weiter leben

September 8th, 2009

Die Hoffnung auf Anschlag
Die Welt hält für mich nicht die Luft an

auslandsjournal

May 8th, 2009

Die Ostdeutschen stört nicht, was über sie in den Medien berichtet wird, sondern dass es klingt wie Auslandsjournal.

[Christoph Diekmann zitiert nach Hans-Jörg Stiehler]

Gestern trafen in der Uni Michel Foucault und Kommunikationswissenschaft aufeinander. Eine Referentin stieß im Seminar “Ostdeutschland in den Medien” eine Diskussion zur Konstruiertheit des Ostdeutschen an. Zuvor hatte sie eine halbe Stunde über unterschiedliche Radionutzung in Ost und West gesprochen, für Fernsehen und Presse lassen sich auch zwanzig Jahre nach der Wende noch gravierende Unterschiede feststellen. Das Problem der kommunikationswissenschaftlichen Empiriker: Sie können sie nicht so recht erklären, weil sich viele soziokulturelle Faktoren, die man kurz nach dem Mauerfall als Erklärung heranzog, immer mehr angleichen.

So ist zu konstatieren, dass die Ostdeutschen früher am Tag den Fernsehr einschalten und länger fernsehen. Sie haben einen Hang zur Unterhaltung, schauen eher Privatfernsehen (dazu in der von RTL in Auftrag gegebenen Studie “Deutschland einig Fernsehland”: Von Ostdeutschland lernen heißt genießen lernen), hören eher Begleit- als Einschaltradion und sind seltener Nutzer von Qualitätspresse. Diese Unterschiede existieren real.

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das jahr der schlechten nachrichten - woche 1

January 7th, 2009

Jaja, unser aller Kanzlerin hat es ja laut und deutlich artikuliert - und wer es nicht glauben wollte, wird jetzt eines besseren belehrt: 2009 wird das Jahr der schlechten Nachrichten. Schon die erste Woche des frisch geschlüpften und tief verschneiten Jahres war voll davon.

Schlechte Nachrichten für Thüringen: Am Neujahrstag ging die Nachricht durch das grüne Herz Deutschlands: Ministerpräsident Dieter Althaus bei einem Skiunfall schwer verletzt. Eine Frau ist tot. Seit gestern häufen sich die Meldungen, dass Althaus Schuld sei am Zusammenstoß und somit am Tod der vierfachen Mutter und Frau eines Nato-Offiziers. In Thüringen wird dieses Jahr gewählt. Fällt Althaus länger aus, scheint ein rot-roter Regierungswechsel unausweichlich. Was für schlechte Nachrichten! Bodo Ramelow als neuer Ministerpräsident! Da scheint die Idee fast schön, dass der Nato-Offizier bei Schuldnachweis ein paar Truppen einpackt und Thüringen erstmal besetzt. So als herrschaftsfreies Gebiet.

Schlechte Nachrichten für die Bauern: Der Milchstreik war vergebens. 44 Cent kostet derweil ein Liter H-Milch, 49 Cent ein Liter Frischmilch. Das ist weniger als vor den Milchpreis-Debatten im vergangenen Jahr. Das Wort Finanzkrise hat für den Milchbauern wohl auch eine ganz besondere Bedeutung.

Schlechte Nachrichten für den Ladenöffnungszeitenausnutzer: Der kriegt nämlich in dieser Woche keine Milch. Wahrscheinlich horten zuhause alle dieses preiswerte Getränk, denn im Jahr der schlechten Nachrichten muss es ja wieder teurer werden - und dann hat man was gespart. Wer halb Acht in den Discounter seiner Wahl kommt, starrt in leere Pappkartons, weder frisch noch haltbar gemacht ist das tierische Getränk zu haben. Nur noch als Buttermilch - aber ob damit der Pudding schmeckt?

