Wir Europäer wüssten, wen wir wählen würden, wenn wir US-Amerikaner wären und am 4. November dürften. Barack Obama ist nicht nur der Hoffnungsträger seiner "yes-we-can"-Anhängerschaft, sondern der ganzen Welt. Genährt werden diese Hoffnungen in Zeiten der Wirtschaftskrise, die selbst eine Journalistin im gestrigen auslandsjournal tatsächlich ebenfalls dem noch amtierenden George W. Bush zuschrieb. Ihm kann man heute alles zuschreiben. Betrachteten ihn die Europäer bereits während der Wahl 2000 mit Argwohn, weil sie die Präsidentenfindung im Geburtsland der Demokratie äußerst undemokratisch fanden, so standen die Amerikaner zunächst hinter ihm.
Doch heute fällt niemand mehr auf, der Bush kritisiert. Kein Wort ist zu drastisch, keine Beleidigung unmöglich. "He was the worst", sagt die Journalistin - nicht nur der schlechteste Präsident der USA, sondern der schlechteste Regierungschef der ganzen Welt. Er wollte in die Geschichtsbücher und da ist er jetzt auch. Als unbeliebtester US-Präsident aller Zeiten. Niemand will mehr so richtig etwas mit ihm zu tun haben. Nicht einmal seine eigene Partei, die Republikaner. Zu groß die Angst, dass etwas von seinem Image auf das neue Duo McCain/Palin abfärben könnte. Die Europäer wüssten aber auch ohne George W. Bushs Unbeliebtheit, wen sie wählen müssten, wenn sie dürften.
Da ist einmal die fast schon prinzipielle Affinität zu den Demokraten, die eher für die Werte zu stehen scheinen, die auch in Europa etwas zählen. Die zumindest soweit modern sind, dass sie Homosexualität für möglich und das Abtreibungsverbot (zumeist) für veraltet halten. Die europäischen Sympathien lagen auch schon in den vergangenen Jahren bei Clinton, Gore und Kerry. Auch wegen der nicht ganz so unilateralen Außenpolitik. Wer mitreden darf, findet sympathisch. Jetzt liegen sie bei Obama. Europa vergöttert ihn. Für seine visionäre Kraft, für seine schillernde Persönlichkeit, die sich vor allem in seinem überdurchschnittlichen rhetorischen Talent zu zeigen scheint. Er konnte all die Hoffnungen, die in den Präsidenten der Noch-Hegemonialmacht USA gesteckt werden, absorbieren, konnte glaubhaft machen, dass er etwas verändern kann. Nicht nur will. Und auch viele Amerikaner lieben ihn. Er ist der erste, der es geschafft hat, auch die breite Masse der Durchschnittsamerikaner zum Spenden zu bewegen, nicht nur die Millionäre. Mit durchschlagendem Erfolg. Laut Tagesspiegel soll er bis heute mehr als 605 Millionen US-Dollar gesammelt haben. Der aktuelle Amtsinhaber hatte gerade einmal 188 Millionen US-Dollar für seinen Wahlkampf 2004 ausgegeben.
Und so konnte sich Obama gestern als erster Präsidentschaftskandidat überhaupt eine halbe Stunde Wahlwerbung zur besten Sendezeit auf den vier wichtigsten US-Fernsehstationen leisten. Um allen noch nicht überzeugten Wählern klarzumachen, warum er ein guter Präsident ist. Warum er nicht perfekt sein werde, aber trotzdem etwas bewegen könne. Es ging um ihn, seine Fähigkeiten und nicht um die Unfähigkeit seines republikanischen Rivalens. Kurz darauf ein viel kürzerer Spot von McCain, in dem er genau diese Unfähigkeiten des Demokraten offenzulegen versucht. Die Taktiken haben sich geändert, seit Obama vor einigen Wochen wieder steigende Umfragewerte erhielt. Er ist der strahlende, offensive Überzeuger. McCain ist der defensive Ausreder. Seit Wochen versucht er nicht mehr, sich selbst im besten Licht darzustellen, sondern nur noch Obama möglichst weit aus dem Licht herauszurücken. Er will die amerikanischen Wähler nicht von sich überzeugen, sondern ihnen nur den Kontrahenten ausreden. In den Augen eines Europäers eine wirklich unsympathische und wenig überzeugende Taktik. Obama hat Kontrahenten-Bashin natürlich auch mal praktiziert, als er mit McCain in den Umfragen gleichauf war. Doch der Vorsprung in den Umfragen hat ihn selbstsicherer gemacht.
Er fokussiert auf sich. Auf seine Person. Denn bei diesem Wahlkampf scheint es noch weniger um Sachthemen zu gehen, als bei den vergangenen Wahlen. "Change" versprechen sie beide. "Change" würde wohl auch jeder andere Präsidentschaftskandidat versprechen. Weil es eben Konsens ist, dass Bush jr. das Land hat verkommen lassen. Wer gewinnen will, muss vor allem sympathisch sein. Die Argumente und Ziele der beiden Kandidaten ähneln sich in vielen Punkten, es geht nicht mehr darum. Sondern darum, wer diese Ziele besser umsetzen können wird. Und wer das glaubhafter rüberbringt. Selbst John McCain scheint eingesehen zu haben, dass das Obama ist. Ihm hilft nur das Ausreden und die Hoffnung, dass ein anderer Faktor die Wählermeinung für ihn beeinflusst. Denn die Macht war bis jetzt immer bei den Weißen. Die Vorurteile, die Rassenkonflikte sind noch lange nicht überwunden. Obama könnte auch hier etwas ändern, wenn man ihn lässt.
Denn eins hat uns George W. Bush auch gelehrt: Man kann auch mit der Minderheit der Stimmen rechtmäßiger Präsident der Vereinigten Staaten werden. Wahlsystem sei dank. Und die entscheidenden Stimmen bekam er auch nicht für seine Standpunkte in Sachthemen. Claus Kleber führte in seinem Buch "Amerikas Kreuzzüge. Wohin treibt die Weltmacht" aus, dass er es wusste, seine Religiösität so gut wie kein Kandidat vor ihm zu nutzen wusste. Dass er Anhänger fand, die ehrenamtlich für ihn herum telefonierten. Und weil er Wähler fand, die von ihm überzeugt waren, weil er die religiösen Werte hochhielt und glaubhaft gläubig war. In diesem Wahlkampf wird diese Wählerschicht nicht entscheidend sein.
Die neue Überzeugungskraft heißt Vision. Und getragen wird Obamas erfolgreiche Kampagne von einem Handlanger, der erst durch das Aufkommen des Web 2.0 richtig interessant für die Wahlkampfstrategen wurde: das Internet.