happy-go-lucky!
August 21st, 2008Poppy geht dem Zuschauer spätestens nach fünf Minuten auf die Nerven. Wenn ich könnte, würde ich ihr über den Mund fahren. Ununterbrochen kickert und gackert sie, ist überhaupt kaum eine Sekunde still und immer einen besonders deplatzierten Gute-Laune-Spruch auf den Lippen. Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen. Poppy ist kein Mädchen zwischen Nuckelentwöhnung und Pubertät, sondern eine gestandene Frau. Ihr Modegeschmack schwankt zwischen extrem schick und extrem furchtbar. Fast immer dabei: Die Stiefel mit den hohen Absätzen und die gehäkelten Strumpfhosen in rot und schwarz mit großformatigem Blumenmuster.
Eine Grundschullehrerin, die die niedliche Infantilität ihrer Schützlinge auf die unangenehme Spitze treibt - Peter Pan wurde in der Kinoleinwand als lärmender Vamp wiedergeboren. Nur ganz selten kann sie ernst sein. Im Film erleben wir das nur zweimal: Bei einer abendlichen Begegnung mit einem singenden, stotternden Obdachlosen und das andere mal mit ihrem schreienden, spuckenden Fahrlehrer. Selbst als ihre bodenständige, jüngere Schwester sie an ihre tickende biologische Uhr und die fehlende finanzielle Absicherung erinnert, frotzelt sie weiter. Ja, sie bringt uns Zuschauer sogar dazu, die ziemlich normale Schwester für einen Inbegriff des Spießertums zu halten. So tief hat sie uns schon in ihre schrille, unbeschwerte Welt mitgenommen.
Sie lacht so laut und gerne, dass sie viel zu oft nicht merkt, dass leisere, sensiblere Stimmchen protestieren - und schließlich resignieren. Sie freut sich so über die Welt, dass sie nicht merkt, wie andere genau an dieser Welt und ihren weggelachten schlechten Eigenschaften scheitern. Über solche Unsentimentalität staunt der Zuschauer nur noch. Poppy Cross ist so nervig-nett, dass es die Hälfte der 118 Minuten dauert, bis es halbwegs erträglich erscheint. Dann plötzlich ändert Poppy unsere Sicht und macht uns ein bisschen mehr zum Teil ihrer Welt.
Während die 32-Jährige gleichzeitig anfängt, die Welt ein bisschen mehr mit unseren Augen zu sehen. Das Treffen in der Mitte ist wundervoll - der Film bekommt Tiefe, Sinn und eine Riesenportion Charme. Mit offeneren Augen erkennt Poppy das Problem eines Schülers und hilft ihm, über seinen gewalttätigen Stiefvater zu reden. Sie lernt den Schulpsychologen Tim kennen und lieben, versucht sich im Flamenco und im Autofahren. Für letzteres hat sie den bärtigen Scott an ihrer Seite. Wenn Poppy das arielweiße Ying ist, so ist Scott das bodenlose Schwarz. Er hat schon lange aufgehört zu lachen und sein Heil in düsteren Verschwörungstheorien und der Einsamkeit gesucht. Die Kollision der beiden wirft ihn aus der Bahn, während Poppy nicht einmal den Zusammenstoß registriert. Erst, als ihr all die Wut und Verzweiflung der durchgeschüttelten Seele um die Ohren fliegt. Ihr Aufschrei ist leise, aber doch nachhaltig. Poppy Cross lacht sich weiter durchs Leben, aber ein klein wenig erwachsener.
Die dritte Zusammenarbeit von Regisseur Mike Leigh und Hauptdarstellerin Sally Hawkins ist ein amüsanter, aber auch anstrengender Film. Die 32-jährige Britin hat für ihre Interpretation der Poppy den silbernen Bären verdient - und der Film hat den goldenen Bäden der diesjährigen Berlinale verdienterweise verpasst. Zu oft wirkt das Schrille aufgesetzt, zu oft ist das Heischen nach dem Witz in der Mimik Hawkins abzulesen. Erst als die leisten Töne im Laufe des Films lauter, gewichtiger werden, balanciert Leigh die Stimmung besser aus. Lässt uns zurücklehnen, entnerven und dann auch gut finden. Sogar die schwarze Häkelstrumpfhose mit dem großen Blumenmuster.