Für Weimarer Bürger: Es schneit und schneit und schneit. Das schöne, alte Pflaster verwandelt sich in Sekundenschnelle in eine böse Seifenbahn, die Asphaltstraßen weißen sich voll, der Schnee stapelt sich. Doch der Winterdienst ist nirgends zu sehen. Erst heute, drei Tage nach dem ersten Schnee, sind alle Straßen plötzlich geräumt. Zuvor kämpfte der Unterboden gegen verharschte Schnee-Gebirgchen zwischen den freigeschmolzenen Autoreifenpfaden, bewegten sich Fußgänger extrem langsam im Entengang - bis sie sich regelmäßig ganz schnell bewegten - abwärts. Aber wer fällt nicht gern auf das Pflaster, auf dem sich auch Goethe mit 89%iger Sicherheit schon einmal den Dichterpo blaustieß. Und die Leute die auf der Bundesstraße durch Weimar durchfahren wollen, können dank Langsamfahr-Garantie endlich mal sehen, wie schön Weimar so im angeeisten Seitenspiegel aussieht. Von daher eigentlich doch nicht komplett schlechte Nachrichten.

Und schlechte Nachrichten für das Nobelpreis-Komitee: Die Lyrikerin Inger Christensen starb am 02. Januar. Jetzt ist den Preisverschenkern schon die erste Dauerdauerdauerkandidatin weggestorben, die ihn wirklich verdient hätte.  Traurig auch für alle anderen, die die Sprache und das Spiel damit lieben, das Christensen so gut beherrschte.

Wenn ich Gedichte schreibe, dann kann es mir einfallen,
so zu tun, als schriebe nicht ich,
sondern die Sprache selber.

[inger christensen]

[edited 8.Januar 15:23]

das b-wort

November 12th, 2008

Schon mal mit Shakespeare durch die Stadt gegangen? Keine ruhige Minute hat man da. Von allen Seiten raunt und tuschelt es. Mit dem Finger zeigen sie auf uns. Regelmäßig wird er fotografiert. Am Anfang dachten meine Familie und ich, das sei nur eine Übergangsphase. Die Passanten würden sich schon an ihn gewöhnen. Außerdem würde er ja auch noch wachsen.

Aber nichts. Das Fingerzeigen, Tuscheln und Fotografieren ging weiter. Es wurde sogar noch schlimmer. Sie kamen an, hätschelten ihn am Kopf.“Ja gutschi, gutschi,  bist Du aber ein wunderschöner Hund.“ Wenn manche Menschen einen Hund sehen, verlieren sie alle Hemmungen. Sie vergessen, dass es sich auch bei einem Hund um  ein Individuum handelt, das nur zu höflich ist, um ihnen sofort die Nase abzubeißen. Rechtlich ist unser Shakespeare sogar ein Gegenstand. Was würden  all die Tätschler,  sagen, wenn ich am hellerlichten Tage ihr Auto streichelte: „Ja gutschi, gutschi, bist Du aber ein schönes Auto!“

Heute aber war ich kurz davor, meine Höflichkeit zu vergessen. Als ein übergewichtiger, glatzköpfiger Prolet mit Mundgeruch auf Shakespeare zurannte und ihm einen Nasenkuss verpasste. Mehrere Sekunden lang. Völlig unbeirrt von der Tatsache, dass ich mit meiner Familie die Augenbrauchen synchron in die Höhe schnell ließen. Meine gute Erziehung verbot mir zu sagen: „Zahlen Sie dann auch den Psychologen, der meinen Hund von diesem Trauma befreit?“

Am Schlimmsten sind allerdings die, die mich bei Frostgraden kurz nach der Dämmerung im Park auf meinen schönen Hund ansprechen und mit ihrem vermeintlichen Wissen protzen. „Der ist noch jung, hm?“ – „Ja, 14 Monate.“ – „Da wächst er bestimmt noch.“ – „Ein wenig.“  Dann, mitten aus frostigem und noch nicht ganz blauem Himmel kommt es, das B-Wort:  „Alle Bernhardiner, die ich kenne, sind viel  breiter.“ – „Schön, nur gut, dass Shakespeare ein Berner Sennenhund ist.“

