0.35 Uhr, ARD. Welch beschämdender Sendeplatz für meinen Lieblingsfilm. Aber immerhin kam er überhaupt im Fernsehen. “Liebe mich, wenn Du Dich traust”. Ein französisches Märchen der Extraklasse. Die Deutschen würden wohl am ehesten sagen: Der Film erinnerte mich an die fabelhafte Welt der Amélie. Genau genommen erinnert er aber nur an den neuen französischen Film. Fiktion und Realität mischen sich bei dieser Reise durch zwei Leben, auf der ewigen Gratwanderung zwischen Glück und Verzweiflung.
Wir lernen Julien (Guillaume Canet) und Sophie (die wirklich bezaubernde Marion Cotillard) im zarten Grundschulalter kennen. Sophie Kowalski wird immer wieder von ihren Mitschülern gehänselt und gepiesackt. Juliens Mutter ist schwer krank und schenkt ihm eines Tages eine Spieldose. Und mit eben jener Dose fängt alles an.
Es ist zunächst ein Spiel unter Kindern. Die Dose wird zwischen beiden hin und her getauscht, doch nur, wenn die gestellte Aufgabe erfüllt wird. Beide landen regelmäßig beim Direktor, bekommen Schläge von den Eltern und drakonische Strafen. Schließlich werden die beiden sogar in verschiedene Klassen verbannt. Ihrem Spiel tut das keinen Abbruch. Es geht Jahre um Jahre. Auf einmal sind aus den Kindern Jugendliche geworden. Und aus der Freundschaft, wie sollte es anders sein, Liebe. Doch keiner der beiden will sich das so recht eingestehen. Als sie sich schließlich küssen, weiß keiner von beiden mehr, ob es Spiel oder Realität ist.
Der Kuss provoziert Streit, die richtigen Worte werden nicht gefunden und die beiden verlieren sich, bevor sie sich recht gefunden haben. Erlegen sich auf, sich ein Jahr lang nicht zu sehen, dann wieder nicht sehen, dann wieder nicht. Beide stolpern im Leben herum, suchen sich Partner und erwischen sich doch immer wieder beim Gedanken an den jeweils anderen. Doch immer wenn einer der beiden seine Gefühle gesteht, hört der andere nicht zu oder ist gerade dabei, dem anderen richtig wehzutun.
Und so heiraten sie. Julien eine unscheinbare Frau (und ist auch noch so dreist, Sophie als Trauzeugin einzuladen, die als Revanche dann fast die Hochzeit platzen lässt) und Sophie einen Fußballspieler, der es zum Star der Liga schafft. Zehn Jahre werden sie sich nicht sehen. Und halten sich an die Abmachung. Doch nach dieser langen Zeit des Wartens wissen sie, dass sie etwas ändern müssen.
“Wartest Du auf mich?”, ruft Julien der 20-jährigen Sophie nach.
“Lass Dich überraschen“, antwortet sie und beißt sich fest auf die Lippen.
Der Film erzählt aus Juliens Perspektive und doch ist es Sophies Verletzlichkeit, ihr innerer Schmerz, der sich einprägt. Cotillard lässt Sophie still und doch so offensichtlich leiden, dass man nicht glauben kann, dass niemand um sie herum es sonst bemerkt. Am Ende hat man zwei Lösungsvarianten für diese Liebe zur Verfügung. Realität und Fiktion sind nicht zu trennen. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, ob er die wahrscheinlichere oder die schönere Variante glauben will. Und er sieht den Abspann, hört “La vie en rose” in dem Wissen, dass es die eine, die wahre und unzerstörbare Liebe geben muss. Wie sonst soll ein Film sie so intensiv und heranrührend darstellen?
Es ist eine Liebesgeschichte, die zweifelsohne immer wieder an Romeo und Julia erinnert. Und doch ist sie noch tragischer. Weil sie nicht am Starrsinn einer Gesellschaft und zweier Familien scheiterte, sondern an der Unfähigkeit zweier Liebender im richtigen Moment das Richtige zu sagen und alles Spiel und alle Wunden der vergangenen Wochen, Monate und Jahre zu vergessen. Sie finden sich erst, als die Würfel für ihr Leben schon gefallen sind. Als ein Ausbruch kaum möglich ist…und sie wagen ihn doch. Der ewigen Liebe wegen. Ihre Unsterblichkeit konservierend. Und unseren Herzen- und Seelenfeuer nneue Nahrung und Hoffnung gebend. Man möchte nur noch eines in die Welt schreien: Liebe mich, wenn Du Dich traust!!!