flüsterstadt

August 28th, 2008

Der Hund am anderen Ende der Leine schnuppert hier und da ein wenig, läuft aber bei Fuß. Obwohl die Leine durchhängt. Die Stadt ist angenehm leer. Sie riecht nicht mehr nach Stress und Getümmel. Die Touristengruppen sind schon lang in Gasthaus und Hotel verschwunden, Autos suchen kaum noch einen Weg durch den verwinkelteren Teil der Stadt. Das lauteste Geräusch ist das Knacken der Kieselsteine unter unseren sechs Füßen.

Die alten DDR-Laternen versprühen warmes, leicht oranges Licht. Noch nicht ganz dunkel. Die Sommerbrise ist noch wach und weht uns sachte um die Ohren. Ich fühle mich kurz wie im Film. Den Soundtrack dazu habe ich dank Ohrstöpseln gleich mitgeliefert. Wir bleiben eine Weile unter einem Baum stehen und schauen nur. Atmen. Mit nur halbgeöffneten Augen. Da sein. Überall Häuser, Straßen, Beete. Von Menschen Geschaffenes. Aber eben ohne Menschen. Langsam taumeln wir zurück. Eilig haben wir es nicht. Die Leine hängt immer noch durch. Einfach ein Spaziergang für die Seelen.

Endlich wieder ein Abend, der das Präfix Sommer verdient. 

Was für ein Glück! 

generalamnestie

August 25th, 2008

Jetzt hängt sie wieder in der Luft und den meisten schon zu den Ohren raus: Die ewige Diskussion um leistungssteigernde Mittel im Leistungssteigerungssport. 43 Weltrekorde wurden während 16 Tage Olympischer Spiele gebrochen, davon allein 25 im Schwimmsport. Das Erklärungsvokabular wird immer schwammiger und immer weiter hergeholt: Ausnahmetalente, nahtlose Anzüge, breitere Becken, neue Trainingsmethoden. Doch immer schwingt es mit. Wie ein Flüstern zwischen zwei Armzügen mahnt das Halbwissen schlau: Natürlich ist das alles nicht mehr natürlich!

Doch niemand hat das Interesse oder das Rückgrat alle Karten auf den Tisch zu legen, den Leistungssport an sich an den Pranger zu stellen - auch das Publikum, das Extreme liebt und immer neue Top-Leistungen erwartet, trägt sein Päckchen daran. Wie viele Athleten wirklich sauber sind und wie viele nicht, das weiß niemand. Da fällt es leichter, den Generalverdacht im Herzen herumzuschleppen. Und als Sportreporter allenfalls vage anzudeuten, was nach jedem neuen Dopingfall immer wahrscheinlicher ist - dazwischen immer wieder all die samtweichen externen Erklärungen.

Die Beweggründe der Sportjournalisten sind zu verstehen. Gibt es den Sport nicht mehr, den sie nicht nur aus Berufswegen lieben, dann müssten sie sich einen neuen Job suchen. Aber warum immer wieder das Betroffenheitsgesicht aufsetzen, wenn ein Dopingfall bekannt wird? Warum immer wieder die große Panik schieben, obwohl es ja passieren muss, solange sich die Kontrollmethoden - und vor allem die Leistungsmentalität - nicht grundlegend ändern?!

Und warum setzt sich eine fachfremde Thea Dorn (weil Krimi-Autorin, nicht Sportwissenschaftler) zum "kulturzeit"-Interview zurecht und proklamiert zum Tausendsten Mal den Vorschlag, Doping solle legalisiert werden? Man käme nie vollständig dagegen an, warum dann kämpfen?

Warum mühen sich die Richter und Justizbeamten jeden Tag noch ab? Diebstahl, Betrug und Mord - wie hoch die Strafen auch sind, sie sind niemals abschreckend genug. Jeder glaubt, das kleine unentdeckbare Lügentürchen gefunden zu haben. Nie werden wir bei allen den Hang zur Straftat ausrotten? Warum weiter versuchen? Generalamnestie! Mord legalisieren! Dann sind aber auch die Krimiautoren arbeitslos. Die guten Geschichten des Alltags müssen nämlich die ehemaligen Sportjournalisten nur noch aufschreiben.

dankbare monarchen

August 24th, 2008

"Wir sind wieder da! So viele Leute haben gesagt, Die Prinzen hätten nichts mehr auf der Pfanne, aber hey! Wir haben so eine tolle Platte gemacht", sagt Sebastian Krumbiegel mit trotzigem Unterton. Sie sind wieder da. Die Prinzen spielten am Samstag auf dem Oßmannstedter Sportplatz zu Gunsten der Restaurierung der dortigen Witzmannorgel.

