wall-e

September 29th, 2008

Märchen- und Sagenneuaufgüsse in buntester Zeichentrickfilmgestalt war gestern. Das brauchen die Macher aus der Disney-Traumfabrik nicht mehr. Ihre Animationsfilme bestechen durch intelligente neue Geschichten mit Superhelden, Clownsfischen, Ratten und - Robotern. Zunächst klingt die Geschichte alles andere als liebenswert: Der kleine Schrottroboter Wall-E rollt seit 700 Jahren auf einem ebenso zerstörten wie verlassenen Planeten herum, sortiert Müll und stapelt ihn zu festgepressten Würfelhochhäusern auf. Sein einziger Freund ist eine unzerstörbare Schabe. Er rattert so über eine Landschaft, die nur dank der Architekturruinen irgendwie an unsere Erde erinnert und hebt Glühlampen und Feuerzeuge, Zauberwürfel und Büstenhalter auf - obwohl er nie so genau weiß, wofür der Kram eigentlich gut sein soll.

Wall-E spricht nicht. Guckt höchstens mal mehr oder weniger erfreut und erweckt trotzdem schon nach wenigen Minuten die Sympathien. Wie er da so werkelt und sortiert, wie er versucht, den Menschen auf seinem Fernsehschirm tanzend nachzueifern oder wie er ganz sentimental wird, wenn er sich Liebesszenen ansieht. Regisseur Andrew Stanton zeichnet seinen Protagonisten so liebenswert, so menschelnd in seiner Einsamkeit, dass schon nach wenigen Minuten vergessen ist, dass Wall-E eigentlich nur ein Müllroboter, eine vom Mensch geschaffene Intelligenz ist. Auch wenn die alten Hauptdarsteller, die Tiere, im neusten Disney-Pixar-Abenteuer durch Roboter ersetzt werden, bleibt der Fabelcharakter erhalten.

Wall-E verliebt sich in die strahlend-weiße Sonde Eve, verlässt für sie Arbeit und Planet und wirbelt auf dem Raumschiff mit den letzten lebenden Menschen alles durcheinander. Einige Menschen rüttelt er aus ihrer konsumgesteuerten, gesättigten und völlig fremdbestimmten Existenz, er rettet die angeblich fehlerhaften Roboterexistenzen und zettelt eine Revolte an. Alles ungewollt. Er ist der Außenseiter, wie es schon die Ratte "Remy" im vergangenen Disney-Abenteuer "Ratatouille" war, aber er verändert die Gesellschaft, in dem er einfach seine Ziele verfolgt.

Düstere Science-Fiction-Szenarien von der Regentschaft der Maschinen über ihre Schöpfer mögen Pate für diese 98 Minuten intelligente Unterhaltung gestanden haben. Vielleicht auch der UN-Klimaschutzbericht und die Kämpfer gegen die globale Erwärmung. Doch deren Pessimismus wurde durchbrochen durch die Kraft, die schon die alten Märchen immer gut enden ließ. Denn auch im Jahr 2700 scheint das Wünschen noch zu helfen und ein kleiner schrottiger Roboter trotzt nicht nur Tod und Intrige, sondern vereint den sich erholenden Planeten und die schlauer gewordene Menschheit. Zumindest im Moment des Happy-Ends.

Angucken. Auch und erst recht als "Erwachsener". Denn Disney ist schon lange nicht mehr Kinderkram, sondern originelle Unterhaltung. Erster Beweis via youtube. Sehr süße Mini-Trailer gibt's ja auch noch haufenweise dazu.

Und das von mir sehr geschätzte Dia-Blog mochte Wall-E auch sehr gern. Was bei den üblichen Dia-Blog-Verrissen mindestens doppelt wiegt.

goldene tage

September 26th, 2008

Das ist er also, der goldene Herbst. Wenn das sonnengelb und das erdbeerrot in den Blättern der Bäume wiedergeboren werden, die die Landstraßen und Alleen begrenzen und die Welt wahrlich bunt aussehen lassen. Die Sonne spielt goldener in den Haarsträhnen der Passanten und sie lugt jetzt nur noch hervor, um nicht allzu schnell in Vergessenheit zu geraten. Es ist Herbst. Das merkt man vor allem in den engeren Innenstadtstraßen, in denen der Wind kräftiger weht und man schnell in die wärmenden Sonnenflecken springt, um sich von den letzten Sommersprossen auf der Nase herum tanzen zu lassen. An einem Freitag macht das Spaß, da können alle eher nach Hause gehen. Oder länger in ihrer jeweiligen Welt spazieren. Farbe einatmen. Erinnerungen speichern. 

