unglücksglück

February 28th, 2008

Eine Urlesung. Nicht am Handlungsort Marienbad, sondern in Weimar, der Wahlheimat des Protagonisten aus Martin Walsers neuem Roman "Ein liebender Mann", dem Dicherfürsten Goethe höchstselbst. Die Vorredner geben sich die Klinke in die Hand. Einer von ihnen, Ijoma Mangold, wird den Abend moderieren. Er ist Feuilletonredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und erörtert, was Goethe zu einem Walserschen Helden macht. Schließlich sei Goethe ein Optimist gewesen, der das Leben von allen seinen Seiten gesehen hat. Doch Walser zeigt ihn leidend. So, wie er seine Protagonisten für gewöhnlich zu zeigen pflege.

Vierundsiebzigjährig verliebt er sich in die neunzehnjährige Ulrike von Levetzow. Und er leidet. Schwankt zwischen der Möglichkeit und der Unmöglichkeit hin und her, will sie sogar heiraten. Als der Plan misslingt, schreibt er seinen Schmerz noch auf dem Weg nach Weimar nieder - in der Marienbader Elegie - die Walser in sein Buch einzubetten weiß. Mangold nennt diesen "geglückten Versuch" eine "Gedichtverfilmung", wie immer das bei einem Buch auch gehen mag. Aber die rund zweihundert, größtenteils geladenen, Zuschauer dürfen sich selbst davon überzeugen. Walser liest.

Er präsentiert uns einen munteren und humorvollen Goethe. Einen, der sich seines Alters stets bewusst ist, der im Kopf immer wieder das gleiche Rechenspiel vornimmt: 74 - 19 = 55. 55 Jahre liegen zwischen ihm und Ulrike, fast ein ganzes Leben. Und doch ist er verliebt wie ein junger Hund und redet bisweilen mit sich selbst (wobei er jeden klugen Gedanken mit einem "schreib es auf" quittiert). Walser erzählt amüsant und kurzweilig, erspinnt Dialoge zwischen den beiden und begleitet sie auf die Verlobungsfeier von Goethes Arzt. Dieser wird immerhin eine 30 Jahre jüngere Frau ehelichen, wie Goethe erfreut feststellt. Seinetwegen solle es eine "Verlobungsepedemie" geben, damit die 55 Jahre nicht mehr gar so mächtig erscheinen mögen. Natürlich ist es ein Roman, Walser legt allen Beteiligten eine Menge Sätze in den Mund, spricht Goethe Gefühle, Humor und eine mächtige Portion Eitelkeit zu und doch kann man sich diese Eigenschaften gut am alternden Goethe vorstellen. Sie passen ins bisherige Bild.

Walser spricht allerdings immer von "seinem Goethe", der mit dem "echten Goethe" nicht zwingend viel zu tun haben müsse. Er erfüllt einen Teil von Goethes Leben mit selbigem, von dem wir sehr wenig wissen. Schreibt die Liebesbriefe neu, die Ulrike von Levetzow kurz vor ihrem Tod verbrennen und bei sich begraben ließ. Und mogelt sich gleichzeitig um das Problem der biographischen Wahrheitstreue herum, so, wie es der Roman wohl immer tut. Das Thema, die Liebe bei großem Altersunterschied, ist in Walsers Werk nicht neu. Auch "Brandung" erzählt davon - oder auch der "Lebenslauf der Liebe". Nur diesmal eben "nach einer wahren Geschichte" wie es so gern heißt. Und zwar von niemand geringerem als dem deutschen Literaturklassiker. Immer wieder spricht Walser an diesem Abend von der Befreiung, die das Schreiben ist - er legt es auch seinem Protagonisten in den Mund. Der Schmerz, den wir alle kennen und den Goethe in Walsers Roman durchlebt, könne man nicht überwinden. Auch nicht durch das Schreiben, wie es der "wahre Goethe" einmal zu sagen pflegte. Das Schreiben vermöge nur, aus dem Schmerz etwas Schönes zu machen. Wenn man es schafft, ihn in Worte zu fassen, in Verse zu pressen, dann tut er für kurze Zeit weniger weh. Und danach müsse man eben wieder schreiben. Der Schmerz sei nichts Negatives, er gehöre zum Leben: "Wer glaubt, dass das Leben nur das Eine ist - Glück oder Unglück - der hat noch nicht richtig hingeschaut, nicht richtig hingefühlt. Es gibt nur beides, nämlich Unglücksglück", sagt der 80-jährige Literat und lächelt.