Kann man ja mal verwechseln. So einen schwarzen Hund mit weißen und braunen Flecken mit einem weißen Hund mit braunen Flecken. Meine Lieblingsantwort: „Achso, dann ist der also auch gar nicht nach dem Film ‚Ein Hund namens Beethoven‘  benannt?“ Nein,  genau genommen war Shakespeare der größte englische Dichter und hatte weder braune Flecken, noch ein Rumfäßchen um den Hals.

[will sagen - der November-student! ist da und liegt überall, wo Studenten zum Studieren hinkommen...die Kolumne ist auch drin, aber die kennt ihr ja jetzt schon]

feiertagsblues

October 31st, 2008

Was für eine Freude, als heute morgen die Sonne durch die Ritzen der Rollos lugte. Doch lange blieb sie nicht. Jetzt ist es grau, ich bin müde. Arbeit gibt es immer, aber nicht immer ausreichende Ressourcen dazu. 

Herbst nennt man das gemeinhin. Auch den Seelenzustand. Und ich kann mich nicht mal daran festhalten, dass Luther so viele Jahre vor mir Thesen nicht an die Wittenberger Kirche nagelt, auch wenn sie das Gerücht geflissentlich hält. Ich kann mich auch nicht darüber ärgern. Weder die alte noch die neue Kirche ist die meine. Und auf meinem Fleckchen Erde isst man gerne Kürbis, aber schnitzt keine Fratzen hinein, oder macht nochmal Klingelpartie, weil heute der einzige Tag ist, in dem es dank amerikanischem Kultureinfluss gesellschaftlich legitimiert ist, fremden Leuten auf die Nerven zu gehen. Die finden dann noch irgendwo die Nugateier vom letzten Weihnachten. Oder die Schokoosterhasen. Aber es geht ja auch nicht um Süßes. Schließlich sind wir spätestens seit diesem Jahr eine Fitness-Gesellschaft mit integriertem Ampelsystem beim Einkaufen. Es geht ja nur ums Klingelndürfen. Ich bin für sowas nicht da. Wenn unsere Klingel nicht sowieso schon nicht ginge, würde ich dafür sorgen, dass sie nicht geht. 

Als letzter Lichtblick bleibt immer nur Musik

Wie das Wetter wohl in Schweden ist? 

aus den augen,…

October 8th, 2008

Eine Lektion, die ich wohl lernen musste. Aber hart war es. Dass viele nicht dran denken würden, wenn instant messenger und Social-Networking-Portal es ihnen nicht mehr mitteilen, war mir schon klar. Dass es sogar meine drei zwei (für die langsame Post kann sie ja nix) Lieblingsmädels vergessen, hätte ich nicht gedacht. Auch, wenn zwei von ihnen gerade im Ausland sind. Gesteigertes Unwohlsein. So wie das klingt, fühlt es sich ungefähr an…

eine minute glückseligkeit.

October 3rd, 2008

Der Sommer fängt an zu rosten und fällt rot und gelb auf die Straßen. Die Wolken werden grauer, aber sind immer seltener zu sehen, denn die Nacht steht immer früher auf. Selbst die glühend rote Gerbera in meinem Fensterbrett verblüht, obwohl sie die Kälte nur hinter Glas sieht, wie im Zoo.