Damit niemand sagen kann, es habe den Herbst nicht gegeben, er sei vom Winter hinterrücks übergangen worden. Heute ist er da. Und so schön wie er aussieht soll er noch ein paar Tage bleiben und die goldenen Fäden in unsere Lächeln einnähen.  

gehen, wenns am schönsten ist

September 24th, 2008

Erst ging die GamesConvention, zumindest große Teile von ihr. Die Unterhaltungselektronik-Riesen werden ab 2009 in Köln ausstellen, um möglichst noch mehr Besucher anzulocken. Leipzig war gut genug, solange der Messe die Klientel "Freaks und Kellerkinder" zugeordnet wurde. Als die GamesConvention aber ein wahrer Magnet für fast alle aus der werberelevanten Zielgruppe 14- bis 49-Jähriger wurde, suchte man Zuflucht bei einer Stadt, die zwar nicht für ihre Messen bekannt ist (höchstens für die in ihrem Dom), dafür aber in einem riesigen Einzugsgebiet potenzieller Werberelevanter befindet. Money makes the world go round!

Und jetzt geht das nächste ostdeutsche Event-Aushängeschild. Das "Highfield-Festival" wird 2009 zum letzten Mal am Stausee und Namensgeber Hohenfelden stattfinden. Schuld ist hier weniger das Geld, denn 2008 war das Festival mit 25 000 Besuchern erstmals ausverkauft. Nein, das Problem sind die Bierflaschen und Kronkorken, die die nicht ganz so relevanten Werbeträger vor allem in den Abendstunden hochprozentig angeheitert herumliegen lassen und die der Agrargemeinschaft Bad Berka die Camping- und Parkflächen des Festivals für den Rest des Jahres diese Hektar als Anbauflächen rauben. Wo es hingehen soll, ist noch unbekannt. Veranstalter Dieter Semmelmann wird in der heutigen Thüringer Allgemeine mit dem Wunschraum Leipzig zitiert, wo es viele ehemalige Tagebauorte gebe, die sich ähnlich eigneten. Doch auch einer verspäteten Einigung mit den Verpächtern am Stausee Hohenfelden sei man nicht abgeneigt.

Rocken also bald am Cospudener See, wenn schon nicht mehr Daddeln auf der neuen Messe?

zitiert

September 23rd, 2008

Du sagtest, dein wirkliches Wesen würde niemand ertragen, du müßtest dich ständig transponieren, um einen Platz in der menschlichen Welt zu finden. 

[magda szabó] 

apropos werther

September 13th, 2008

O meine Freunde! Warum der Strom des Genies so selten ausbricht, so selten in hohen Fluten hereinbraust und eure staunende Seele erschüttert? - Liebe Freunde, da wohnen die gelassenen Herren auf beiden Seiten des Ufers, denen ihre Gartenhäuschen, Tulpenbeete und Krautfelder zugrunde gehen würden, die daher in Zeiten mit Dämmen und Ableiten der künftig drohenden Gefahr abzuwehren wissen.

[johann wolfgang von goethe, einmal werther-lieblingszitat für alle...] 

nachtröpfelnde premiere in weimar: die ganz neuen leiden des jungen werther

September 12th, 2008

Stefan Konarske (Werther) und Aaron Hildebrand (Wilhelm) verzogen sich nach der Filmvorführung erstmal unter die Laterne gleich neben dem Goethe-und-Schiller-Denkmal. Die meisten Otto-Normalverbraucher-Premierengäste strömten zeitnah in die laue Sommernacht. Premierenfeier? Nein danke. Die Crew, die Prominenz, die Journalisten und ein paar Weimarer zogen ins Foyer des Deutschen Nationaltheaters um - und auf den wundervollen Theaterbalkon.

Jazzmusik, Häppchen, Sekt und zu lautes Lachen. Vermischt mit Zigarettenrauch. Yvonne Catterfeld hat ihre zwei Freundinnen dabei und plauscht mit Hannah Herzsprung, die im vorgestellten Film die Lotte spielt. Schneewittchengleich - die Haut weiß wie Schnee, die Lippen rot wie Blut und das Haar schwarz wie Ebenholz. Doch heute sieht sie wieder ganz normal aus, schlägt die Beine übereinander, die Haare sind wieder braun und zusammengebunden. 

