alice in wonderland

March 7th, 2010

Alice ist wieder da. Die Märchenfabrik Disney hat Tim Burton engagiert, um aus der Lewis-Carroll-Vorlage eine computeranimierte Version zu machen. Alices blaues Kleid aus dem Zeichentrickfilm ist ein bisschen schulterfreier und luftiger geworden - und Alice ein bisschen älter. Aber ihre schrulligen Weggefährten bleiben die gleichen. Die Grinsekatze, die sich ganz nach Belieben in Luft auflöst, der verrückte Hutmacher, der beständig bei Tee sitzt und auf das Auftauchen Alices (Mia Wasikowska) wartet und die beiden streitenden Pummelchen Dideldei und Dideldum. Sie alle verfolgen nur einen Plan: Die weiße Königin (Anne Hathaway) wieder auf den Thron bringen und deren Schwester, die cholerische und mordlustige Herzkönigin(die großartige Helena Bonham Carter) zu stürzen.

Wie es in Märchen so ist, gibt es nur eine Heldin, die diesen Umsturz schaffen kann: Alice. Und wie es in Märchen ebenfalls üblich ist, wendet sich am Ende alles zum Guten. In Tim Burton Manier ist das Wunderland vor allem ein düsterer Ort. Wer die Herrschaft über das Königreich Unterland halten kann, bestimmt vor allem, wer das Jabberwocky kontrollieren kann. Die Figur des urzeitlich aussehenden schwarzen Riesendrachens wurde bereits in einem Gedicht von Lewis Carroll erwähnt. Burton hat sie also nicht erfunden, um seine Geschichte düsterer zu machen. Die meisten Figuren des Wunderlandes entspringen der Vorlage, sie scheinen allerdings viel weniger verrückt und konfus. Der Hutmacher, verkörpert vom kultigen Johnny Depp, der sich selbst allerdings dank Schminke und digitaler Nachbearbeitung überraschend unähnlich sieht, bekommt nur von Zeit zu Zeit einen Anfall von Verrücktheit. Ansonsten ist sie gespielt, um die Schergen der Herzkönigin zu täuschen. Letztere erscheint eher diktatorisch schrullig mit ihrem stets gegenwärtigen “Kopf ab!”-Rufen, ihrem tierischen Personal und dem Neid auf ihre beliebte Schwester.

Burton mischt ein wenig des Flairs aus Herr der Ringe mit den Farben der Disneywelt und der Burton-typischen Atmosphäre. Nach einer halben Stunde ist das alte Bild von Alice und ihrem Wunderland vergessen. Zwar kokketiert der Film damit, eine verrückte Alice und verrückte Unterland-Bewohner zu präsentieren, doch sie wirken gar nicht verrückt. Ob sie es sind, spielt keine Rolle. Der Normalismus, der seit dem 20. Jahrhundert in der westlichen Welt herrscht, wird aufgebrochen. Vielmehr als um die Frage, was normal ist und was nicht, geht es um die Selbstbestimmtheit des Lebens. Alice, die sich in ihrer Welt im England des 19. Jahrhunders weigert, Korsett und Strümpfe zu tragen, ist nicht bereit, den Jabberwocky zu töten, nur weil eine Prophezeihung das voraussagt.

Das Wunderland verkörpert die Fantasie, sei es nun eine Traumwelt oder real. Es ist unwichtig. Denn die Flucht ins Wunderland tritt Alice an, als ihr ein echter, aber ziemlich einfältiger Lord vor versammelter Mannschaft einen Heiratsantrag macht. Mit Hilfe des Hutmachers und seiner Freunde schafft Alice es, wieder an das Unmögliche zu glauben - und auf sich selbst zu vertrauen. Sie befreit zuerst die Bewohner Unterlands und dann sich selbst in der realen Welt. Ein wunderbar buntes Märchen also, das Lewis Carrolls Welt liebenswerter macht und uns allzu Erwachsenen wieder einmal die Fantasie nahebringt - und die Zauberkraft des Kindbleibens.

Trailer [via youtube]

duplicity - gemeinsame geheimsache

May 14th, 2009

Eigentlich wollte ich hier ein paar kurze Eindrücke zum Film “Duplicity - Gemeinsame Geheimsache” loswerden. Aber ich lasse kurz meine Begleiterin sprechen:

Hm, naja, wenigstens hat Julia Roberts mitgespielt!