Das erste Konzert nach langer Pause - und vor allem erstmals wieder mit neuem Song im Gepäck. "Frauen sind die neuen Männer" erscheint am 5. September und klang beim ersten Live-Hören ganz nett. Der Text ist originell, aber leider konnten sich die Prinzen immer noch nicht von der Allerwelts-Pop-Schiene lossagen. Dabei war die Abkehr vom A-cappella in den 90'ern und die Produktion von Spaßliedern aus der Feder Stefan Raabs ("Alles mit'm Mund", "Heute ha-ha-habe ich Geburtstag") der Fehler der Prinzen und hat denen Munition geliefert, die den Prinzen nichts mehr zutrauten.

Spaßpop konnte in den 90'ern jeder. Ein paar schnelle Erfolge, dann nichts mehr. Der Aufstieg der "Wise Guys" bewies: A-Capella mit cleveren Texten zieht. Ob eine Rückkehr der Prinzen zu ihren Wurzeln erfolgreich wäre, ist nicht zu sagen. Einen Versuch ist es bei den zunehmend intelligenten und verspielten Texten der vergangenen Jahre allemal wert.

Beim knapp 110-minütigen Konzert in Oßmannstedt wurden Die Prinzen von den knapp 2500 Besuchern für das gefeiert, was sie am besten können: Schön arrangierte, mehrstimmige Sätze mit eingängigen Melodien singen. Bejubelt wurden sie vor allem für "Mann im Mond" und "Küssen verboten", für "Mein Fahrrad" und "Ganz oben". Und nicht nur ich habe die Nase gerümpft, als "Alles nur geklaut" durch ein lautes E-Gitarren-Riff aufgehübscht wurde oder "Mein bester Freund" plötzlich als angepunktes Kampflied daher kam.

Nach einem holprigen Start lieferten die fünf Leipziger trotzdem eine gute Show. Sebastian Krumbiegel sprang wie gewohnt hyperaktiv über die Bühne und Tobias Künzel verpasste vor Lachen mehrfach seinen Einsatz. Sie wollen zurück - auf die Bühne und in die Charts. Das war ihnen anzumerken. Vor allem einem Sebastian Krumbiegel, der sich überschwänglich bedankte. Fürs Mitsingen, fürs Dasein. Fürs Die-Prinzen-immer-noch-hören-wollen. Vielleicht hatten sie den Glauben an sich selbst und ihre Zeit selbst bereits begraben. Die nächsten Konzerte von Bonn (30.08.) bis Dessau (28.09.) werden zeigen, wieviel sie noch auf der Pfanne haben. Und natürlich die Verkäufe der neuen Single und des folgenden Albums "Die neuen Männer". 
___________________________________
Alle Tourdaten und Infos auf der Prinzen-Homepage

geschichte wiederholt sich

August 22nd, 2008

Während sich der schwankende Hegemon USA und sein kleinlautes NATO-Gefolge mit den aufbegehrenden Russen um den größeren diplomatischen Affront rund um den Kaukasus duelliert, stehen sich Abkömmlinge beider Nationen gegenüber - getrennt durch ein 2,43 Meter hohes Netz. Der Hegemonanwärter im autokratischen Anzug hat ins rote Land der Mitte geladen - und alle sind nach Beijing gekommen.

Die unpolitischen Olympischen Spiele halten immer wieder Wettkämpfe zwischen Nationen bereit, die sich außerhalb des Sports nicht mögen - oft sogar mehr als das. Diesmal hat der Sportgott die Russen und die US-Amerikaner ins Halbfinale des Volleyballturniers gewürfelt. Die Giganten des Kalten Krieges sind in dieser Sportart ebenfalls Großmächte. Der Kommentator schießt sich ein, mit dem üblichen Sportvokabular. Eine Militärphrase nach der anderen: "Von solchen Angriffen lassen sich die Russen nicht mehr überraschen. Sie wollen sich nicht kampflos niederringen lassen. Erst recht nicht von den Vereinigten Staaten." - "Was ist das? Die Russen schienen schon besiegt und jetzt so ein starker Konter! Können die Amerikaner dem standhalten?"

Dem Kommentator ist nicht nur seine Vorliebe für Kriegssprech, sondern auch seine Sozialisation in der westlichen Hemisphäre anzumerken. Und auch sein, vielleicht unbewusster, Bezug zur Geschichte schlägt sich in seiner Parteinahme für den großen Bruder aus Übersee wieder. Gerade jetzt, wo sich um Georgien der Kalte Krieg wieder entzünden könnte.

Bald sind seine Kommentare ein weiterer Beweis: Die unpolitischen Spiele sind ein einziges Politikum. Die Russen haben diesmal scheinbar die besseren Karten für sich, den gewitzteren Zuspieler, den durchschlagkräftigsten Angriff. Im dritten Satz bringen sie 80% ihrer Angriffsbälle durch und erzwingen nach dem 0:2-Rückstand noch einen Tiebreak. 