Doch wenn die Tage nur noch lang bekleidet lebbar sind, dann öffnen in Kleinstädten wieder die Schwimmhallen. So auch hier. Chlorwasserbadewanne mit meerblauen Fliesen, sieht nicht wie Südsee aus und verheißt doch Entspannung. Unter Wasser ist die Sicht so klar. Abstoßen vom Beckenrand und unter Wasser fliegen. Mit möglichst wenig Bewegung. Das Wasser trägt schon - von allen Seiten. Dann ein paar Züge und schon ist der Rhythmus da. Arme und Beine graben sich ein in das Wasser, das zunächst unangenehm kalt ist, dessen Temperatur dann immer unwichtiger wird. Der Rhythmus ist entscheidend, er wird immer gleichmäßiger, unter Wasser Luft freisetzen und ihr beim Auftauchen zu sehen, immer langsamer denken und immer schneller schwimmen. Es ist leer am Abend, Platz zum Leben, Platz zum Entspannen. 

Der Körper heizt sich auf. Jetzt ist er so warm, dass die Schwerelosigkeit im Wasser noch deutlicher wird. Am warmen Körpfer gleitet das kalte Wasser vorbei, gleichmäßig. Es ist nicht mehr unangenehm, sondern kühlt. Kühlt den Kopf und die Seele. Richtige Betriebstemperatur. Wie das Wasser gleiten die Gedanken vorbei, sie können sich nicht festhalten, sie bleiben zurück hinter der regelmäßigen Atmung, hinter den Kopf-, Arm- und Beinbewegungen. Sie würden stören in dieser Einheit. Sie sind nur eine kleine Erinnerung an das Leben außerhalb des Beckens, in dem die Schwerkraft ihnen hilft, sich bis in die innerste Synapse durchzuquetschen, festzubeißen und dort zu bleiben. Hier bin ich frei. Die Lichter unter Wasser gehen an. Wenn man nah genug vorbei schwimmt, wärmen sie für einen kleinen Augenblick. Die Welt scheint sich umzukehren. Das Licht kommt von unten, also von oben. Ich tauche ab, um Luft zu holen und bin an der Oberfläche zuhaus. Den blauen Fliesen, auf denen ich lautlos liegen kann. Verweilen - bis mir die Luft ausgeht. Eine Minute Glückseligkeit. 

(irgendwann soll es wieder so sein. und es sollen vier hände sein…nicht nur zwei) 

wieder allein.

October 2nd, 2008

Das ungesprochne Wort
erweist sich immer mehr
als größter Klotz des Alltags

Zuvor am gleichen Ort
geht bald heimlich einher
die starke Axt des Rückschlags

Schienen sich so nah
wie Zwillingsschwestern nur
klang nach Unendlichkeit

So unnahbar
war ihrer Grundnatur
immer nur Schweigen
nie ein kleiner Streit

Die Welt dreht weiter
nahm uns zwei auch mit
doch nicht im gleichgesinnten Boot

Der Riss wird breiter
ganz nah ist der Split
die Verbindung ist tot

statt lachend befreit
von den fesselnden Masken
durch diese entzweit
sie tragen die Lasten

wieder allein.

goldene tage

September 26th, 2008

Das ist er also, der goldene Herbst. Wenn das sonnengelb und das erdbeerrot in den Blättern der Bäume wiedergeboren werden, die die Landstraßen und Alleen begrenzen und die Welt wahrlich bunt aussehen lassen. Die Sonne spielt goldener in den Haarsträhnen der Passanten und sie lugt jetzt nur noch hervor, um nicht allzu schnell in Vergessenheit zu geraten. Es ist Herbst. Das merkt man vor allem in den engeren Innenstadtstraßen, in denen der Wind kräftiger weht und man schnell in die wärmenden Sonnenflecken springt, um sich von den letzten Sommersprossen auf der Nase herum tanzen zu lassen. An einem Freitag macht das Spaß, da können alle eher nach Hause gehen. Oder länger in ihrer jeweiligen Welt spazieren. Farbe einatmen. Erinnerungen speichern. 

Damit niemand sagen kann, es habe den Herbst nicht gegeben, er sei vom Winter hinterrücks übergangen worden. Heute ist er da. Und so schön wie er aussieht soll er noch ein paar Tage bleiben und die goldenen Fäden in unsere Lächeln einnähen.