December 30th, 2007
Nach einem guten Jahrhundert wissenschaftlicher Erkenntnis über das Alter des Lebens und das noch höhere der Erde glaubt mehr als die Hälfte unserer Nachbarn*, dass der gesamte Kosmos vor 6000 Jahren geschaffen worden sei - also tausend Jahre nachdem die Sumerer den Klebstoff erfunden hatten.
[sam harris]
Einerseits erschreckend.
Aber andererseits huldigen die Atheisten mit ihrem naturalistischen Weltbild trotz aller Vernunft einer Physik, nach deren Gesetzen eine Hummel nicht fliegen kann. Die es aber doch tut.
Und trotzdem erheben sie sich über all die religiösen Gläubigen dieser Welt, halten sich für die Erleuchteten und kreiieren damit quasi eine neue Religion. Mit den gleichen Regeln, nur anderen Postulaten. Die Religion ist an allem Übel Schuld sagen Glaubens-Gegner wie Harris oder Richard Dawkins und übersehen dabei, dass die Ungerechtigkeiten und Kriege, Folterungen und Todesurteile die Religion nur als Alibi vor sich hertrugen, damit die Mächtigen noch mächtiger, die Reichen noch reicher und die Geknechteten noch geknechteter würden. So wie heute die Sicherheit aller Individuen als Alibi vor sich hergeschleppt wird. Die Motive sind die gleichen, nur die Namen ändern sich.
Da wir es nicht besser wissen, müssen wir glauben. Die Hummel ist letztlich nicht der einzige Gegenbeweis gegen die Stimmigkeit der Wissenschaften…
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*Sam Harris ist Amerikaner und meint mit "Nachbarn" seine Landsleute
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December 27th, 2007
Fünf Orte auf der Welt: Venedig, die Wüste in Arizona und Nevada, Jamaika, ein winterliches Island und eine Provinzstadt in Brandenburg. Sie scheinen nichts gemeinsam zu haben. Doch an jedem der fünf Orte haben sich Anfang 30-Jährige eingefunden. Sie suchen die Liebe und mit ihr das Glück und finden doch nur "Nichts als Gespenster". Das Roadmovie von Martin Gypkens mit dem großartigen Stipe Erceg erzählt von der Sehnsucht. Und davon, wie die Hoffnung, beim Reisen das Unglück in Glück zu tauschen, immer wieder zu scheitern scheint.
Sie alle sind auf der Reise und sie alle sind unglücklich.
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December 24th, 2007
Selbst wenn es nicht schneit
sollt ihr fröhlich verweilen
euch mit Geschenke einpacken wahrlich beeilen
heute ist es soweit
Endlich reicht die Zeit mal
um all die Dinge zu tun
die viel zu lang liegen blieben
Durchatmen und Lachen
Probieren und Ausruh'n
einfach zusammen sein mit den Lieben
Ich wünsch euch Geschenke,
die euch überraschen
neue Rationen zum Naschen
und wenig Streit und Gezänke
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December 23rd, 2007
Noch ist es um uns so eingerichtet, daß es den meisten Menschen gelingt, ihre Existenz (um ein Wort von Thomas Bernhard zu benutzen) als eine perfekte Ablenkung von ihrer Existenz zu führen.
[botho strauß]
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December 23rd, 2007
Über Nacht kam der Winter. Er zog die Welt in Puderzucker, nur einen kleinen Hauch Schnee überall. Eine Einheitlichkeit suggerierend, aber nur bis zum Mittag. Statt Nebelbergen, die kein Photon Sonnenlicht durchlassen, gab es mal wieder Himmel zu sehen. Der Kontrast erweißter Bäume zu eisblauem Hintergrund steht ihm wirklich gut, dem Winter.
