generalamnestie

August 25th, 2008

Jetzt hängt sie wieder in der Luft und den meisten schon zu den Ohren raus: Die ewige Diskussion um leistungssteigernde Mittel im Leistungssteigerungssport. 43 Weltrekorde wurden während 16 Tage Olympischer Spiele gebrochen, davon allein 25 im Schwimmsport. Das Erklärungsvokabular wird immer schwammiger und immer weiter hergeholt: Ausnahmetalente, nahtlose Anzüge, breitere Becken, neue Trainingsmethoden. Doch immer schwingt es mit. Wie ein Flüstern zwischen zwei Armzügen mahnt das Halbwissen schlau: Natürlich ist das alles nicht mehr natürlich!

Doch niemand hat das Interesse oder das Rückgrat alle Karten auf den Tisch zu legen, den Leistungssport an sich an den Pranger zu stellen - auch das Publikum, das Extreme liebt und immer neue Top-Leistungen erwartet, trägt sein Päckchen daran. Wie viele Athleten wirklich sauber sind und wie viele nicht, das weiß niemand. Da fällt es leichter, den Generalverdacht im Herzen herumzuschleppen. Und als Sportreporter allenfalls vage anzudeuten, was nach jedem neuen Dopingfall immer wahrscheinlicher ist - dazwischen immer wieder all die samtweichen externen Erklärungen.

Die Beweggründe der Sportjournalisten sind zu verstehen. Gibt es den Sport nicht mehr, den sie nicht nur aus Berufswegen lieben, dann müssten sie sich einen neuen Job suchen. Aber warum immer wieder das Betroffenheitsgesicht aufsetzen, wenn ein Dopingfall bekannt wird? Warum immer wieder die große Panik schieben, obwohl es ja passieren muss, solange sich die Kontrollmethoden - und vor allem die Leistungsmentalität - nicht grundlegend ändern?!

Und warum setzt sich eine fachfremde Thea Dorn (weil Krimi-Autorin, nicht Sportwissenschaftler) zum "kulturzeit"-Interview zurecht und proklamiert zum Tausendsten Mal den Vorschlag, Doping solle legalisiert werden? Man käme nie vollständig dagegen an, warum dann kämpfen?

Warum mühen sich die Richter und Justizbeamten jeden Tag noch ab? Diebstahl, Betrug und Mord - wie hoch die Strafen auch sind, sie sind niemals abschreckend genug. Jeder glaubt, das kleine unentdeckbare Lügentürchen gefunden zu haben. Nie werden wir bei allen den Hang zur Straftat ausrotten? Warum weiter versuchen? Generalamnestie! Mord legalisieren! Dann sind aber auch die Krimiautoren arbeitslos. Die guten Geschichten des Alltags müssen nämlich die ehemaligen Sportjournalisten nur noch aufschreiben.

geschichte wiederholt sich

August 22nd, 2008

Während sich der schwankende Hegemon USA und sein kleinlautes NATO-Gefolge mit den aufbegehrenden Russen um den größeren diplomatischen Affront rund um den Kaukasus duelliert, stehen sich Abkömmlinge beider Nationen gegenüber - getrennt durch ein 2,43 Meter hohes Netz. Der Hegemonanwärter im autokratischen Anzug hat ins rote Land der Mitte geladen - und alle sind nach Beijing gekommen.

Die unpolitischen Olympischen Spiele halten immer wieder Wettkämpfe zwischen Nationen bereit, die sich außerhalb des Sports nicht mögen - oft sogar mehr als das. Diesmal hat der Sportgott die Russen und die US-Amerikaner ins Halbfinale des Volleyballturniers gewürfelt. Die Giganten des Kalten Krieges sind in dieser Sportart ebenfalls Großmächte. Der Kommentator schießt sich ein, mit dem üblichen Sportvokabular. Eine Militärphrase nach der anderen: "Von solchen Angriffen lassen sich die Russen nicht mehr überraschen. Sie wollen sich nicht kampflos niederringen lassen. Erst recht nicht von den Vereinigten Staaten." - "Was ist das? Die Russen schienen schon besiegt und jetzt so ein starker Konter! Können die Amerikaner dem standhalten?"

Dem Kommentator ist nicht nur seine Vorliebe für Kriegssprech, sondern auch seine Sozialisation in der westlichen Hemisphäre anzumerken. Und auch sein, vielleicht unbewusster, Bezug zur Geschichte schlägt sich in seiner Parteinahme für den großen Bruder aus Übersee wieder. Gerade jetzt, wo sich um Georgien der Kalte Krieg wieder entzünden könnte.

Bald sind seine Kommentare ein weiterer Beweis: Die unpolitischen Spiele sind ein einziges Politikum. Die Russen haben diesmal scheinbar die besseren Karten für sich, den gewitzteren Zuspieler, den durchschlagkräftigsten Angriff. Im dritten Satz bringen sie 80% ihrer Angriffsbälle durch und erzwingen nach dem 0:2-Rückstand noch einen Tiebreak. 

Doch der Westen hat das bessere Ende für sich. 15:13 der hauchdünne Sieg. Die Russen in einem ewigen Kraftakt niedergerungen. Geschichte wiederholt sich eben.  

Nachtrag 24.08.: Die USA haben tatsächlich auch das Finale gewonnen. Gegen Titelverteidiger Brasilien. Der lateinamerikanische Hinterhof. Ein Schelm, wer Analoges dabei denkt…