kurzfreude

February 25th, 2008

Die bezaubernde Marion Cotillard (geliebt für die Sophie in "Jeux d'enfants") gewinnt den Oscar für ihre Version von Edith Piaf ("La vie en rose"). Und das ohrwurmverdächte "Falling slowly" (live performed im Kodak Theatre, via youtube) aus "Once" wird bester Song. Das sind ausnahmsweise auch mal Oscar-Entscheidungen nach meinem Geschmack…

unsere erde.der film

February 22nd, 2008

2030 könnten die Eisbären aus der Arktis komplett verschwunden sein, prophezeit der Dokumentarfilm "Unsere Erde. Der Film" im Abspann. Wenn sich nichts ändert. An unserem Klimabewusstsein, aber auch an der nicht zu unterschätzenden Eisbärenjagd. Welcher Fakt jetzt auch schwerer wiegt, der Film zeigt einen Eisbären, der verhungert. Weil nach seinem Winterschlaf das Eis zu schnell schmilzt, um genügend Robben zu jagen.

Alastair Fothergill (bekannt durch die Unterwasserdoku Deep Blue) und Co-Regisseur Mark Linfield erzählen auch zahlreiche andere Geschichten um Leben und Tod. Nicht alle Schicksale sind explizit an den Klimawandel gekoppelt. 99 Minuten lang beobachten wir den ewigen Kampf zwischen Jäger und Gekagtem. Sehen die Jahreszeiten an den unterschiedlichsten Orten der Welt vergehen. Wir begleiten die Kraniche, die jedes Jahr das höchste Gebirge der Welt, den Himalaya, in einem wahren Kraftakt überqueren, um ihr Winterquartier zu erreichen. Oder folgen einer Buckelwalkuh und ihrem Jungen über und unter Wasser auf der 6000 Kilometer langen Reise von den tropischen, aber nahrungsarmen Gewässern bis zur krillreichen Antarktis. Bis Mutter und Kind angekommen sind, wird sie fünf Monate nichts gefressen, die Hälfte ihres Gewichtes verloren und ihre Junges täglich mit fast 600 Liter Milch versorgt haben.

Auch Elefanten, Paradiesvögel und Luchse kreuzen unseren Weg. Ebenso ein sehr viel bedrohlicher wirkender Weißer Hai, als im gleichnamigen Film und ein Gepard. Beide jagen ihre Beute und werden von den Regisseuren auf Zeitlupe gebremst. Die sekundenlange Jagd der jungen Gazelle weitet sich zu Minuten, musikalisch unterlegt erscheint es fast ein Tanz zu sein - oder zumindest ein Spiel. Bid das Opfer strauchelt, sich vor Geschwindigkeit fast überschlägt und dann eingeholt wird. "Unsere Erde. Der Film" kehrt die Geschwindigkeiten um. Die blitzschnelle Jagd dehnt er aus, die wochen- und monatelangen Wachstumsphasen in einem Wald rafft er zu Sekunden zusammen. Immer, um die Schönheit des Ganzen, die Perfektion dieser Natur, darzustellen.

Es mag abgedroschen klingen, aber die Bilder sind faszinierend. 40 Kamerateams haben an 200 Orten der Welt die alltäglichen Wunder des Lebens eingefangen, das in seiner facettenreichen Form nur möglich war, weil ein zufällig vorbeifliegender Meteorit vor Millionen von Jahren unserer Erde die richtige Schieflage verpasste.

1000 Stunden Material hat Fothergill in fünf Jahren Produktionsarbeit zu einer Hommage an unseren Planeten verschmolzen. Nicht, ohne am Ende den Appell anzubringen, ohne den aktuell keine Naturdokumentation auskommt: Rettet diesen unseren Lebensraum! Jedes Fitzelchen Leben ist es wert.

Als das Licht angeht, kann ich in viele bewegte Gesichter sehen. Auf mancher Wange trocknen die Tränen, einige Köpfe sind zwischen Händen vergraben. In diesen Gesichtern spiegelt sich die Erkenntnis, dass wie diese unglaubliche Schönheit verlieren können, gepaart mit der Verzweiflung und Hilflosigkeit des Einzelnen. Der Gewissheit, dass es vor allem an den Mächtigen liegt, sich am Riemen zu reißen, nur einmal kurz nicht an Machtausbau und Mammon zu denken und nur einmal an einem Strang zu ziehen. Das Thema Klima hat in der Politik zwar Hochkonjunktur, aber ebenso die Tendenz, sich nur scheinbare Ziele zu setzen, um das Volk ruhig zu halten. Es bleibt nur zu hoffen, dass auch sie einmal solche beeindruckenden Filme sehen, wie "Unsere Erde. Der Film" einer ist. 

once

February 20th, 2008

"Wie oft trifft man die Liebe seines Lebens?", fragt der Flyer zum Film. ONCE ist die Antwort. Ein einziges Mal. So geht es auch dem namenlosen Paar (Glena Hansard und Markéta Irglová), das sich in den Straßen Dublins kennenlernt. Sie haben viel gemeinsam: Sie verdienen das meiste ihres Geldes auf der Straße, sie knabbern immer noch an ihren gescheiterten Beziehungen und sie sind hochmusikalisch.