Ich hab ihn trotzdem nicht erkannt. Fast hätt ich ihn vergessen. In der längsten Nacht wenig geschlafen, aber dann der Welt beim Samstagsein zugesehen. Entlang der Bahnstrecke Weiß bis zum Horizont. Es ist, als lebte hier niemand. Hundert Kilometer Ödnis zwischen Leipzig und Weimar. Das Wasser, das seit Wochen auf den Feldern stand, liegt jetzt in glitzerndem Eis. Und niemand kommt, um sich über die fertige Rutschbahn zu freuen. Keine bunten Anoraktupfen weit und breit. Nur direkt neben unserem Gleis das matte Grün des Vergangenen-Sommer-Rasens. Während wir mit 180 Stundenkilometern immer neben dem Mattgrün entlang rasen, scheinen selbst die Städte, die unseren Weg säumen, ganz unbewegt. Der Moment, den man mit dem flüchtigen Blick des Rücken-vornweg-Reisenden festhalten kann, lässt keine Bewegungen zu.
Ich hab ihn fast nicht erkannt, den Winter. Dabei hat er sich so forsch angekündigt. Alles geht ein bisschen langsamer. Sogar die hektische Raserei in den Einkaufspassagen. Haben etwa wirklich alle Deutschen schon alle Weihnachtsbaum-Rundum-Dekorationen besorgt? Scheint so. Die Sonne scheint auch. "Es ist ja Winteranfang. Gar nicht das passende Wetter dazu", sagt Jemand. "Könnte auch regnen und zehn Grad wärmer sein", die Antwort.
Für Heiligabend soll es wieder Nebelberge geben. Der Wunsch nach weißer Weihnacht war Petrus dann wohl doch zu unpräzise.
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December 18th, 2007
grün, ans Gemeinwohl denkend, über den eigenen Tellerrand hinaussehend.
Das sind die Leipziger Studenten wohl nicht. Zumindest, wenn man sich die aktuellen Ergebnisse der Urabstimmung zum Semesterticket anschaut. Bisher kann das Ticket, das die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel der LVB ermöglicht, fakultativ erworben werden und ist dementsprechend preisintensiv. In Zukunft soll es noch um einiges teurer werden. Deswegen verhandelten Studentenwerk und Mitteldeutscher Verkehrsverbund (MDV) eine Alternative aus. Dieses Ticket hätte neben der Nutzung der Leipziger Verkehrsmittel auch den Nahverkehr der Deutschen Bahn sowie anderer Netze anderer Verkehrsbetriebe, die dem MDV-Verbund angehören, eineschlossen.
Haken: Alle Studenten hätten das Ticket kaufen müssen. So, wie das an so ziemlich jeder Universität ist, von der ich bisher gehört habe. Alle zahlen, alle fahren. Ob sie's nun machen oder nicht. Das Prinzip Solidarität und Gerechtigkeit, auf dem letztlich auch unser bundesdeutsches Sozialsicherungssystem fußt (fußen sollte). In einer Urabstimmung wurde das neue Ticket jetzt abgelehnt.
Für die Studenten, die nicht in Uninähe wohnen oder an den verschiedensten Instituten (die ja, dank Campus-Neubau überall verstreut sind) studiert, muss jetzt entweder die teurere LVB-Alternative nutzen (so das Studentenwerk sich darauf einlässt) oder gar das noch teurere Azubi-Abo in Anspruch nehmen, das die LVB regulär anbietet. Jeder ist sich eben selbst der Nächste.
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December 18th, 2007
Wer niemanden hat, der ihm was schenkt. Oder wer schon immer mal etwas Besonderes finden sollte. Wer noch nicht weiß, womit er seine Ferienzeit ausfüllen will, der soll sich sein Buch suchen.
In Leipzig geht das ganz gut, da schicken die Bookcrossing-Fans fast jeden Tag Bücher auf die Reise. In der Hoffnung, dass sie von leseaffinen Buchjägern gefunden werden.
In Thüringen geht das überhaupt nicht auf. In den vergangenen vier Tagen wurde hier auf keinen Fall kein Buch freigelassen. Weimar ist ein freie Bücher freier Ort. Das muss doch geändert werden, oder? Die Stadt der Dichter und Denker ohne liebevoll versteckte Bücher? Ich werde die Sache nächstes Jahr wohl mal in Angriff nehmen.
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December 12th, 2007
Es ist leichter, jemanden zu lieben,
den man nicht erreichen kann,
als jemanden, dem man nicht entkommen kann.
