nach anhaltendem Auflagenschwund etwas ganz anderes: Ab Mai erscheint sie im Tabloid-Format. Damit ist sie nach der WELT kompakt, einer abgespeckten Version der großformatigen Welt, die nur in den Großstädten Hamburg, Berlin und Frankfurt zu haben ist, die zweite überregional erscheinende Qualitätszeitung in Deutschland, die diesen Schritt wagt. Allerdings wird es bei der FR nur noch das Tabloid- und nicht wie bei der Welt beide Formate am Kiosk geben.

Die Verdrängung der gedruckten Tageszeitungen durch journalistische Internetangebote scheint jetzt von einer US-Studie gestützt zu werden. Den Wissenschaftlern vom Poynter-Journalismus-Institut (Florida) zufolge lesen Webleser intensiver und konzentrierter am jeweiligen Artikel als die Rezipienten der Print-Ausgaben. Einer anderen Studie zufolge sagen die Chefredakteure für ihre Print-Produkte indes eine rosige Zukunft voraus. Der Kampf mit den Online-Medien und Gratiszeitungen sei angenommen worden.

Und wer dank Studenten-Abo auch die ZEIT Campus im Briefkasten findet, sollte bei der aktuellen Ausgabe besonders genau hinschauen. Im vierten Teil seiner Uni-Porträts hat sich das Magazin unsere Leipziger Alma Mater ausgeguckt. Da erfährt man, dass uns Interrimsstudieren nervt, dass alles geklaut wird und wir im Ranking der eingeholten Forschungsgelder nur auf Rang 40 liegen. Aber auch, dass uns eine Spiegel-Umfrage nach den Leistungen der Studierenden auf Rang drei (hinter München und Freiburg) auflistet. Auch auf der Internetpräsenz gibt es einen Artikel über Leipzig, allerdings über den Uni-Umbau. Sehr interessant indes auch der Praktikumsbericht des britischen Studenten Willem Marx, der im Irak im Auftrag des Militärs die dort ansässigen Medien manipulierte. Angestellt war er bei der Lincoln Group, die mit dem Bestechen von irakischen Formaten und der Produktion von Nachrichtenbeiträgen Millionen im Monat verdient.

danke rainer

April 6th, 2007

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen werde ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm
und ich kreise jahrtausendelang;
ich ich weiß noch nicht: Bin ich ein Falke, ein Sturm
oder bin ich ein großer Gesang.

[Rainer Maria Rilke]

die zeiten ändern sich

April 4th, 2007

Früher, da galt das Sächsische als edel. Da gab es eine Redewendung, die lautete: “Sie sprechen so, als ob Sie geborener Sachse wären.” Das werden Sie heute nicht mehr hören. Der sächsische gilt als unbeliebtester deutscher Dialekt.

Heute morgen im Mediensprache-Seminar.