[Katja]

Nur soviel noch von mir: Gucken sollte ihn jeder der völlig verschlungene Plots mag, der prinzipiell schon immer der Meinung war, dass niemandem auf dieser Welt zu trauen ist. Jeder, der “Tatort” viel zu durchsichtig findet und selbst bei britischen Krimis spätestens eine Stunde vorher weiß, wer der Täter war. Jeder, der dem dritten Teil von Fluch der Karibik problemlos folgen konnte, wird sich prächtig amüsieren. (So wie ich.)

Nicht reingehen sollten Leute, die mit Rückblenden ein Problem haben, die nicht glauben können, wieso sich zwei Liebende nicht vertrauen. Niemand, der auf Happy Ends hofft oder findet, dass Filme immer fertige Interpretationen der Welt anbieten müssen (klare Unterscheidung in gut und böse, eine vorgezeichnete Zukunft nach Ende des Films).

Man kann natürlich auch reingehen, weil man Julia Roberts und Clive Owen großartig findet. Denn das sind sie in diesem Hollywood-Streifen definitiv.

007 - ein quantum trost

November 21st, 2008

Was ist eigentlich mit den deutschen Rezensenten los? Was haben sie mich gewarnt. Der Filmvorführer gab "Ein Quantum Trost" gerade einmal zwei von fünf Sternen: Zu wenig Witz, zu wenig Tradition, zu wenig James Bond. Die Süddeutsche Zeitung fand, die Bond-Girls lebten entweder zu kurz oder zu lange, ohne richtige Bond-Girls zu sein. Und von allen Seiten kam die Klage: "Er sagt überhaupt nicht: Mein Name ist Bond, James Bond. Und er trinkt auch keinen Martini." Dazu noch die ewige Leier: Daniel Craig passt nicht in die Verlängerung einer Reihe charismatischer, gutaussehender Gentlemen von Sean Connery über Roger Moore bis Pierce Brosnan.

Ich habe mir den Film trotzdem angesehen. Zum Glück. SO stelle ich mir nämlich einen Geheimagenten vor. Blutig geschlagen, übernächtigt, misstrauisch, voller Hass. Ja sicher, andere Geheimagenten, Paradebeispiel Jason Bourne, können das auch sein und waren es schon. Aber das ist doch kein Kriterium. Dieser Bond entwickelt sich endlich weg von dieser charakterlosen Kühle, die Frauen nehmend und vergessend, wie sie kommend und immer ein makelloser Diener der britischen Krone. Der Bond aus "Ein Quantum Trost" wird als Figur endlich interessant, indem er all die hemmenden Traditionen von Gentlemen-Sein und Martini-Trinken, Frauen sammeln und abgenuddelte Sprüche brabbeln befreit. Und er ist besonders stark, gerade weil Daniel Craig ihn spielt. Musste erst ein Schauspieler kommen, dessen Gesicht Ecken und Kanten hat, damit die Figur 007 Ecken und Kanten bekommt?

Die 103 Minuten sind jedenfalls rasant und unterhaltsam. Das Köpfchen ist gefragt, um all die Personen zuzuordnen, die Freund-Feind-Listen ständig zu aktualisieren und die Ortswechsel unterzubringen. Aber hey, warum nicht mal ein Action-Film, bei dem es nicht nur ballert und kracht - obwohl es das oft genug tut. Schnelle Schnitte bei Verfolgungsfahrten und -jagden auf italienischen Straßen und über italienische Dächer, Verschwörertreffen in der Oper und im Wüstenhotel. Bond bleibt immer hin- und hergerissen zwischen der Jagd auf die geheimnisvolle Gruppe Quantum, von der der MI6 rein gar nichts weiß, die aber überall ist - und seiner persönlichen Jagd nach Antworten und den Mördern seiner geliebten Vesper. Er wird beides schaffen, obwohl sein eigener Geheimdienst ihn wegen der USA im Stich lässt und er nicht viele Verdächtige am Leben lässt. 

Obwohl "Ein Quantum Trost" wenige Stunden nach seinem Vorgänger "Casino Royale" einsetzt, hat Regisseur Marc Forster seinen Protagonisten viel lernen lassen. Die Geheimagententugenden wie Misstrauen, Kaltblütigkeit und Vergessen, die im Vorgänger sehr blass waren, sind plötzlich voll ausgeprägt.

