verblendung

October 25th, 2009

Es sind die Personen, die Verlendung zu einem besonderen Krimi machen. Noomi Rapace legt soviel in einen Blick der Lisbeth Salander, dass sie sie gleichzeitig freilegt und maskiert. Darin spiegelt sich die Mischung aus Verletzung und Härte, die sie immer die Distanz halten lässt zwischen sich und der Welt. Es ist die Introvertiertheit, die ihr nahe liegt, aber der sie so viele Narben und Schmähungen verdankt, dass inzwischen Angriff ihre Verteidigung ist. Sie wehrt sich. Und sie versinkt in den Leben anderer, wenn sie sich in ihre Rechner hackt und akribisch alles sammelt, was auf ihren Festplatten über das Leben der anderen zu finden ist. So trifft Lisbeth Salander schließlich auf Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist). Oder besser gesagt, sie wird gefunden.

Blomkvist ist einer jener vom Aussterben bedrohten Art Journalist, die ihre Ideale über die Jahre retten und nicht in Zynismus ertränken, die sogar für sie ins Gefängnis gehen. Er soll einen Mord aufklären, der 39 Jahre zurück liegt und zu dem es keine Leiche, keinen Tatort und kaum Indizien gibt. Als er nicht weiter kommt, wendet er sich an Lisbeth. Im verschneiten Nirgendwo irgendwo in Schweden umgeben sie sich mit alten Fotos, befragen Tatverdächtige, die allesamt aus der Familie stammen, lassen sich beschießen und beobachten und kommen der Sache immer näher. Dieser Teil der Geschichte ist nichts Besonderes. Derlei Geschichten sind jeden Sonntag im öffentlich-rechtlichen zu sehen. Nicht umsonst wird die Verfilmung der Millenium-Trilogie von Stieg Larsson mit Henning Mankells Wallander-Romanen verglichen.

Nein, es ist die Verbindung mehrerer scheinbar so verschiedener Schicksal, es ist vor allem die Figur der Lisbeth, die den Zuschauer 152 Minuten in den Kinosesseln halten. Wie Schicht um Schicht abgetragen wird bis die Grenzen zwischen Opfer und Täter verschwimmen, bis die aufzuklärende Geschichte in den Hintergrund tritt. Es ist die Distanz, die Lisbeth Salander so faszinierend macht. Distanz, die sie zu ihrer Welt genauso hält wie zum Kinopublikum. Obwohl der Film so viel preisgibt über ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart; obwohl wir sie zu durchschauen meinen, bleibt sie doch immer fremd. Das liegt im Charakter der Figur. Im Blick, in dem die Härte die Verletzungen zu überdecken droht - und es doch nie ganz schafft.

stand der dinge

October 25th, 2009

Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst,
was weißt du von den Schmerzen,
die in mir sind und was weiß ich von deinen.

Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde
und weinen und erzählen,
was wüßtest du von mir mehr als von der Hölle,
wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich.

[franz kafka]

unberechenbar

October 13th, 2009

Nichts ist unberechenbarer als der Finanzsektor! Diese Aussage ist dieser Tage sehr populär. Politiker, Banker - sogar Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann: Alle waren völlig überrascht, dass die als kleine Jubiläumskrise geplante Konjunkturschlappe (”Gedenkknick 80 Jahre Weltwirtschaftskrise”) plötzlich völlig außer Kontrolle gerier. Arbeitsplätze, Automobilzulieferer, ein ausgeglichener Bundeshaushalt - alles von der Krise zerstört.

Es gibt allerdings eine Institution, die diese Unberechenbarkeit noch um Längen schlägt: Das Komitee, das den Literatur-Nobelpreis vergibt. Diesen Ruf hat es sich auch redlich über viele Jahre verdient. Schon Monate vor der Preisvergabe lassen die Juroren tonnenweise Zeitungen aus der ganzen Welt einfliegen. Jeder Schriftsteller, der in einem noch so kleinen Lokalanzeiger als Anwärter für den Nobelpreis genannt wird, ist automatisch aus dem Rennen. Der US-Amerikaner Philipp Roth ist so oft durchgestrichen, dass er auf den Listen für die kommenden 100 Jahre nicht mehr auftauchen wird. So heiß wird er jedes Jahr als Top-Favorit gehandelt - und jedes Jahr mehr, schließlich hatte er es schon im jeweils vergangenen Jahr mehr als verdient.