So ist das also, wenn Regisseur Uwe Janson und Produzent Oliver Czeslik ihren Film im glanzvollen Rahmen vorstellen wollen. Einen Film, den jeder drei Tage vorher schon auf arte sehen konnte. Mit besserem Ton und dem gleichen mulmigen Gefühl. Dieser Werther, der hat nichts mehr von Goethes Protagonisten. Er ist in die heutige Welt geschossen und versteht seinen Leidensgenossen von vor 200 Jahren nicht mehr.

Denn im Gegensatz zum Romanvorbild bekommt er seine Lotte, er bekommt sie, weil er all die schönen Dinge, die an Willhelm geschrieben worden sind, diesmal direkt an seine Liebste richtet. "Er fängt mich ein mit seinen Worten", verrät sie ihrer Freundin. Und sie bleibt bei ihm, schickt ihren Fast-Verlobten Albert (im Übrigen ein sehr unsympathisch-harter Typ) weg. Aber Werther leidet unter ganz anderen Dingen. Er leidet an der kalten Welt, die Glamour und Wärme vorspielt und nur Einsamkeit zu geben hat. "Wie können Menschen einander so wenig sein", murmelt er, nachdem er Lotte gerade in den Armen hielt. "Ich habe gemacht, nicht gelebt - und Du hast es geglaubt!" Und dann erschießt er sich, vor ihren Augen, trotz ihres Protests. Weil man gehen soll, wenn es am Schönsten ist. Weil die Ernüchterung furchtbar ist, wenn man das bekommt, was man wollte und der Weltschmerz trotzdem nicht weniger wird.

Werther ist nicht mehr ein verzweifelt Liebender, sondern ein verzweifelt Hassender. Geboren aus dem Albtraum des Älterwerdens und der romantischen Verklärung des Jungseins. Das ist nicht Werther - und das ist nicht schön anzusehen. Die Kulisse schon. Jagdhaus Gabelbach, in dem ich selbst mehrfach meinen Winterurlaub verbrachte. Im verschneiten Thüriner Wald, der so frei atmen lässt. Aber auch das Licht des Films ist kalt, immer wieder die hektische Kameraführung, die Bilder verschwimmen, verlieren ihre Schärfe. Dazu tolle Musik von Miss Kenichi, stumme Bilder und immer wieder die Monologe Werthers. Das ist der Kompromiss, wenn ein Briefroman irgendwie halbwegs authentisch adaptiert werden soll. Es ist, mal wieder, nicht geglückt.

Die Schauspieler überzeugen. Auch Firtz Roth, der die erfundene Figur des Onkel Bernd verkörpert, der ständig "Fick Dich!" sagt und im Spiel tot umfällt, bis er einmal wirklich nicht mehr aufsteht. Er ist nicht nur unnötig, mal abgesehen von den paar flachen Witzen, er zieht die Handlung in die anstrengend in die Länge. Überhaupt lenkt soviel von der Liebesgeschichte ab, die Goethe einst erzählen wollte. Und die schön war, so wie sie war. Und die auch in der Neuzeit erzählt schön hätte werden können.  

Dass zu zwei Dritteln besetzte Nationaltheater jubelte und johlte indes. Vor allem die Schüler, die gezwungenermaßen hier waren - und doch Spaß hatten. Vielleicht mag ich einfach die Vorlage zu sehr, um mich auf diese Adaption einzulassen. Obwohl Plenzdorfs neuere Leiden auch gefielen. Wer lieber guckt, als liest, der schaue sich den Thüringer Augenzeugen zur gestrigen Premierenfeier an, die genau genommen keine Premiere war. 

brabbeln und laufen - die tanzmedienakademie zum weimarer kunstfest präsentiert ihre ergebnisse

September 8th, 2008

Sie glucksen und juchzen in Ventilatoren, mit denen sie sich gleichzeitig wie im Tanz durch die schlecht beleuchtete, kalte Halle schwingen. Sie wirbeln an den Zuschauern vorbei und murmeln und brabbeln ununterbrochen in ihren Muttersprachen: Deutsch, Englisch, Italienisch. Sie bleiben hier und dort bei einem Beobachter stehen und teilen ihm ihre gerade gewonnen Erkenntnisse mit. "Enter the next level" ruft eine hübsche Italienerin. Die 12 Tänzer erklimmen die Gerüste an den Seiten, rennen und rennen. Am Ende bewegen sie sich zu dritt in einem Rad, stehen Kopf, werfen sich entgegen gesetzt an die Wände des massiven Holzrades. Diese Kür habe ihnen während der dreiwöchigen Proben viele Verletzungen eingebracht - vor allem an der Hand, erzählt Ingo Reulecke. Er ist der künstlerische Leiter der Tanzmedienakademie, die zum zweiten Mal während des Kunstfestes in Weimar probiert.