[jostein gaarder]
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December 10th, 2007
Von Hollywood lernen. Nicht gerade eine übliche Empfehlung. Vor allem, wenn es um die Adaption eines Klassikers, einer Shakespear'schen Komödie, geht. Für "Der Widerspenstigen Zähmung ist das dann aber doch nicht die schlechteste Idee. Vor allem, wenn man, wie die Neue Szene des Schauspiels Leipzig, die junge Generation ansprechen will.
Die Geschichte von der fauchigen Katharina, für die ein Mann gefunden werden muss, bevor die jüngere, beliebte aber profillose Schwester Bianca ausgehen darf, wird in "10 Dinge, die ich an Dir hasse" perfekt in die us-amerikanische Collegewelt übertragen. Die Shakespear'sche Sprache macht einer neuen, modernen Platz.
Dass das bei Weitem spagatfreier funktioniert als der Heute-Transport in alter Sprache bewies einmal mehr die Aufführung des Stücks "Die Zähmung der Widerspenstigen" in der Neuen Szene. In einer Wildwestkulisse war allenthalben von Padua und Venedig die Rede, obwohl das Umfeld nicht einmal im Ansatz Italienisch aussah. Die Cowboyhüte muteten in diesem Zusammenhang ebenso fremd an, wie der Saloon, der die Kulisse für das Schauspiel bildete. Obwohl die Figuren des Stücks häufig durchaus in Wildwestmanier posierten. Prahlten sie doch das Blaue vom Himmel und versuchten den anderen möglichst findig und unauffällig über den Tisch zu ziehen und finanziell zu erleichtern.
Hierzu passen Bühnenbild und Aufzug der Schauspieler. Die Shakespear'schen Verse werden oft genug auch angenehm vom Staub der Jahrhunderte befreit. Die Loslösung vom Original wurde also, zumindest in Ansätzen, gewagt. Warum aber nicht auch die Anpassung des Handlungsort, um die Augen-Ohr-Schere für das Publikum zu verkleinern? Was ist schlimmer, als auseinandergehende Eindrücke verschiedener Sinnesorgane? Und der Wilde Westen ist nun mal USA und nicht mal ein bisschen Italien. Regisseurin Uta Koschel sah das offensichtlich anders.
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December 6th, 2007
„Nur ein toter Fisch schwimmt mit dem Strom“, schrieben wir im Grundschulalter in fremde Poesiealben, auf Heftränder und Schulbänke. Was waren wir naiv! Heute wissen wir: Ein Radfahrer fährt niemals mit dem Wind. Das ist jetzt kein Revoluzzerwunsch für die Zukunft, sondern bittere Realität.
Ob auf dem Weg zur Uni oder nach Hause, zu Freunden, zum Sport oder ins Kino. Eingefleischte Radfahrer werden mir zustimmen: Der Wind kommt immer von vorn. Radneulinge in Leipzig machen häufig den Anfängerfehler, sich beim beschwerlichen Hinweg gegen orkanartigen Wind auf die turboschnelle Rückfahrt mit selbigem als Antrieb zu freuen. Sie werden immer bitter enttäuscht. Denn auf genau der gleichen Strecke hat es sich der Wind binnen weniger Stunden, ach was sag ich: Minuten, anders überlegt und bläst nun mit Vollgas in die Richtung, aus der wir kommen.
Es ist, als habe jeder Radfahrer seinen persönlichen Privatwind, der seinerseits Revoluzzer ist, weil: immer dagegen. Warum gibt es ihn denn überhaupt? Manche munkeln, es sei der „Wind of change“, der sich in Leipzig niedergelassen hat, nachdem er hier Ende der 80er Jahre seine größten Erfolge feierte. Doch die Meteorologen wissen es besser: Das Mikroklima ist Schuld. Oder eben die Stadtplaner jetziger und vergangener Zeiten. Denn die Leipziger Hochhausalleen holen die Winde aus ihrer Höhe auf die unsrige, wo sie sich munter miteinander vermischen und verwirbeln. Einfach gesagt: Sie wechseln ständig ihre Richtung. Und kommen uns deshalb, gefühlt, ständig entgegen. Genau genommen also doch ein „Wind of change“.
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