brabbeln und laufen - die tanzmedienakademie zum weimarer kunstfest präsentiert ihre ergebnisse
September 8th, 2008Sie glucksen und juchzen in Ventilatoren, mit denen sie sich gleichzeitig wie im Tanz durch die schlecht beleuchtete, kalte Halle schwingen. Sie wirbeln an den Zuschauern vorbei und murmeln und brabbeln ununterbrochen in ihren Muttersprachen: Deutsch, Englisch, Italienisch. Sie bleiben hier und dort bei einem Beobachter stehen und teilen ihm ihre gerade gewonnen Erkenntnisse mit. "Enter the next level" ruft eine hübsche Italienerin. Die 12 Tänzer erklimmen die Gerüste an den Seiten, rennen und rennen. Am Ende bewegen sie sich zu dritt in einem Rad, stehen Kopf, werfen sich entgegen gesetzt an die Wände des massiven Holzrades. Diese Kür habe ihnen während der dreiwöchigen Proben viele Verletzungen eingebracht - vor allem an der Hand, erzählt Ingo Reulecke. Er ist der künstlerische Leiter der Tanzmedienakademie, die zum zweiten Mal während des Kunstfestes in Weimar probiert.
Denn die Tanzmedienakademie ist Experiment, Zusammenarbeit mehrer Disziplinen: Medienkunst, Tanz, elektroakustische Musik. Wer sich zwischen heute und Mittwoch in die düstere Atmosphäre der riesigen Viehauktionshalle im Weimarer Norden wagt, der bekommt das Ergebnis präsentiert: Ein Stück aus Ton, Licht, Video und Bewegung.
Die Tänzer etwa tanzen doppelt. Genau vor den Augen der Zuschauer, die sich frei durch die 2500 Quadratmeter große Halle bewegen können, und auf der großen Videoleinwand am Kopf des Gebäudes. Letztere zeigt sie verzerrt, entfremdet, verfärbt oder hochkant und quer ins Weimarer Stadtbild montiert. Manche Sequenzen passen zum Live-Gezeigten, andere scheinen nur wenig Bezug auf das Geschehen in der Halle zu nehmen. Das solle die Bilderflut unseres Alltags verdeutlichen - und die Schwierigkeit, sie zu verarbeiten, erklärt Markus Wintersberger, der für die Ergebnisse der fünf Medienkünstler verantwortlich ist. Ob man das so rausliest oder einfach nur den Tänzern staunend beim Tanzen zu sieht - oft ohne unterlegte Musik, ist jedem selbst überlassen.
Dann schaffen sich die Tänzer ihre Rhythmen selbst. Durch Klatschen oder einfach Wortsilben. Mal agieren sie in einer perfekt abgestimmten Choreographie, mal improvisieren sie. Und der Zuschauer steht fast die ganze Zeit mittendrin. Sieht, wie die Lichtspots in der Nähe, in der Ferne oder genau über ihm angehen und den nächsten Tanzort anzeigen. Die Interaktion mit dem Publikum sei von den künstlerischen Leitern gewünscht. Gerade das Zufällige, nicht Planbare mache das Tanztheater im 21. Jahrhundert aus und sei eigentlich nur in dieser spontanen Form der heutigen Zeit, der hektischen Gegenwart, angemessen, findet Reulecke. Und so glucksen und springen, rennen und brabbeln sie. Auf der Leinwand weit über den Köpfen der Zuschauer und genau vor ihren Nasen.
Tanzmedienakademie: Montag, 8. September 2008, bis Mittwoch, 10. September 2008 jeweils 20 Uhr in der Viehauktionshalle (Weimar Nord) im Rahmen des Kunstfestes. Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes bis 2009.