In diesem Jahr gewann Herta Müller - natürlich eine unberechnete Überraschung. Müller lebt seit 1987 in Berlin. Dort gibt es einen Sportverein, der dieser Tage unberechenbar eingebrochen ist und mit Negativergebnissen die rote Laterne verteidigt. Zeichen von Herta für Hertha: Auch ein Tabellenletzter kann Nobelpreisträger werden. Einen erfolglosen Fußballverein hatte noch nie ein Literatur-Experte auf der Liste.

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Dieser Text durfte bei meinem Arbeitgeber nicht erscheinen. Begründung: Für eine Kolumne ist er zu intelligent, der Leser muss sich viel zu sehr konzentrieren. Da nütze auch die gute Pointe nicht. Jaja, dem Leser drei Minuten Konzentration abzuverlangen, ist wirklich eine ganz schöne Zumutung. Wie schaffen die es dann, ein Buch von Herta Müller zu lesen? Oder den Kommentar zu 90 Minuten Hertha-Kick zu ertragen?

über die welt, die nur in fahrtenbüchern existiert

October 4th, 2009

Seit zwei Jahren lese ich Harald Martenstein nur noch unregelmäßig. Das liegt vor allem daran, dass das ZEITmagazin dem Kolumnisten mehr Platz eingeräumt hat. Er scheint selbst häufig nicht allzu viel mit der neuen Zeilenfreiheit anfangen zu können. Seine Texte erschienen mir beim Lesen immer häufiger weniger rund, weniger auf den Punkt geschrieben. Aber das Missfallen der neueren Texte, es muss irgendwie an mir selbst gelegen haben.

Denn am vergangenen Donnerstag war er hier. Hier in Bielefeld. Nach eigenem Bekunden zum ersten Mal in seinem Leben. Genau wie ich. Es ist, als habe es so sein sollen. Jedenfalls las er die länger gewordenen Kolumnen zur Eröffnung der Bielefelder Literaturtage in der hiesigen Stadtbibliothek - und ich habe mich ausgeschüttet vor Lachen.

Da war  die treffende Analyse der wandelbaren Jugendsprache, die  Sinnhaftigkeit von Umfragen, eine interessante Herangehensweise an das Problem der Sozialdemokraten oder die Entdeckung des Paralleluniversums der Fahrtenbücher. Ich muss gestehen, dass ich viele dieser Kolumnen gelesen, aber selten mehr als den Anflug eines Lächelns heraus gebracht habe. Es muss an diesem Mann liegen, der da mit seinen immer gleich zerzauselten Haaren und seiner immer gleichen kleinen Brille auf dem Podest sitzt und mit samtig-weicher Stimme erzählt, der sich auf das Publikum einlässt, dass an diesem Abend besonders redselig ist (”Was emnid ist in Bielefeld - von Ihnen lernt man ja noch richtig etwas…was soll das jetzt heißen, Bielefeld gibt es gar nicht? Ist das etwas metaphysisches? Verwirren Sie mich doch nicht so!”).

Der ins Nichts zu gucken scheint und vor sich hin schwadroniert bis er gar nicht mehr weiß, worauf er eigentlich hinaus wollte, der  dem Moderator Fragen vorschlägt und dann immer wieder vorliest. All die verlängerten Kolumnen aus der Zeit, neu geordnet in seinen Büchern “Der Titel ist die halbe Miete” und “Männer sind wie Pfirsiche”. Die er glücklicherweise auch eingelesen hat. Damit ich mir wieder regelmäßig meine Portion Martenstein abholen kann. Und wenn alle Kolumnen ausgelesen sind, dann muss ich mir die wöchentlich neu erscheinenden Texte im ZEITmagazin eben wieder vorlesen lassen…muss ich nur noch jemanden, mit einer samtig-weichen Stimme finden.