Denn die Tanzmedienakademie ist Experiment, Zusammenarbeit mehrer Disziplinen: Medienkunst, Tanz, elektroakustische Musik. Wer sich zwischen heute und Mittwoch in die düstere Atmosphäre der riesigen Viehauktionshalle im Weimarer Norden wagt, der bekommt das Ergebnis präsentiert: Ein Stück aus Ton, Licht, Video und Bewegung.

Die Tänzer etwa tanzen doppelt. Genau vor den Augen der Zuschauer, die sich frei durch die 2500 Quadratmeter große Halle bewegen können, und auf der großen Videoleinwand am Kopf des Gebäudes. Letztere zeigt sie verzerrt, entfremdet, verfärbt oder hochkant und quer ins Weimarer Stadtbild montiert. Manche Sequenzen passen zum Live-Gezeigten, andere scheinen nur wenig Bezug auf das Geschehen in der Halle zu nehmen. Das solle die Bilderflut unseres Alltags verdeutlichen - und die Schwierigkeit, sie zu verarbeiten, erklärt Markus Wintersberger, der für die Ergebnisse der fünf Medienkünstler verantwortlich ist. Ob man das so rausliest oder einfach nur den Tänzern staunend beim Tanzen zu sieht - oft ohne unterlegte Musik, ist jedem selbst überlassen.

Dann schaffen sich die Tänzer ihre Rhythmen selbst. Durch Klatschen oder einfach Wortsilben. Mal agieren sie in einer perfekt abgestimmten Choreographie, mal improvisieren sie. Und der Zuschauer steht fast die ganze Zeit mittendrin. Sieht, wie die Lichtspots in der Nähe, in der Ferne oder genau über ihm angehen und den nächsten Tanzort anzeigen. Die Interaktion mit dem Publikum sei von den künstlerischen Leitern gewünscht. Gerade das Zufällige, nicht Planbare mache das Tanztheater im 21. Jahrhundert aus und sei eigentlich nur in dieser spontanen Form der heutigen Zeit, der hektischen Gegenwart, angemessen, findet Reulecke. Und so glucksen und springen, rennen und brabbeln sie. Auf der Leinwand weit über den Köpfen der Zuschauer und genau vor ihren Nasen.

Tanzmedienakademie: Montag, 8. September 2008, bis Mittwoch, 10. September 2008 jeweils 20 Uhr in der Viehauktionshalle (Weimar Nord) im Rahmen des Kunstfestes. Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes bis 2009. 

frühstücksgedanken

September 6th, 2008

Der Gesetzgeber macht das Werbung hören wirklich immer lustiger. Heute morgen Lotto-Werbung für die Samstagsziehung. Dann der formvollendete Text: Achtung, Teilnahme erst nach Vollendung des 18. Lebensjahres. Glücksspiel kann süchtig machen!

 Mehr davon! Meine Vorschläge: "VW. Das Auto. Fahren nur mit dem Führerschein der Klasse B. Achtung, Autofahren kann tödlich sein."

Oder wie wäre es mit: "Mc Donald's - ich liebe es! Achtung, diese Werbung kann in die Irre führen. Für gewöhnlich haben regelmäßige Fast-Food-Konsumenten nicht so eine Figur wie Werbeträger Heidi Klum."

Aber mein Favorit: "Rewe - jeden Tag ein bisschen besser! Bitte beachten Sie: Alkohol, Zigaretten, Kaffee, Tee, Schokolade, Eis und Shoppen können süchtig machen und gegebenenfalls Ihrer Gesundheit und Ihrer Figur schaden. Schwere Einkaufstaschen können Ihre Wirbelsäule einseitig belasten und zu starken Schmerzen führen. Die REWE-Kundenkarte dient vor allem dazu, ihre persönlichen Daten und Kaufgewohnheiten zu analysieren - und, solange das noch möglich ist, gewinnbringend zu verkaufen!"