Nur, wenn er sich entgegen seines Auftrags um Camille kümmert, das Bond-Girl, dem 007 nicht mehr abtrotzen wird, als eine Umarmung und einen flüchtigen Kuss, scheint der alte, der weiche Bond noch manchmal auf. Die beiden verbindet der Verlustschmerz und der lodernde Wunsch nach Rache. Sie retten einander das Leben und können sich doch nicht retten aus dem Gefängnis, "das da drin ist", wie Camille sagt und dabei James' Kopf berührt. Olga Kurylenko balanciert ihre Camille dabei so beeindruckend zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke aus, das man sich wünscht, die James-Bond-Macher würden mit noch einer unsäglichen Tradition brechen und Camille auch im 23. Bond-Film auftauchen lassen. Schließlich hätte dieser geschundene und leer gewütete Bond ein Quäntchen Trost verdient.

wall-e

September 29th, 2008

Märchen- und Sagenneuaufgüsse in buntester Zeichentrickfilmgestalt war gestern. Das brauchen die Macher aus der Disney-Traumfabrik nicht mehr. Ihre Animationsfilme bestechen durch intelligente neue Geschichten mit Superhelden, Clownsfischen, Ratten und - Robotern. Zunächst klingt die Geschichte alles andere als liebenswert: Der kleine Schrottroboter Wall-E rollt seit 700 Jahren auf einem ebenso zerstörten wie verlassenen Planeten herum, sortiert Müll und stapelt ihn zu festgepressten Würfelhochhäusern auf. Sein einziger Freund ist eine unzerstörbare Schabe. Er rattert so über eine Landschaft, die nur dank der Architekturruinen irgendwie an unsere Erde erinnert und hebt Glühlampen und Feuerzeuge, Zauberwürfel und Büstenhalter auf - obwohl er nie so genau weiß, wofür der Kram eigentlich gut sein soll.

Wall-E spricht nicht. Guckt höchstens mal mehr oder weniger erfreut und erweckt trotzdem schon nach wenigen Minuten die Sympathien. Wie er da so werkelt und sortiert, wie er versucht, den Menschen auf seinem Fernsehschirm tanzend nachzueifern oder wie er ganz sentimental wird, wenn er sich Liebesszenen ansieht. Regisseur Andrew Stanton zeichnet seinen Protagonisten so liebenswert, so menschelnd in seiner Einsamkeit, dass schon nach wenigen Minuten vergessen ist, dass Wall-E eigentlich nur ein Müllroboter, eine vom Mensch geschaffene Intelligenz ist. Auch wenn die alten Hauptdarsteller, die Tiere, im neusten Disney-Pixar-Abenteuer durch Roboter ersetzt werden, bleibt der Fabelcharakter erhalten.

Wall-E verliebt sich in die strahlend-weiße Sonde Eve, verlässt für sie Arbeit und Planet und wirbelt auf dem Raumschiff mit den letzten lebenden Menschen alles durcheinander. Einige Menschen rüttelt er aus ihrer konsumgesteuerten, gesättigten und völlig fremdbestimmten Existenz, er rettet die angeblich fehlerhaften Roboterexistenzen und zettelt eine Revolte an. Alles ungewollt. Er ist der Außenseiter, wie es schon die Ratte "Remy" im vergangenen Disney-Abenteuer "Ratatouille" war, aber er verändert die Gesellschaft, in dem er einfach seine Ziele verfolgt.

Düstere Science-Fiction-Szenarien von der Regentschaft der Maschinen über ihre Schöpfer mögen Pate für diese 98 Minuten intelligente Unterhaltung gestanden haben. Vielleicht auch der UN-Klimaschutzbericht und die Kämpfer gegen die globale Erwärmung. Doch deren Pessimismus wurde durchbrochen durch die Kraft, die schon die alten Märchen immer gut enden ließ. Denn auch im Jahr 2700 scheint das Wünschen noch zu helfen und ein kleiner schrottiger Roboter trotzt nicht nur Tod und Intrige, sondern vereint den sich erholenden Planeten und die schlauer gewordene Menschheit. Zumindest im Moment des Happy-Ends.

Angucken. Auch und erst recht als "Erwachsener". Denn Disney ist schon lange nicht mehr Kinderkram, sondern originelle Unterhaltung. Erster Beweis via youtube. Sehr süße Mini-Trailer gibt's ja auch noch haufenweise dazu.

Und das von mir sehr geschätzte Dia-Blog mochte Wall-E auch sehr gern. Was bei den üblichen Dia-Blog-Verrissen mindestens doppelt wiegt.