Sie singen einander Lieder vor, die sie für andere schrieben, die sie immer noch anderen widmen und verlieben sich doch ineinander. Ohne es eine Sekunde auszuleben oder es auch nur auszusprechen. Stattdessen erfüllen sie einander die größten Wünsche. Sie machen zusammen Musik, nehmen für ihn professionell ein Album auf, damit er den Durchbruch im benachbarten Großbritannien schaffen kann. Vom restlichen Geld kauft er der Tschechin, die mit Tochter und Mutter nach Dublin kam und finanziell gerade so über die Runden kommt, ein Klavier.

Dann wenden sie sich den Partnern ihrer Vergangenheit zu. Ihr Mann kommt nach Dublin, er meldet sich wieder bei seiner großen Liebe in London. ONCE erzählt die Geschichte von der größten aller Lieben, der unerfüllten. Weil nur sie allen Träumen und Wünschen standhält, weil sie nie entzaubert wird, weil sie nicht scheitern kann.

Regisseur John Carney, der mit Hansard in der Band THE FRAMES spielt, landete einen Überraschungserfolg. Nicht nur auf dem Sundance-Festival 2007, wo die Low-Budget-Produktion den Publikumspreis einsackte. In nur zwei Wochen drehte er einen Film, der neben der Liebesgeschichte auch etwas über das Dublin erzählt, in dem sie spielt. Wer das Happy-End im Film vermisst, dem sei gesagt, dass es dafür im echten Leben für ein gemeinsames Leben von Hansard und Irglová gereicht hat.

Und das tragende Element des Films, die Musik - übrigens von den Darstellern selbst komponiert - zaubert auch aus der heimischen Stereoanlage eine romantische Atmosphäre. Eine Musik, die ohne viele Kinkerlitzchen auskommt, mit einfachen, aber eingängigen Melodien und die vielleicht gerade deshalb mit jedem Hören immer schöner wird. Mein Favorit: Leave. Noch eine Möglichkeit zum Happy-End: "Falling slowly", der Titelsong des Films ist für den Filmmusik-Oscar nominiert. 

das orangenmädchen

February 10th, 2008

Erzähl mir bloß nicht, die Natur sei kein Wunder. Erzähl mir bloß nicht, die Welt sei kein Märchen. Wer das nicht eingesehen hat, wird es vielleicht erst begreifen, wenn das Märchen sich bereits seinem Ende nähert. Denn dann bekommen wir eine letzte Möglichkeit, uns die Scheuklappen abzureißen, eine letzte Möglichkeit, uns diesem Wunder hinzugeben, von dem wir nun Abschied nehmen und das wir verlassen müssen.
Niemand hat sich jemals unter Tränen von Euklids Geometrie oder dem periodischen System der Atome verabschiedet. Niemand zerdrückt ein Tränchen, weil er von Internet oder dem Einmaleins getrennt wird. Es ist eine Welt, von der wir uns verabschieden, es ist das Leben, es sind Märchen und Abenteuer. Und dann müssen wir uns außerdem von einer kleinen Anzahl an Menschen verabschieden, die wir wirklich lieben.

[jostein gaarder: das orangenmädchen]

Was tut man, wenn sich plötzlich jemand an Dich wendet, der seit elf Jahren tot ist? An den man genau genommen keine Erinnerung hat, ohne den man den größten Teil seines Lebens verbracht hat und der einem das in einem Brief genau genommen in jeder zweiten Zeile vorwirft? Genau das passiert dem 15-jährigen Georg, als er einen dicken Brief von seinem lange verstorbenen Vater Jan-Olav erhält. Jahrelang klemmte er in Georgs rotem Kinderwagen, jetzt erst wurde er gefunden. Read the rest of this entry »

lebenstheater

February 6th, 2008

  

Es fließen ineinander Traum und Wachen, Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends. Wir wissen nichts von anderen, nichts von uns. Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug.