Doch der Westen hat das bessere Ende für sich. 15:13 der hauchdünne Sieg. Die Russen in einem ewigen Kraftakt niedergerungen. Geschichte wiederholt sich eben.  

Nachtrag 24.08.: Die USA haben tatsächlich auch das Finale gewonnen. Gegen Titelverteidiger Brasilien. Der lateinamerikanische Hinterhof. Ein Schelm, wer Analoges dabei denkt…

happy-go-lucky!

August 21st, 2008

Poppy geht dem Zuschauer spätestens nach fünf Minuten auf die Nerven. Wenn ich könnte, würde ich ihr über den Mund fahren. Ununterbrochen kickert und gackert sie, ist überhaupt kaum eine Sekunde still und immer einen besonders deplatzierten Gute-Laune-Spruch auf den Lippen. Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen. Poppy ist kein Mädchen zwischen Nuckelentwöhnung und Pubertät, sondern eine gestandene Frau. Ihr Modegeschmack schwankt zwischen extrem schick und extrem furchtbar. Fast immer dabei: Die Stiefel mit den hohen Absätzen und die gehäkelten Strumpfhosen in rot und schwarz mit großformatigem Blumenmuster.

Eine Grundschullehrerin, die die niedliche Infantilität ihrer Schützlinge auf die unangenehme Spitze treibt - Peter Pan wurde in der Kinoleinwand als lärmender Vamp wiedergeboren. Nur ganz selten kann sie ernst sein. Im Film erleben wir das nur zweimal: Bei einer abendlichen Begegnung mit einem singenden, stotternden Obdachlosen und das andere mal mit ihrem schreienden, spuckenden Fahrlehrer. Selbst als ihre bodenständige, jüngere Schwester sie an ihre tickende biologische Uhr und die fehlende finanzielle Absicherung erinnert, frotzelt sie weiter. Ja, sie bringt uns Zuschauer sogar dazu, die ziemlich normale Schwester für einen Inbegriff des Spießertums zu halten. So tief hat sie uns schon in ihre schrille, unbeschwerte Welt mitgenommen.

Sie lacht so laut und gerne, dass sie viel zu oft nicht merkt, dass leisere, sensiblere Stimmchen protestieren - und schließlich resignieren. Sie freut sich so über die Welt, dass sie nicht merkt, wie andere genau an dieser Welt und ihren weggelachten schlechten Eigenschaften scheitern. Über solche Unsentimentalität staunt der Zuschauer nur noch. Poppy Cross ist so nervig-nett, dass es die Hälfte der 118 Minuten dauert, bis es halbwegs erträglich erscheint. Dann plötzlich ändert Poppy unsere Sicht und macht uns ein bisschen mehr zum Teil ihrer Welt.

Während die 32-Jährige gleichzeitig anfängt, die Welt ein bisschen mehr mit unseren Augen zu sehen. Das Treffen in der Mitte ist wundervoll - der Film bekommt Tiefe, Sinn und eine Riesenportion Charme. Mit offeneren Augen erkennt Poppy das Problem eines Schülers und hilft ihm, über seinen gewalttätigen Stiefvater zu reden. Sie lernt den Schulpsychologen Tim kennen und lieben, versucht sich im Flamenco und im Autofahren. Für letzteres hat sie den bärtigen Scott an ihrer Seite. Wenn Poppy das arielweiße Ying ist, so ist Scott das bodenlose Schwarz. Er hat schon lange aufgehört zu lachen und sein Heil in düsteren Verschwörungstheorien und der Einsamkeit gesucht. Die Kollision der beiden wirft ihn aus der Bahn, während Poppy nicht einmal den Zusammenstoß registriert. Erst, als ihr all die Wut und Verzweiflung der durchgeschüttelten Seele um die Ohren fliegt. Ihr Aufschrei ist leise, aber doch nachhaltig. Poppy Cross lacht sich weiter durchs Leben, aber ein klein wenig erwachsener.

Die dritte Zusammenarbeit von Regisseur Mike Leigh und Hauptdarstellerin Sally Hawkins ist ein amüsanter, aber auch anstrengender Film. Die 32-jährige Britin hat für ihre Interpretation der Poppy den silbernen Bären verdient - und der Film hat den goldenen Bäden der diesjährigen Berlinale verdienterweise verpasst. Zu oft wirkt das Schrille aufgesetzt, zu oft ist das Heischen nach dem Witz in der Mimik Hawkins abzulesen. Erst als die leisten Töne im Laufe des Films lauter, gewichtiger werden, balanciert Leigh die Stimmung besser aus. Lässt uns zurücklehnen, entnerven und dann auch gut finden. Sogar die schwarze Häkelstrumpfhose mit dem großen Blumenmuster.