[a. schnitzler] 

bildungsfern macht beleibt

February 6th, 2008

Die Deutschen sind zu dick! Ein Blick in den Spiegel oder den halbwegs gefüllten Plenarsaal hätte gereicht, aber Verbraucherschutzminister Horst Seehofer wollte es wieder ganz genau wissen. Zwei von drei Männern und jede zweite Frau belasten ihre Couch mit zu vielen Pfunden. Und die erste deutsche Verzehrstudie (ja, die vom Seehofer) weiß noch mehr: Siebzig Prozent der Hauptschulabgänger sind übergewichtig, bei den abiturgeschmückten Bundesbürgern ist es nur die Hälfte.

Das Übergewicht ist also auch nur eine Folge. So wie hohe Arbeitslosenzahlen, PISA-Schlappen, Jugendkriminalität, vernachlässigte Kinder, die BILD-Zeitung, US-amerikanische Präsidenten und das Dschungelcamp. Die Ursache hingegen ist immer die Gleiche: fehlende Bildung.

"Fit statt Fett" (Verzeihung, natürlich "Initiative Gesunde Ernährung und Bewegung"), eine Initiative des Gesundheitsministeriums aus dem vergangenen Jahr, ist der völlig falsche Ansatz. Denn: doof macht dick, Verzeihung, bildungsfern macht beleibt.

Immerhin haben wir in Europa mal wieder einen Spitzenrang ergattert. Seit knapp einem Jahr sind wir die dicksten Europäer und haben uns an den Briten vorbei gezwängt. Oder haben sie uns vorbei wackeln lassen? In Großbritannien kann man ab sofort bei Mc Donald's sein Abitur nachmachen*. Vorerst nur als Mitarbeiter.

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*Endlich packen die das gewichtige Bildungsproblem an. Immerhin glauben laut einer Umfrage des Fernsehsender UKTV 20% der jungen Briten, Winston Churchill habe nie gelebt. 60% halten Sherlock Holmes dafür für einen überaus realen Zeitgenossen.
Die WELT mahnt uns aber, nicht zu lästern. Einige deutsche Jugendliche glauben, Walter Ulbricht war ein oppositioneller Liedermacher. 

my blueberry nights

February 5th, 2008

"Heute hätte ich lernen können, wie man niemandem mehr vertrauen kann. Ich bin froh, dass ich versagt habe", schreibt Elizabeth (Norah Jones in ihrem Kinodebut) an Jeremy (Jude Law). Sie ist in Las Vegas und seit fast einem Jahr in den Vereinigten Staaten unterwegs. Jeremy ist der Besitzer des kleinen Cafés "Klutsch" in Coney Island. Bei ihm hat sie Ohr und Rat gesucht, als sie von ihrer Liebe sitzen gelassen wurde. Er hat ihr Blaubeerkuchen serviert und ihr viele Schlüssel gezeigt. Jeder von ihnen die Geschichte einer zerbrochenen Beziehung, inklusive seiner eigenen.

Nach einigen Blaubeerkuchen fährt sie einfach davon. Versucht der Ausweglosigkeit und der Schlaflosigkeit zu entkommen, versucht einfach etwas anderes zu tun. "Eine neue Elizabeth" zu werden. Der Film spielt in anderen Cafés, in Memphis und Nevada. Und macht Elizabeth zur Beobachterin anderer Liebesgeschichten. Da ist Arnie (David Strathairn), der ihr jeden Abend versichert, dass das der letzte Abend sei, an dem er trinke. Und der nicht akzeptieren kann, dass sein Frau schon lange nicht mehr seine Frau ist. Und Lesley (Natalie Portman), die Pokerspielerin, die glaubt alle zu durchschauen. Und die alle Liebe zurückweist, sogar die ihres eigenen Vaters - bis es zu spät ist.

Wong Kar-Wai, der Regisseur aus Hongkong, drehte erstmals mit Hollywoodstars. Er schrieb auch die Geschichte vom "längsten Weg über die Straße.Er ist gar nicht so schwer, wenn nur jemand auf der anderen Seite auf Dich wartet" (Elizabeth). Er erzählt seine Geschichte mit dem Auge. Spielt mit Schärfe und Unschärfe und da sind immer wieder die Totalen auf Norah Jones aus ungewöhnlichen Winkeln. Wie sie da liegt, schlafend auf der Theke im Klutsch, einen Rest Eis an den Lippen. Da scheint das ganze Wesen der Elizabeth sichtbar zu werden. Die Ruhe, die Verletzlichkeit und die Perfektion des Moments, den sie nicht erkennt. Ein Jahr braucht sie, um dahin zu kommen, wo ihre Zukunft liegt: An den Ort, von dem sie losgefahren ist. Aber sie ist eine andere Elizabeth geworden. Weil sie anderen beim Leben zusah und sich schließlich selbst für das Leben entschied.